Ist der Dank für die eingefahrene Ernte noch zeitgemäß angesichts der vollen Supermarktregale? Die zahlreichen Landwirte, die am Sonntag nach Würtingen gekommen waren, beantworteten diese Frage des Kreisbauernverbandsvorsitzenden Gebhard Aierstock allein schon durch ihre Anwesenheit.

Dennoch: Laut Aierstock freuen sich nicht alle Bauern über die eingebrachte Ernte, treibt sie doch die Sorge angesichts ihrer ungewissen Zukunft, der Serie schwieriger Wetterjahre und Angriffe von außen um. Hinzu kommen noch Preise, „die wenig Impulse nach oben zeigen“.

Immer mehr Vorschriften

Besonders aber plage die Landwirte das gesellschaftliche Umfeld: „Sie werden von der Saat bis zur Ernte und von der Geburt eines Kalbes bis hin zum fertigen Käse auf den Prüfstand gestellt“. Immer strengere Vorschriften sowie Einmischungen und gute Ratschläge stellten eine Zumutung dar. „Wir fühlen uns missverstanden, abgehängt und vorverurteilt, dabei wollen wir Tierwohl, Insektenschutz und Klimawandel gemeinsam mit dem Verbraucher umsetzen“, so Aierstock.

So sah es auch Norbert Lins, EU-Abgeordneter der CDU und Vorsitzender des Agrarausschusses in der EU. Ihm bereite Sorge, wie in Deutschland über immer neue Vorschriften diskutiert und damit die Landwirtschaft immer stärker eingeschränkt werde. „Landwirte sind Opfer des Klimawandels und es liegt in ihrem eigenen Interesse, dass es nicht so kommt, wie befürchtet“.

Bauern sitzen zwischen allen Stühlen

Wie notwendig politische Unterstützung ist, zeigte sich in der Festansprache von Juliane Vees, Präsidentin des Landfrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern. Denn die Landwirtschaft sei „diesem enormen Druck nicht mehr gewachsen“ und säße mit Markt, Mut und Mainstream zwischen allen Stühlen. Das Tun bäuerlicher Familien werde hinterfragt, sie stünden am Pranger. In diesem Jahr falle vielen Bauernfamilien der Erntedank besonders schwer. Zum einen, weil sie von vielen Seiten Angriffe erfahren und der Druck von außen immer größer werde, zum anderen, weil sie nicht kostendeckend arbeiten könnten. „Da steht uns ein Volksbegehren ins Haus, als hätte die Landwirtschaft jedes einzelne Insekt allein auf dem Gewissen. Kein Wort von Steingärten, von Versiegelung der Landschaft, von Autobahnstaus und einem Himmel voller Flugzeuge“. Vor Ort seien Landwirte immer mehr Naturschutz, Artenschutz und „Rettet die Bienen“ ausgesetzt, gleichzeitig aber auch dem Weltmarkt preisgegeben. „Diesen Spagat können viele Betriebe nicht mehr schaffen“, meinte Vees und sprach von nur noch 39 000 landwirtschaftlichen Betrieben im Land.

Verbraucher muss sich entscheiden

Dabei trage der Verbraucher selbst mit seinem Einkaufsverhalten zur Problematik bei: „Immer billiger, immer frischer, immer unzeitgemäßer – die Wertschätzung der Mittel zum Leben ist zu gering“. Bei ihrem Einkauf könnten Menschen ein Statement setzen für regionale, gesunde Produkte aus der Heimat und damit auch für den Erhalt der Landwirtschaft vor Ort. „Wir Bäuerinnen und Bauern arbeiten mit großem Einsatz und sehr viel Verantwortung. Wir denken nicht an den schnellen Profit – wir denken in Generationen, nicht in Geschäftsjahren. Wir kümmern uns um unsere Tiere, um die Böden und die Menschen, wir wollen unseren Hof erhalten und in die Zukunft weiterentwickeln“.

Wer dankt, denkt nach

Martina Lauterbach, stellvertretende Bürgermeisterin von St. Johann, hob die Bedeutung von Erntedank hervor: „Wer dankt, denkt nach und erinnert sich“. Nahrung sei nicht nur ein Agrarprodukt, sondern eine Gabe Gottes.

Pfarrer Sebastian Roos gab zu bedenken, dass der Mensch viel gestalten und pflegen könne: „Wachsen lassen kann er aber nicht“.

Die Kreisvorsitzende der Landfrauen, Pia Münch, sprach das Schlusswort, musikalisch umrahmt wurde das Kreiserntedankfest von den „64´ern vom Musikverein Upfingen“ und vom Landfrauenchor. Das Kabarettduo „Flegga-Rätscha“ sorgte für die komödiantische Unterhaltung.

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