Kulturszene · Kamino & Karrieren: Kino-Treff und Neuorientierung

OTTO PAUL BURKHARDT 03.03.2015

Veraltet, brauchen wir nicht mehr, kann weg. So wurde phasenweise auch über die guten alten Programmkinos geredet - vor allem zu Zeiten des Multiplex-Booms, also jener Großkinos mit mindestens acht Sälen, mehr als 1600 Sitzplätzen und hoch avancierter Technik. Allein 1997 mussten deshalb rund 170 unabhängige Kinos dicht machen.

Der Boom ebbte wieder ab. Und jetzt blühen langsam auch wieder die guten alten Programmkinos - teils organisiert als Genossenschaften dank eines steigenden bürgerschaftlichen Engagements. Wie das Kamino im Reutlinger Wendler-Areal, für das jetzt - nach erteilter Baugenehmigung - die Bagger mit den vorbereitenden Arbeiten begonnen haben.

Aber es gibt noch mehr. Vier Programmkino-Genossenschaften im Ländle treffen sich jetzt am Samstag zu einem "Meinungsaustausch" in Bad Waldsee, teilt Stefan Marschall vom Pressekontor mit. Wieso Bad Waldsee? Weil dort am 8. Januar ein paar Enthusiasten (man zählt 129 Genossenschaftsmitglieder) ein "eigenes kleines schmuckes Kino" eröffnet haben, wie es heißt. 45 Jahre kinolose Zeit gab's in Bad Waldsee, bis jetzt das "seenema" ins Leben gerufen wurde. Der Name des Programmkinos entstand aus einer Kombination - der Lage direkt am Stadt-"see" und dem englischen Wort für Kino "cinema": beides ergibt zusammen eben "seenema". Die Kurbel in Karlsruhe wiederum gehört zu den ältesten Kinos der dortigen Innenstadt: 1957 eröffnet, wurde sie mehrfach umgebaut. Als 2009 dann die Schließung drohte, gründeten Bürgerinnen und Bürger eine Genossenschaft - und seit Oktober 2010 erstrahlt das Haus mit drei Sälen in neuem Glanz. Schließlich Aalen: Dort beansprucht das 2006 eröffnete "Kino am Kocher" den Titel "Deutschlands erstes Kino auf Basis einer Genossenschaft". Die zählt über 520 Mitglieder.

Das Treffen der vier genossenschaftlichen Programmkinos hat auch ein konkretes Ziel. Denn gemeinnützige Kino-Genossenschaften werden im Förderprogramm des Landes wie kommunale Kinos behandelt - obwohl bei den Genossenschaften "ein deutlich größeres Bürger-Engagement vorliegt", sagt Marschall. "Wir wollen das ändern und für genossenschaftlich geführte Kinos einen Sonderstatus erzielen."

Aalen hat also "Deutschlands erstes Kino auf Basis einer Genossenschaft". Ja, die Aalener haben auch jahrelang für sich reklamiert, "das kleinste Stadttheater der Republik" zu besitzen. Genau da, am Theater Aalen, avancierte 2002 Simone Sterr (Foto: Archiv) zur damals jüngsten deutschen Intendantin, bevor sie 2005 als Chefin ans größere Landestheater Tübingen (LTT) wechselte. Hier prägte sie neun Jahre lang ein eigenwilliges Profil aus: Unbekanntes von bekannten Autoren, viel zeitgenössisches, viel osteuropäisches Theater. Und immer wieder mit Blick in die Weite: Das LTT zeigte unter Sterr Autorentheater von Kanada bis Sibirien. Kurzum: Theater der Welt! Warum wir das alles erzählen? Weil Simone Sterr, die 2014 aufhörte, nach einem Jahr Verschnaufpause nun doch wieder einsteigt: ab 2015/16 geht sie als Chefdramaturgin ans Theater Bremen, an ein Haus mit großer Vergangenheit - vor allem die bewegte Zeit unter Kurt Hübner hat das bundesdeutsche Theater nachhaltig geprägt. Aber auch Ende der 90er, in der Ära unter Ex-LTT-Intendant Klaus Pierwoß, lobte die "Faz" Bremen als "eines der muntersten Theater Deutschlands". Just der richtige Ort für eine Intendantin, die sich stets auch als Dramaturgin begriffen hat.