Metzingen Läufer sammeln gegen die moderne Sklaverei

Metzingen / Von Peter Kiedaisch 31.07.2018

Etwa 150 Milliarden US-Dollar werden jährlich durch Sklaverei erzielt. Diese Zahl stammt von der Organisation International Justice Mission (IJM), für deren deutschen Zweig sich eine frühere Metzingerin einsetzt. Esther Thorens, geborene Krampulz, hat einen großen Teil ihrer Jugend in Metzingen verbracht und lebt heute in der Schweiz. Doch ab und zu zieht es sie zurück ins Ermstal, denn dort leben ihre Familie und viele Freunde. Zuletzt war sie wegen des Ermstal-Marathons hier. Sie hat die Zehn-Kilometer-Distanz schon einige Male absolviert, „weil der Lauf relativ einfach ist“, sagt sie, denn vom Start in Bad Urach bis ins Ziel nach Metzingen geht es überwiegend talabwärts. „Außerdem mag ich die tolle Stimmung“, sagt sie.

Ihre Stimmung aber hat zuletzt arg gelitten und in ihr so etwas wie einen heiligen Zorn ausgelöst, sagt sie. Weil mehr Menschen als je zuvor als Sklaven missbraucht werden, obwohl diese Art der Ausbeutung in allen Ländern weltweit verboten und geächtet ist. In Wahrheit, glaubt sie zu wissen, gibt es heute weit über 40 Millionen Menschen, die versklavt werden. An ihnen und ihrem Schicksal bereichern sich skrupellose Geschäftemacher. 71 Prozent der Betroffenen sind Frauen und Mädchen, zehn Millionen sind Kinder, und der Durchschnittspreis eines versklavten Menschen beträgt 90 US-Dollar, sagt Esther Thorens und bezieht sich auf Zahlen, die die IJM veröffentlicht. „Seit meiner Kindheit haben mich Themen wie Soziale Ungerechtigkeit  und unwürdige Behandlung anderer Menschen beschäftigt“, berichtet sie. Als sie erstmals vom Schicksal versklavter Menschen erfuhr, entschloss sie sich, an einer IJM-Botschafterschulung teilzunehmen. Botschafter sind freiwillige Mitarbeiter, die es sich zur Aufgabe machen, über das Thema des modernen Sklavenhandels aufzuklären und auch Spenden zu sammeln.

Das hat Esther Thorens auch gemacht. Während des Ermstal-Marathons am 8. Juli waren  es 24 Läufer, die sich für diese Aktion engagiert haben. Mit dem T-Shirt und einer Spende für die IJM wollten sie auf das Schicksal der mehr als 40 Millionen versklavten Menschen aufmerksam machen. 4000 Euro hat diese Aktion eingebracht. Geld, das aus Sicht der Unterstützer gut angelegt ist.

Die IJM arbeitet an mehr als 20 Orten auf der ganzen Welt. Beispielsweise in Ghana, wo zehntausende Kinder auf dem Volta-See in der Fischerei arbeiten. Als Sklaven, von denen einige kaum älter sein sollen als vier Jahre. „Manche Kinder arbeiten bis zu 18 Stunden am Tag. Sie fischen nachts im Dunkeln auf dem Wasser. In den wackligen Holzbooten haben sie große Angst, weil sie nicht schwimmen können. Immer wieder ertrinken Kinder. Ihre Körper sind voller Narben und spiegeln jahrelange knochenharte Arbeit und Gewalt durch die Bootsbesitzer wieder“, teilt beispielsweise die IJM mit. Ihre Aufgabe ist es, mit den jeweiligen Regierungen zusammen an der Ermittlung und Befreiung von Kindern sowie an der Strafverfolgung der Täter zu arbeiten. Für das Projekt in Ghana heißt das, dass gemeinsam ein Modell zur Bekämpfung von Kindersklaverei entwickelt werden soll, sodass bald kein einziges Kind mehr zum Fischen gezwungen wird.

Inzwischen, so teilt die IJM mit, konnten organisationseigene Ermittler mit der Polizei mehr als 100 Kinder befreien, die in der Fischerei versklavt waren. Anwälte erreichten eine erste Verurteilung eines Bootsbesitzers wegen Kinderhandels.

Esther Thorens ist mit dem Ergebnis des Spendenlaufs zufrieden: „Für mich war es eine rundum gelungene Aktion.“ Im Vorfeld hatte sie weder mit so vielen Läufern noch mit einer so hohen Spendensumme gerechnet. Ihr heiliger Zorn indes wird sich erst legen, wenn es keine Sklaven, keine Zwangsarbeit und keine Menschen mehr gibt, die davon profitieren.

90

US-Dollar ist der Durchschnittspreis für einen Sklaven. Weltweit sollen rund 40 Millionen Menschen versklavt sein.

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