Metzingen Kinofans wollen fürs Luna kämpfen

Metzingen / Regine Lotterer 13.03.2018

Das Metzinger Luna-Kino gilt seit Kurzem ganz offiziell als bedrohte Art. Der Deutsche Kulturrat mit Sitz in Berlin hat das Lichtspielhaus im Februar auf die Rote Liste gefährdeter Kulturgüter gesetzt. Als Kleinod für Kinobegeisterte umschreibt der Kulturrat die Einrichtung in der Sieben-Keltern-Stadt. Das Gebäude, in dem das Kino angesiedelt ist, gehört der Volksbank Ermstal-Alb. Sie hat vor einiger Zeit angekündigt, den Mietvertrag, der Ende 2019 ausläuft, nicht mehr langfristig verlängern zu wollen, sondern nur noch von Jahr zu Jahr. Im Augenblick gibt es in Metzingen täglich zwei bis vier Vorstellungen, mitunter sind es sogar fünf. Unterm Strich sind das mehr als 1000 Vorstellungen pro Jahr. Geschlossen ist das Luna lediglich an Silvester und am 1. Januar. Seit 2015 ist das Lichtspielhaus außerdem Mitglied bei „Europa Cinema“. Das ist ein durchaus exklusiver Club, der nicht jeden X-Beliebigen in seinen Reihen duldet. Nur Kinos, die mindestens die Hälfte ihres Programms mit verschiedenen europäischen Filmen bestreiten, werden dort nach einem Antrag als Mitglied aufgenommen. In der Regel sind nur Kinos aus Metropolen wie London, Paris oder Berlin in diesem erlauchten Kreis vertreten. Anders gesagt, das Luna ist eine wichtige kulturelle Anlaufstelle für Metzingen und das Ermstal. Würde es geschlossen, ginge eine Institution verloren.

Herr Hail, der Deutsche Kulturrat mit Sitz in Berlin, interessiert sich für das Luna-Kino im kleinen Metzingen. Wie kam es denn dazu?

Thorsten Hail Der Kulturrat ist auf uns zugekommen. Gewundert habe ich mich darüber nicht. Schließlich ist die Existenz unseres Kinos bedroht. Wir sind auf der Liste deshalb ganz gut aufgehoben.

Hilft Ihnen die Rote Liste, um der Einwohnerschaft klar zu machen, dass es mit dem Kino bald vorbei sein könnte?

Ja, in jedem Fall. Es verdeutlicht, was es für eine Stadt bedeutet, ein Kino zu verlieren. Wir vom Stadtjugendring diskutieren derzeit ohnehin, wie wir das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit tragen und selbst an die Öffentlichkeit gehen können. Wir sind aber allesamt ehrenamtlich tätig, da fehlt mitunter ganz einfach die Zeit, um aktiv zu werden.

Werden Sie häufig auf das Thema Kinoschließung angesprochen?

Ich höre von ganz vielen Metzingern, wie viele positive Erinnerungen sie mit dem Luna verbinden. Die meisten haben dort als Kinder ihren ersten Kinofilm gesehen. Das prägt natürlich. Viele bieten auch spontan ihre Hilfe an und fragen, was sie tun können, um uns zu unterstützen und das Kino zu retten.

Werden Sie von der Stadt ebenfalls unterstützt?

Verwaltung und Gemeinderat stehen voll hinter uns. Wir sind wegen der Kündigung des Mietvertrags schon seit Mitte 2017 mit der Stadt im Gespräch. Das löst allerdings nicht unser größtes Problem. Falls das Luna platt gemacht wird, wo finden wir einen passenden Ersatz?

Gibt es Ideen für einen alternativen Standort?

Denkbar wäre, auf das Areal der Motorworld Manufaktur auf dem Henning-Areal zu ziehen oder aufs Gelände der ehemaligen Seifenfabrik Bazlen. Mit beiden Eigentümern haben wir uns schon unterhalten, beide haben aber dasselbe Problem, nämlich die schiere Größe, die wir für einen Kinosaal brauchen. Wir benötigen eine Saalhöhe von sieben bis acht Meter, die Leinwand sollte zehn auf sechs Metern messen. Bei diesen Maßen sind wir schnell bei drei Stockwerken. Ein Kinosaal ist zwar multifunktional nutzbar, wenn wir aber gerade an den Wochenenden keine Filme zeigen können, weil im Raum andere Veranstaltungen geplant sind, bekommen wir Probleme mit den Verleihern. Die wollen ihre Filme natürlich zu den bestmöglichen Zeiten präsentieren. Nur auf diese Weise gelangen die Produktionen auf einen vorderen Rang bei den Kinocharts. Um dort einen guten Platz zu belegen, sind die ersten drei Wochen nach dem Bundesstart entscheidend.

Bislang haben sie damit keine Probleme?

Nein, im Gegenteil. Die Verleiher bieten uns sogar mehr Bundesstarts an, als wir zeigen wollen. Metzingen ist deshalb attraktiv, weil die Stadt mehr als 20 000 Einwohner besitzt und weil wir einen großen Kinosaal mit gut 200 Plätzen haben. Die Bundesstarts sind für uns als Betreiber sehr wichtig, sie locken die Massen ins Kino. 2015 hatten wir beispielsweise mit nur fünf Filmen 40 Prozent der Besucher erreicht. Das ist schon enorm.

Allein auf Mainstream wollen Sie aber nicht setzen?

Das können und wollen wir nicht, denn unser Publikum umfasst alle Alters- und Interessengruppen. Deshalb haben wir auch viele Arthouse-Filme im Programm. Wir haben natürlich das Glück, dass wir gemeinsam mit Urach drei Kinosäle haben. Das ergänzt sich optimal. Kleinere Produktionen laufen dann ausschließlich im Forum 22. Im Luna zeigen wir im Jahr übrigens 165 verschiedene Filme, zusammen mit dem Forum 22 sind es insgesamt 270 unterschiedliche Filme im Jahr.

Kann das Uracher Kino wirtschaftlich überleben, wenn das Luna wegfällt?

Für Urach würde es natürlich deutlich schwieriger als bisher. Wenn Metzingen wegfällt, fehlen uns auf einen Schlag 20 000 bis 25 000 Besucher pro Jahr.  Außerdem bekommen wir manche Filme nicht fürs Forum, weil es dort zu wenig Sitzplätze hat.

Können Sie sich im Augenblick überhaupt vorstellen, dass im Luna Ende 2019 endgültig die Lichter ausgehen?

Nein. Eine solche Institution einfach platt zu machen, ist für mich momentan undenkbar. Es müsste sich doch gemeinsam mit der Volksbank eine Lösung finden lassen. Ich wohne ja selbst in Metzingen und habe zwei kleine Kinder, die auch schon ganz ehrfurchtsvoll in diesen herrlichen, großen Kinosaal blicken. Diese Erfahrung hat Generationen von Metzingern geprägt. Das darf nicht einfach enden.

Hat Sie die Entscheidung der Volksbank, den Pachtvertrag nicht zu verlängern, überrascht?

Naja. Wir sind ja schon mit verschiedenen Plänen an die Volksbank herangetreten, haben aber nie grünes Licht dafür bekommen. Das erste Kino in Metzingen, es hieß Regina-Lichtspiele, ist vor 80 Jahren direkt neben der heutigen Volksbank gebaut worden. Später war dort das Sandhas drin, zuletzt hieß das Lokal Kuhstall. Derzeit stehen die Räume leer. In diesem Räumen gäbe es also die Möglichkeit, relativ unkompliziert einen zweiten Kinosaal einzurichten. Was wir auch gerne getan hätten. Der Stadtjugendring würde sogar den Umbau schultern. Unser heutiges Kino, das Luna, ist übrigens in den 1950er Jahren an die Regina-Lichtspiele angebaut worden.

Sind Sie mit der Volksbank noch im Gespräch wegen einer möglichen Lösung?

Ja. Aber es ist für uns schwer, eine Gesprächsbasis zu finden. Wir können nachvollziehen, dass die Volksbank Platz benötigt. Ich will mir auch nicht anmaßen, das zu kritisieren. Trotzdem. Aus meiner Sicht und aus der Sicht unserer Mitglieder ist es irrwitzig, dieses wunderbare Kino zu opfern.

Der Stadtjugendring, der die Kinos in Metzingen und Bad Urach betreibt, ist ein Verein. Die Arbeit schultern also hauptsächlich Ehrenamtliche. Kann das als Geschäftsmodell überhaupt auf Dauer funktionieren?

Ich denke, wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, wie gut wir alles im Griff haben. Seit 2004 sind wir ja auch für Metzingen zuständig. Seither haben wir unser Konzept genau auf unsere zwei Standorte angepasst. Das funktioniert sogar so gut, dass die Uracher nach Metzingen ins Kino gehen und anders herum.

Wie lässt sich der Betrieb mit so vielen Ehrenamtlichen organisieren, ohne Chaos zu verursachen?

Eigentlich ist es wirklich erstaunlich, dass über die Jahre kaum eine Vorstellungen ausgefallen ist. Es sei denn, es gab technische Probleme.

Apropos Technik. Inzwischen arbeiten beide Kinos digital. Das war eine gewaltige Investition, wäre die in Metzingen verloren, wenn das Gebäude abgerissen wird?

Die Projektoren können wir mitnehmen. Das wäre kein Problem. Wir haben bei der Digitalisierung etwa 130 000 Euro ins Luna gesteckt, ein Teil davon ist im Gebäude verbaut, das Geld wäre also weg. Aber noch will ich nicht daran denken, dass wir ausziehen müssen. Der Standort direkt am Bahnhof ist einfach zu perfekt. Wenn ich nur daran denke, was sich aus dem Gebäudeensemble alles machen ließe.

Einsatz fürs Luna

Der Stadtjugendring kämpft für den Erhalt des Metzinger Traditionskinos Luna. Die Einrichtung ist gefährdet, weil der Mietvertrag gekündigt worden ist. Ob sich ein alternativer Standort finden lässt, ist derzeit noch nicht sicher. Wer sich gemeinsam mit anderen für den Erhalt des Metzinger Luna-Kinos einsetzen möchte, kann sich gerne per E-Mail melden unter info@luna-metzingen.de

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