Das politische Erdbeben von Thüringen hat die CDU-Spitze erreicht. Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) verzichtet auf die Kanzlerkandidatur und will im Sommer auch den CDU-Vorsitz abgeben. Nach ihrem Rückzug gestern erklärte sie die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz für gescheitert. Das Modell sei eine Schwächung der Partei in Zeiten, da Deutschland eine starke CDU brauche. Damit ist jetzt nicht nur die Diskussion um Kramp-Karrenbauers Nachfolger eröffnet – gehandelt werden Namen wie Ex-Fraktionschef Friedrich Merz, Gesundheitsminister Jens Spahn, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und sein bayerischer Amtskollege Markus Söder. Vor allem geht es um den Imageverlust für die Union und ihr Führungspersonal.

Die CDU im Selbstzerstörungsmodus?

Befindet sich die Merkel-Partei zwecks dauernder Personaldebatten im Selbstzerstörungsmodus– wie schon der Koalitionspartner von der SPD?

Nicht für den Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Donth. Führungsstärke sieht er gerade in der jüngsten Entscheidung Kramp-Karrenbauers. „AKK zeigt Verantwortungsbewusstsein, indem sie einen besseren Weg für die Partei frei machen will“, urteilt der ehemalige Römersteiner Rathauschef.

Michael Donth: Kanzlerschaft und Parteivorsitz wieder fusionieren

Auch für Donth gehören Kanzlerschaft und Parteivorsitz in eine Hand. Beides wieder zu fusionieren, sei ein erster Schritt aus der Krise. Dass die gestern früh eskalierte, hat den CDU-Mann auf dem Weg nach in Berlin überrascht. Mit einem Rückzug seiner Parteivorsitzenden hat er nicht gerechnet, sagt Donth, der aber relativiert: „Die Lage in Thüringen ist so verzwickt, da kann man nicht von einem Davonlaufen sprechen.“ Zumal AKK vor allem als Verteidigungsministerin einen guten Job mache. „Ich hoffe, Sie bleibt in diesem Amt.“

Sie hatte keine Lobby bei den CDU-Stammwählern

Als Parteivorsitzende habe die Saarländerin jedoch auf die Unterstützung vieler CDU-Stammwähler verzichten müssen, stellt Michael Donth fest, der sich schon vor der Wahl der 57-Jährigen für einen Vorsitzenden namens Friedrich Merz ausgesprochen hatte: „AKK kam in der Öffentlichkeit einfach nicht an.“

Härter formuliert das Florian Weidlich, der Vorsitzende des Bad Uracher CDU-Stadtverbandes. „Der Rücktritt war richtig – AKK hat den erforderlichen Stimmungsumschwung nicht eingeleitet.“ Auch in Sachen Thüringen habe die Politikerin eher ungeschickt agiert, so der langjährige Chef der Jungen Union im Ermstal. Weidlich verweist auf die nach vor schlechten Umfragewerte der CDU.

Er wünscht sich mit Blick auf die neue Parteiführung nun „keine lange Hängepartie mit Mitgliederbefragung“, sondern zeitnah einen Parteitag, der das Personal neu aufstellt.

Florian Weidlich: Merz ist es jetzt

Klare Worte auch, was die Nachfolge Kramp-Karrenbauers angeht: „Ich war lange nicht für Friedrich Merz. Aber in dieser Situation wäre er der Richtige, weil er die Reihen schließen kann.“

Eckard Ruopp: „Die Bilanz der führenden Damen ist dürftig“

Da ist Florian Weidlich mit seiner Meinung nicht allein: „Merz steht in den Startlöchern und ist durchaus geeignet“, sagt Eckard Ruopp, Unions-Fraktionsvorsitzender im Metzinger Gemeinderat. Er sieht den Rücktritt Kramp- Karrenbauers nüchtern und ist nicht groß überrascht. „Sie hat erkannt, dass es an Führung fehlt. Es macht jeder, was er will und nicht das, was er soll.“

Ruopp führt zudem den parteiinternen Druck auf die Vorsitzende an.„In Berlin geht es wahrscheinlich heftig her“.

Dennoch: Für den CDU-Mann ist weder eine Zusammenarbeit mit der AfD noch mit den Linken eine Option. Ein Versäumnis seiner Partei sei es gewesen, dass sie viele Stammwähler vergessen habe. „Die „Leistungsbilanz der führenden Damen in der CDU“, neben Kramp-Karrenbauer Kanzlerin Angela Merkel und Ursula von der Leyen, schätzt er als „sehr dürftig“ ein.

MdL Röhm: Die Mitglieder fragen

Kaum überrascht zeigte sich gestern der CDU-Landtagsabgeordnete Karl-Wilhelm Röhm. Sein Urteil: „Nobel von Kramp-Karrenbauer, dass sie nun diesen Weg geht“.

Röhm fordert jetzt einen Mitgliederentscheid in der CDU, was die Parteiführung betrifft. „Das kann nicht allein in Berlin entschieden werden, die Diskrepanz zwischen der Bundespolitik und den Mitgliedern ist groß“. Und apropos Mitglieder: Der Politiker sieht den Verlust vieler Stammwähler und das Erstarken der AfD als Folge der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. „Dieses ,Wir-schaffen-das’ ist bis heute nicht gelöst.“

Wen kann er sich als neuen Parteichef vorstellen? Damit rückt der Gomadinger nicht raus, er stellt aber fest: „Derjenige braucht eine hohe Integrationsfähigkeit.“

Wolfgang Budweg: Mehr teilen

Ganz anders als seine Vorredner beurteilt Wolfgang Budweg, Vorsitzender der Dettinger CDU, die Lage. „Schade, dass wir uns mit den ständigen Personaldebatten langsam selbst demontieren – ähnlich wie die SPD“, urteilt er. Budweg bedauert den Rücktritt Kramp-Karrenbauers („sie wurde gewählt, wenn auch knapp“) und vermisst den Rückhalt für die Politikerin: „Autorität muss man sich nicht nur erkämpfen – man muss sie auch von anderen bekommen.“

Dass die Parteichefin für die Vorgänge in Thüringen den Kopf hinhalten muss, leuchtet dem CDU-Fraktionschef im Rat nicht ein. Das müsse die die Union in Thüringen tun. Auch im Umgang mit abtrünnigen CDU-Wählern, die nun mit der AfD sympathisieren, teilt Budweg die Auffassung seiner Parteikollegen nicht. Sicher geht es für die Union darum, Stimmen zurückzugewinnen: „Aber die Einstellung dieser Abweichler ist oft problematisch.“ Wolfgang Budweg führt den „zunehmenden Fremdenhass“ an und wünscht sich, dass sich die CDU als „Partei der Mitte“ entsprechend positioniert: „Wir leben in einer globalisierten und veränderten Welt. Da braucht es eine andere Kultur des Teilens.“