Metzingen Krämer praktiziert die Energiewende

Leisten in Metzingen ihren Beitrag zur Energiewende: Ulrich Fiedler (v.l.), Friedrich Riempp, Franz Untersteller und Stefan Krämer.
Leisten in Metzingen ihren Beitrag zur Energiewende: Ulrich Fiedler (v.l.), Friedrich Riempp, Franz Untersteller und Stefan Krämer. © Foto: Leonhard Fromm
Metzingen / Von Leonhard Fromm 18.07.2018

Praktische Anschauung zur Energiewende in Deutschland haben gut 40 Besucher aus Industrie, Banken und Behörden, darunter viele Vorstände und Geschäftsführer, jüngst bei der Firma Krämer in Metzingen bekommen. Mit dabei: neben dem Landes-Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) auch Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler.

Der Spezialist für Laufstege an Maschinen, Leitern und Handläufen, hat 2014 begonnen, seinen 40-Mann-Betrieb energieautark zu machen. Einstieg für Inhaber Stefan Krämer war das Energiemanagementsystem (EMS) Emsyst 4.0 der Firma Riempp aus Oberboihingen, um Verbräuche erfassen, vergleichen und mit dem Bedarf abstimmen zu können. „Emsyst öffnet seither im Sommer automatisch nachts die Dachfenster, um die Halle zu kühlen,“ beschreibt Krämer eine simple Funktion. Und bei Regen schließt das Sensor-gestützte Softwaresystem die Luken. In Emsyst ist aber auch hinterlegt, wie viel Lux Helligkeit es in der Halle haben soll und das Programm gibt entsprechend LED-Licht hinzu. Dasselbe gilt für die Abschaltung des Druckluftkompressors und sonntags prüft das EMS 15 Minuten das Druckluftsystem im Ruhemodus auf Leckagen.

Seit 2015 deckt eine 74 kWp-PV-Anlage auf dem Hallendach die Hälfte des verbliebenen Strombedarfs und dank eines 2017 hinzu gekommenen 47 kW-Speichers, der die Energie der Abendstunden und vom Wochenende aufnimmt, stieg der Autarkiegrad weiter. „Emsyst koordiniert all diese Prozesse und hat die Lastspitze von 64 auf 54 kW gesenkt,“ so Krämer. In Summe sank der Gesamtstromverbrauch binnen fünf Jahren um 30 Prozent, der Zukauf von Strom um 60 Prozent und dank Batteriespeicher reduziert Krämer seine Einspeisung ins Netz um ein Viertel.

Friedrich Riempp betont, dass seine Lösung keine Kabel und Leitungen benötige, weil sie rein auf BUS-, Funktechnik, Sensoren und WLAN basiere. „Vergessen Sie alles, was sie bisher über Energiemanagementsysteme gehört haben,“ sagt Riempp. Herkömmliche Systeme erfassten nur Daten. In seinem aber definiere der Nutzer Ziele, die via Software programmiert und erreicht werden. Die steigende Anzahl der auch überregional installierten Lösungen, von denen Krämer 2014 die erste gewesen sei, belegten, dass Einsparungen von bis zu 40 Prozent möglich sind und die Amortisation der Investition bei 18 Monaten liegt.

„Wir wollen bis 2050 den Energieverbrauch halbieren und die verbleibende Hälfte zu 80 Prozent regenerativ erzeugen,“ wiederholt Minister Untersteller in der dekorierten Produktionshalle die Pläne der Bundesregierung. Wenn Krämer schon heute fast so weit sei, zeige dies, dass die Vorgaben realistisch sind. Die Aufgabe werde durch die Sektorenkopplung immer komplexer, weil die Energiewende auch Mobilität und Wohnen betrifft. Er ist zuversichtlich, dass die Politik trotz Energiewende die Versorgungssicherheit gewährleistet und den Netzausbau voranbringt. Die grün-schwarze Landesregierung leiste ihren Beitrag dazu.

Die Stadt Metzingen hat beschlossen, den jährlichen CO2-Ausstoß pro Einwohner um zwei Tonnen zu senken. Das geschehe, so OB Dr. Ulrich Fiedler, etwa durch die neue Flutlichtbeleuchtung im Stadion, aber auch Aktivitäten wie die von Krämer, der vorbildlich sein Wissen in der Stadt mit anderen Unternehmern teile. Dass von 15 000 Jobs nur ein Fünftel auf Hugo Boss entfällt, zeige, wie ausgeprägt der Mittelstand sei.

Zahlen, Daten und Fakten

Laut Bundesnetzagentur ist 2016 bundesweit der Strom statistisch 12,6 Minuten ausgefallen. In Frankreich, das 58 Atomkraftwerke (AKW) betreibt, lag dieser Wert bei 60 Minuten, in England bei 50 Minuten. Bosten/USA hatte sogar 270 Minuten Ausfallzeit. Laut Minister Untersteller sind in Baden-Württemberg aktuell 5000 Megawatt (MW) PV-Module installiert, was an Sommertagen 45 Prozent des Strombedarfs deckt.

Bei 60 Mrd. kWh Strom, zehn Prozent der Jahresgesamtmenge, lag Deutschlands Exportüberschuss 2017. Dieser verringere sich mit jeder Abschaltung von AKWs oder Kohlekraftwerken. 2010 habe der PV-Zubau noch bei 800 MW im Land gelegen und sei 2016 wegen der Überkapazität auf 214 MW gesunken, obwohl die Module günstiger denn je sind. Speicher optimierten nun den Eigenverbrauch von 30 auf 70 Prozent, weshalb die PV-Nachfrage wieder anziehe.

Der Jahresbedarf des Südwestens liege bei 78 Mrd. kWh, die Produktion bei 57 Mrd. Deshalb sei Ba-Wü auf den Import von Offshore-Strom aus dem Norden und Wasserkraftstrom aus Norwegen angewiesen, wenn die konventionellen Kraftwerke abgeschaltet sind. Der Zubau aus PV und Wind (2017 zuletzt 400 MW in 130 Anlagen) bleibe wichtig und Gaskraftwerke bildeten die Reserve.

Weil Umlagen (EEG, Steuer, Netzentgelt) mehr als 50 Prozent des Strompreises ausmachen, schlägt Untersteller als Gegenfinanzierung im Wert von 18 Mrd. Euro eine CO2-Steuer von 50 Euro je Tonne vor: „Das macht den Liter Benzin zehn Cent teurer, das Heizöl fünf.“ So finanziere „die fossile Welt die regenerative.“ Im seitherigen System würden Innovatoren wie Krämer mit der EEG-Umlage bestraft, und Einsparer verschlechterten sich in der Rabattstaffel.

Weil die Energieversorgung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, könne niemand aus der Finanzierung der Infrastrukturkosten für Anlagen und Kraftwege entlassen werden. Untersteller: „Am Ende wird es beim privaten Strompreis einen personen- und einen verbrauchsbezogenen Preisanteil geben.“

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