Metzingen Lasst uns singen

metzingen chortage und musiknacht 2015
metzingen chortage und musiknacht 2015 © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Regine Lotterer 28.06.2015
Drei klangvolle Tage haben gestern Abend ihren Abschluss gefunden: Insgesamt 90 Chöre zeigten in der Sieben-Keltern-Stadt die faszinierenden Facetten des Gesangs und begeisterten damit ihre Zuhörer.

Das Klagelied der Moderne stimmen die Männer der Eintracht Pfullingen an: „Ich finde keinen Parkplatz. Ich komm zu spät zu Dir. Und an jeder Ecke stehn Politessen, lauern wie Panther, zum Sprung bereit.“ Ihre Bühne steht, vom samstäglichen Fabrikverkaufsverkehr umtost, am Lindenplatz. Viele der ausländischen Gäste eilen mit scheelem Seitenblick auf das Geschehen vorbei. Doch wer stehen bleibt, wird belohnt: Die Chöre, die sich anschicken, die Vielfalt des Chorgesangs in die Keltern-Stadt zu tragen, präsentieren sich in Bestform, Gutelaunemusik an einem vom Wetter nicht ganz ungetrübten Wochenende.

Gegen die Regentropfen am Samstag singen die Akteure wacker an, am Marktplatz wagt Thomas Preiß, Musiklehrer und Leiter zweier Chöre, den Versuch, die Zuhörer zu einer großen Singgemeinschaft zu formen. Immerhin sitzen im Publikum, das unter großen, weißen Schirmen eine Latte Macchiato, ein kühles Kristall oder ein Gläschen Rosé genießt, etliche Sänger, die die entspannte Atmosphäre in der Stadt in vollen Zügen genießen. „Lasst uns singen, auf dem Chorfest in Metzingen“: Den Text zur Melodie der alten Hippie-Hymne „Let the sunshine in“ übt Preiß binnen 20 Minuten mit seinem spontan entstandenen Chor ein. Das Ergebnis kann sich anschließend hören lassen. Freilich endet damit die Musik der wilden 60er Jahre gezähmt und ihrer Stacheln beraubt als Teil der Populärkultur. So ändern sich die Zeiten.

Auch die Songs der Beatles, jener Liverpooler Band, deren Auftreten gestandene Herrschaften einst in Rage zu versetzen vermochte, wehen nun als Klassiker der Musikgeschichte durch die Metzinger Straßen, ebenso wie das „Halleluja“ von Leonhard Cohen. Ein Lied, das zahlreiche der 90 Chöre, die am Wochenende den Weg nach Metzingen fanden, in ihrem Repertoire besitzen. Musik vermag eben Grenzen zu überwinden und scheinbare Gegensätze zu vereinen. Das stellt die Jugend des Schwäbischen Chorverbands, die für das samstägliche Programm am Marktplatz verantwortlich zeichnet, eindrucksvoll unter Beweis. Beinahe zwölf Stunden lang zeigten hier die so genannten Jungen Chöre ihr Können. Am Lindenplatz, der zweiten Spielstädte, endete der Gesang schon zwei Stunden früher. Sobald die Ladentüren des Fabrikverkaufs schlossen, waren die Zuhörer weg, schildert Irmgard Naumann vom Organisationsteam. Im Epizentrum des Fabrikverkaufs erklangen am Samstag auch deutsche Texte, was durchaus im Trend liegt, wie Nicole Kümmerle, die Vorsitzende des Bezirks Neckar-Erms im Chorverband Ludwig Uhland, sagt. Tatsächlich wenden sich nicht wenige Sänger neben modernen deutschen Stücken, etwa dem eingangs erwähnten „Mambo“ von Herbert Grönemeyer, wieder den überkommenen Weisen zu. Freilich interpretieren sie diese anders als die Generation ihrer Großväter, ein durchaus reizvolles Spiel mit der Tradition.

Alle zehn Jahre richtet der Chorverband Ludwig Uhland ein großes Sängertreffen aus, das er nicht zuletzt als Schaufenster für die Vielfalt des Chormusik verstanden wissen will. Dieses Ziel dürften die Verantwortlichen mit den drei klangvollen Metzinger Tagen erreicht haben. Die meisten Sänger und Zuhörer hätten sich zufrieden, wenn nicht gar begeistert vom Konzept gezeigt, resümieren die Organisatoren. Großen Zuspruch erhielten dabei auch das Programm in der durchweg rappelvollen Vinothek sowie die Musiknacht, die an zehn Spielorten außergewöhnlich Klang- und Seherlebnisse versprach. Mehr als 500 Karten verkaufte der Schwäbische Chorverband für das Spektakel.

Ausverkauft hatte sich zum Auftakt der Chortage die Metzinger Stadthalle präsentiert. Zweieinhalb Stunden Programm warteten hier auf die Zuhörer. Das Fazit fiel anschließend so deutlich wie knapp aus: „Brillant.“ Viel Lob erhielten außerdem die jüngsten Sänger. Ihr Musical „Tim und die Seeräuber“ sahen rund 800 Zuhörer, die mit Beifall für die Leistungen nicht geizten.

Friedrich Silcher, der Spiritus Rector der deutschen Chormusik, hätte dem Programm der vergangenen Tage ebenfalls Beifall gespendet, glaubt Irmgard Naumann: „Er würde sich freuen, wenn er sehen könnte, dass die Chormusik lebt.“ Selbstredend erklangen in der Keltern-Stadt Lieder des am 27. Juni 1789 geborenen Komponisten, der die deutschen Chöre wie kaum ein anderer prägte. Silchers Geburtstag gebührend zu feiern, dazu hatten übrigens die Bad Uracher am Samstag aufgerufen: Der Chor „Heu und Öhmd“ gab zu seinen Ehren eines seiner seltenen Konzerte. Derweil schickte die Kurstadt zur Unterstützung der Metzinger Chortage eine Delegation, bestehend aus dem Fanfarenzug und dem Sängerkranz, talabwärts. So einfach kann Nachbarschaftshilfe funktionieren.

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