Grafenberg Krisenhelfer im Paradies

Grafenberg / CHRISTINA HÖLZ 27.06.2013
Schwäbische Nothelfer sollen Griechenland durch die Krise bringen. Grafenbergs Bürgermeister Holger Dembek vertritt dabei den Kreis Reutlingen. Der Verwaltungsexperte ist künftig auf der Insel Thassos gefragt.

Verlässlich, verwaltungserfahren, väterlich. So kennen viele Grafenberger den Mann, der seit 32 Jahren an der Spitze ihrer Gemeinde steht. Doch Bürgermeister Holger Dembek vermag auch jene zu überraschen, die ihn gut kennen. Vor einigen Monaten hat er das getan, als er just zu einem Zeitpunkt seinen Rückzug aus dem Rathaus ankündigte, da ihm mancher noch eine halbe Amtszeit zutraute. Und ein bisschen hat Holger Dembek neulich im Gespräch mit unserer Zeitung auch sein Gegenüber erstaunt - als er nämlich ein Faible für Griechenland bekannte, im Besonderen für die griechische Mythologie und Philosophie.

Fast klar war indes, dass der tatkräftige Rathauschef nach dem Bürgermeistern eine weitere Aufgabe anpackt - und die hat Holger Dembek jetzt wohl schneller gefunden als erwartet. Den Noch-Verwaltungschef wird es künftig immer wieder als Krisenhelfer auf die griechische Insel Thassos ziehen, wo derzeit eine Kooperation mit Experten aus Baden-Württemberg aufgebaut wird.

Angestoßen hat die Griechenland-Hilfe der Gemeindetag Baden-Württemberg. Die Verantwortlichen dort "wollten Solidarität üben mit den griechischen Kommunen", erzählt Holger Dembek. Er selbst fühle seit langem mit den Menschen, die unter der schlechten wirtschaftlichen Situation und der hohen Arbeitslosigkeit leiden. "Das Volk trägt die Lasten der Rettungsschirme - und den nebenamtlichen Bürgermeistern in den Städten und Gemeinden geht es schlecht", urteilt Grafenbergs Rathauschef.

Er sagte deswegen gerne zu, als der Gemeindetag (über Pfullingens Bürgermeister Rudolf Hess) auch beim Landratsamt anfragte. Holger Dembek vertritt nun gemeinsam mit Jana Mokali vom Diakonischen Werk in Reutlingen den Landkreis in Griechenland. Die Sozialpädagogin stammt von der Insel Thassos und hat die Kontakte geknüpft. Gleichwohl handelt es sich nicht um eine offizielle Partnerschaft der Reutlinger mit den Helenen - eher um eine Art Hilfe zur Selbsthilfe, erklärt Gerd Pflumm, Verwaltungsdezernent im Landratsamt. Bekanntlich unterhält der Landkreis bereits eine Jumelage in Tschechien, weswegen sich die Verantwortlichen nicht nochmals binden wollten. Klar ist auch: "Hier geht es ums Vermitteln von Know-How, nicht um Geld", sagt Gerd Pflumm.

Heißt übersetzt: Neben Holger Dembek reist Anfang Juli ein ganzer Expertenstab um Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU) nach Griechenland, um das Land mit schwäbischen Geistesblitzen durch die Krise zu bringen. Holger Dembeks Metier freilich ist die Kommunalverwaltung - und da wird dem Grafenberger das Geschäft so schnell nicht ausgehen. Zum einen stehen in den griechischen Gemeinden die Zeichen auf Wandel - eben erst wurde eine Kommunalreform beschlossen - und zum zweiten wollen die Probleme nicht ausgehen.

Etwa auf der Insel Thassos mit ihren 14 000 Einwohnern: Abwasserentsorgung, Energie, das ganze Thema Müll - und vor allem, wohin damit? Auch die Waldbrände bleiben im Fokus.

Die Liste ist lang - und der scheidende Schultes noch immer motiviert. Holger Dembek freut sich auf den Dialog mit seinem Amtskollegen auf der Insel Thassos. Einem Bürgermeister übrigens, der im Hauptberuf Zahnarzt ist, und der das Verwalten nicht wie seine deutsche Pendants von der Pike auf gelernt hat.

Die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Helenen hat Dembek beim ersten Besuch auf der paradiesisch gelegenen Insel Thassos ("dort verfolgt einen die Antike auf Schritt und Tritt") jedenfalls begeistert. Er spürt, dass er gemeinsam mit 30 weiteren Rathauschefs aus Baden-Wüttemberg etwas bewirken könnte in dem krisengeschüttelten Land. Auch wenn sich der 64-Jährige keine Illusion macht: "Es dauert wohl fast eine Generation, bis die Reformen in Griechenland erfolgreich ankommen", sagt Holger Dembek.

So lange wird der Nothelfer aus dem Landkreis nicht bei der Stange bleiben. Doch wenn der Grafenberger Bürgermeister erst einmal aus seinem Amt geschieden ist (er wird im September verabschiedet), hat Holger Dembek Zeit für die Projektarbeit auf Thassos. Den Dialog mit dem Landratsamt pflegt er weiter: Tauchen in Sachen Griechenlandhilfe schwierige Fragen auf, wird er gemeinsam mit Landrat Thomas Reumann einen Spezialisten in der Landkreis-Verwaltung suchen.

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