Münsingen Klanggewitter und fragile Augenblicke

Shelly Ezra (rechts) mit dem Atanassov Trio in Münsingen.
Shelly Ezra (rechts) mit dem Atanassov Trio in Münsingen. © Foto: Simon Wagner
SIMON WAGNER 21.04.2015
Eine Erstaufführung in Münsingen an einem besonderen Tag: Die Klarinettistin Shelly Ezra und das Pariser Klaviertrio Atanassov gaben ein bewegendes Konzert - mit Messiaens "Quartett für das Ende der Zeit".

Es mag Zufall gewesen sein, dass der Konzertkalender der Musikfreunde-Gesellschaft (GdM) ausgerechnet am vergangenen Sonntag ein Konzert mit den international renommierten Musikern des Atanassov-Trios und mit der nicht minder gefragten Klarinettistin Shelly Ezra vereinbart hatte.

Ob Zufall oder nicht: Am jenem Sonntag gedachte man der Befreiung der Konzentrationslager in Sachsenhausen und Ravensbrück vor 70 Jahren. Wenn also just an diesem Tag mit Shelly Ezra eine aus Israel gebürtige Musikerin auf einer deutschen Bühne Olivier Messiaens "Quartett für das Ende der Zeit" aufführt, dann darf man schon allein deswegen von einem bewegenden Moment sprechen: Olivier Messiaen komponierte das achtteilige Werk, als er selbst Insasse eines deutschen Kriegsgefangenenlagers war. Im "Stalag" bei Görlitz wurde es in der Nacht des 15. Januars 1941 uraufgeführt.

Shelly Ezra gestand den rund 70 Zuhörern in der Münsinger Zehntscheuer denn auch, jenes Werk sei für sie nicht nur eine mentale und physische, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Man glaubte ihr jedes Wort. Und erst recht, als sie anhob, zusammen mit dem Trio Atanassov, den tonmalerischen Bilderbogen zu interpretieren, den Messiaen einst in Noten gesetzt hat. Hatte man sich erst einmal auf die mit Brüchen und Dissonanzen gespickten Passagen eingelassen, gingen sie dorthin, wo sie hingehören: unter die Haut.

Musikalische Bilder voller Todesangst und Ohnmacht tauchten ebenso auf, wie solche, die feierlichen Trost oder sich aufbäumenden Furor vermittelten. In ihrer Gesamtheit verliehen sie dem apokalyptisch angelegten Werk eine Intensität, die tief bewegte. Flankiert von immer neuen Crescendi und Decrescendi, von herabstürzenden Klanggewittern oder von buchstäblich atemberaubend ausgehauchten Schlussakkorden, entstand eine Plastizität, die beinahe mit Händen zu greifen war.

Vor allem Ezras wandlungsfähige Klarinette trat mit samtweich klagenden, flehenden oder gar spitz schreienden Akzenten in Erscheinung. Doch immer wieder sorgten Perceval Gilles an der Violine, Sarah Sultan am Violoncello und Pierre-Kaloyann Atanassov am Klavier ebenfalls für musikalische Glanzpunkte.

Sie schufen bereits zu Beginn des Konzert einen bewundernswerten Einstieg. In bestechender Homogenität zeigte das Pariser Trio in beeindruckender Weise, warum es mit Preisen geradezu überhäuft wird. Ungeheuer kompakt, leichtfüßig und wach gab es sich bei Johann Haydns Klaviertrio etwa stürmischer Impulsivität hin. In Johannes Brahms Gegenstück mit Klarinette, bereitete es - so im Andantino grazioso - den federnden Grund für illustre Plaudereien über die Instrumentengruppen hinweg.

Im Zentrum stand gleichwohl Messiaens Komposition. Ihr näherten sich die Musiker in aller nur denkbaren Sensibilität und Selbstreflexion, sie schufen damit Momente zerbrechlicher Empfindsamkeit, aber auch Augenblicke, die dem lauernden Tod zu trotzen schienen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die schon wegen eines Vortrags, der bis in die kleinsten Verästelung makellos und atmend war, mitzureißen wusste. Geschlossene Augen vor und auf der Bühne gaben ein beredtes Zeugnis davon ab.

Kaum verwunderlich also, dass sich das Publikum erst einen Moment lang fangen musste, bevor es minutenlang Beifall spendete. Kaum verwunderlich aber auch, dass die Musiker auf eine Zugabe verzichteten. Es war an jenem besonderen Nachmittag bereits alles gesagt.