Region Kulturszene - Über singende Bürgermeister aus Reutlingen

Region / OTTO PAUL BURKHARDT 24.09.2015
Irgendwie scheinen singende Bürgermeister bevorzugt aus Reutlingen zu kommen. Der eine, Ex-Finanzdezernent Peter Rist, hatte schon während seiner Amtszeit überregionales Aufsehen als Schlagersänger erregt.

Irgendwie scheinen singende Bürgermeister bevorzugt aus Reutlingen zu kommen. Der eine, Ex-Finanzdezernent Peter Rist, hatte schon während seiner Amtszeit überregionales Aufsehen als Schlagersänger erregt. Unvergessen dürfte seine umstrittene Haushaltsrede 2012 im Reutlinger Gemeinderat sein, die er mit live angesungenen Schlagertiteln bereicherte wie "Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?".

Klar, dass er prompt den zweifelhaften Ehrentitel "Schalala-Bürgermeister" verpasst bekam. Als er dann seinen Job am 5. Juni 2013 an den Nagel hängte und gegen eine Schlagerkarriere in spe eintauschte, verkündete er in seinem typischen, unbeirrbaren Optimismus noch: "Es gibt kein Zurück."

Und eigentlich wollte Rist, der sich seither "Der Glücklichmacher" nennen lässt, kürzlich in Bad Waldsee sein neues Album "Das sind wir uns wert" präsentieren. Ein Album, das nach seinen Worten "viel Gefühl" und "viel Persönliches" offenbare. Doch die Präsentation am 19. September fiel aus - als Gründe nennt Rist eine Erkältung und gereizte Stimmbänder.

Ein weiterer Hintergrund dürfte sein, dass es den Schlagersänger Peter Rist nun doch wieder zurück in die Kommunalverwaltung zieht. Der 46-jährige Ex-Reutlinger Finanzbürgermeister will, wie berichtet, Schultes in seiner Heimatstadt Isny werden. Da, wo er früher mal Kämmerer war. Auch für diese Lebenswende hat er eine passende Zen-Weisheit parat: "Wer seinen eigenen Weg geht, dem wachsen Flügel."

Um dem Hin und Her ein vorläufiges Ende zu machen, verkündet Rist auf seiner Website erstmal "Isny im Allgäu hat Vorrang." Bis zur Wahl am 8. November gelte: "Bis auf weiteres gebe ich keine Konzerte aufgrund meiner aktuellen Kandidatur um das Amt des Bürgermeisters meiner Heimatstadt Isny im Allgäu."

Rein von der Faktenlage her ist auch Dr. Markus Raab, Ex-Reutlinger Kulturamtsleiter, ein singender Bürgermeister. Denn seit 2003 amtiert er als Kulturbürgermeister in Esslingen, gleichzeitig zuständig für Ordnungs-, Sozial- und Schulwesen. Der 55-jährige promovierte Philosoph hat vielseitige kulturelle Interessen. Und ja, er singt, und zwar im Stile des "Rat Pack", also jener legendären Entertainer-Gruppe um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis junior.

Als "Well Done Raab" wird er bei der Reutlinger Kulturnacht am 26. September im Jazzclub Mitte zu erleben sein. Mag sein, dass er damit auf Benjamin Franklins Diktum anspielt: "Well done is better than well said." Wie auch immer: Raab ist ein Phänomen. Er ist Humortheoretiker, aber auch bekennender John-Wayne-Fan. Er glaubt nicht an die Allmacht des Machbaren ("die Welt ist nicht nur für uns, sondern auch für sich selbst") und schätzt als unberechenbarer Theater-Aficionado so gegensätzliche Regisseure wie Peter Stein und Frank Castorf.

Schubladen- oder gar Lagerdenken war noch nie Raabs Sache. Als Reutlingen 2002 ein großkotziges Kultur- und Kongresszentrum plante, gehörte er - entgegen aller Parteiräson - zu den eindringlichsten Warnern. Die von ihm gegründete Reutlinger Theateroffensive, eine gemeinsame Gastspielreihe regionaler Bühnen, gilt dagegen bis heute als Erfolgsmodell. Zuletzt war Raab hier mit einer John-Wayne-Lesung zu Gast. In Esslingen wird ihm nachgesagt, dass man ihn oft "mit Hut und Mantel in der Stadt auf dem Weg zu den vielen Terminen sieht". Mit Hut wird er nun im Jazzclub Mitte auftreten - angekündigt als "Hauptattraktion an diesem Abend".

Sein Programm, heißt es weiter, werde er "edel, aber lässig auf die Bühne bringen". Und so kündigt sich Raabs Trio, ergänzt um Anna Linvill, an: "Well Done Raab, Sauer and The Vienna Man presenting Anna Linvill. . . Glavier, Gerede, Gesang. Kein Jazz! Some English, poco espanol, viel deutsch. Die Lieder bekannt, die Interpretationen weniger. Manche sagen, das Beste an den drei Herren seien diese Superhüte. Zur künstlerischen Sicherheit sozusagen direkt aus USA: Anna Linvill." Wann? Um 20.30, 21.30 und 22.30 Uhr.

Wichtige Anregungen holte sich der Sänger Raab übrigens beim Uracher Musikherbst 2014 - da gab ihm Helen Donath, Weltklasse-Sopranistin der Karajan-Ära, eine umfangreiche Privataudienz. Wenn's klappt, erzählte er neulich, dann werde er bald beim Pop-Idol Boy George in London auftreten.

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