Hand aufs Herz: Bei so genannten Wunderkindern beschleicht einen oft ein mulmiges Gefühl. Ob der "Donnerblitzbub" Mozart immer so happy war, wenn ihn sein geschäftstüchtiger Vater Leopold wie eine Zirkusattraktion an den europäischen Fürstenhöfen herumreichte, bezweifeln die meisten ernsthaften Biographen. Versäumte Kindheit, heißt das Problem, und oft genug, klagen Pädagogen heute, werden Sprösslinge dazu abgerichtet, um unerfüllte Träume ihrer Eltern zu verwirklichen.

Hochbegabung ist nicht nur ein Geschenk, sondern kann sich auch zu einem sozialen Elite-Stigma entwickeln, das Neid und Distanz auslöst. Die Frage ist auch, in wieweit jemand, der ganz am Anfang eines Lebens steht, Musik erfassen kann, deren Gefühlswelt auch etwas mit Lebenserfahrung im Guten wie im Schlechten zu tun hat.

Vor allem: Wie viele "Wunderkinder", die wie Dressurakte auf Wanderzirkussen vorgeführt werden, schaffen es wirklich ganz nach oben? Wenn dann, nach jahrelangem musikalischem Hochleistungssport, die ganz großen Erfolge ausbleiben, was dann? Hat die medial vermittelte Fixierung auf Superstar-Helden wie Lang Lang wirklich etwas mit nachhaltiger Bildung zu tun? Und muss wirklich fast jedes musikalisch begabte Kind (manche Wunderkinder sollen ja an aufgezogene Mechanik-Puppen erinnert haben) in Rekordzeit so weit getrimmt werden, dass es wie ein Automat auf Knopfdruck die immergleichen Virtuosenkracher von Liszt & Co. herunternudeln kann? Oder mindestens "Rach zwei", Rachmaninows zweites Klavierkonzert?

Gesunde Skepsis gegenüber solchen Verrücktheiten ist also angebracht, meinen erfahrene Musikpädagogen. Doch - abseits solcher Extremfälle - gibt es gleichzeitig immer auch junge Musiker, die ganz einfach gerne ein Instrument spielen, schnell lernen, mit Freude kompetitiv üben und dabei dennoch eine halbwegs "normale" Kindheit und Jugend durchleben können. Zu wünschen wäre dies jedenfalls allen vier Pianistenwundern, die jetzt am Montag bei den Herbstlichen Musiktagen Bad Urach im Prof.-Dr.-Willi-Dettinger-Saal der Schlossmühle aufspielten.

Die vier Nachwuchs-Lang-Langs und Nachwuchs-Argerichs, die Moderator Bernd Schmidt da präsentierte, sind momentan in der Altersklasse von elf bis 17 Jahren angesiedelt. Und sie gehören allesamt dem "Jungen Pianistenclub" München an, der seit Jahren vielfältige Konzertaktivitäten etwa im Gasteig, im Cuvilliés-Theater oder im Schloss Nymphenburg entfaltet. Die jüngste, die elfjährige Laetitia Hahn, hat vier Klassen übersprungen, spricht mehrere Sprachen und ist, genau, bereits mit Lang Lang in China aufgetreten. Sie ist schon Jungstudentin und sagt von sich, dass ihr das Wichtigste sei, ihre Dinge "mit Spaß" zu betreiben: "Dann wird man richtig gut darin." Mozarts berühmte KV-331-Sonate, von Liszt eine Grande Étude de Paganini (a-Moll) und die Tarantella - schier unglaublich, wie selbstverständlich die Elfjährige da mit der Technik eines Superprofis zu Werke geht: bei Mozart noch vergleichsweise verhalten, bei Liszt schon ziemlich grandios.

Von ein paar spielerischen Lücken und Pauschalitäten abgesehen, irrlichtert da ein wahres Feuerwerk am Publikum vorbei - rauschende Glitzerarpeggien, Tonrepetitionen in gefühlter Lichtgeschwindigkeit, furioser Tastendonner, oft sogar ohne vernebelndes Pedal. Sicher, Virtuosität um jeden Preis klingt manchmal einfach nur leer, doch bei Laetitia Hahn entfaltet sich an manchen Stellen auch schon etwas anderes: der Gesang einer träumenden Seele.

Was für ein Sprung dann zu Emily Hermann, einer grade mal 14-jährigen Jungpianistin aus Fellbach bei Stuttgart. Hier ist der Ansatz eines eigenen Tonfalls, eines eigenen Klangs schon flächendeckender spürbar.

Emily Hermann zeigte bei der Bach-Suite BWV 817 eine bewundernswerte Ruhe, Entschlossenheit und Gestaltungskraft, bei Chopin (Ballade Nr. 2) geradezu überbordende Fulminanz und bei Debussy (L'isle joyeuse) schon die erstaunliche Fähigkeit, aparte, obertönig gesättigte harmonische Klangarchitekturen schweben, schwingen und leuchten zu lassen.

Dass die musikalische Interpretationskunst auch mit Lebenserfahrung zu tun hat, wurde bei der 16-jährigen Münchnerin Viviana-Zarah Baudis deutlich. Sie verfügt über eine werdende unverwechselbar individuelle Handschrift: kraftvolle Kantilenenführung bei Chopin, erzählerisches Format und feinste Klangpoesie bei Schumann (Sonate g-Moll, op. 22) - eine bühnenreife, dramaturgisch überlegte, sinnlich durchlebte Interpretation, die durchaus Zauber verströmt.

Vollends Jonas Aumiller, 17 Jahre alt, eben Abitur gemacht: Er spielt bereits Skrjabin - phänomenal! Um zu zeigen, was ein angehender Jungprofi so alles treibt, zitierte Schmidt dessen Terminkalender. Freitag: Konzert in Schwetzingen. Mittwoch: Auftritt in Riva del Garda. Dienstag: Führerschein gemacht!

Aber im Ernst, Aumillers Skrjabin ist konzertreif - hier dominiert nicht mehr nur Virtuosität. Hier hat - bei unglaublicher Technik - die Gestaltung Vorrang. Hier gilt's der Musik, dem Gehalt, dem weltumfassend-utopischen Geist Skrjabins (Etüde op. 42,5, Fantasie op. 28). Den schildert Aumiller denn auch als Feuerkopf, als stürmischen Futuristen: fesselnd die fragmentarischen Anfänge, gigantisch die brausenden, sich auftürmenden Wogen dieser Zukunftsmusik.

Bei Aumiller wird auch - vielleicht als Hommage an die großen Einspielungen von Vladimir Horowitz - in Ansätzen spürbar, dass Skrjabin unter der oft tastendonnernden Oberfläche viel tiefer lotet: Wie die harmonischen Grundlagen ins Wanken geraten, das hat schon teils Züge des Surrealen, des Monströsen, des Bizarren.

Andrerseits, in einer Zeit, da hierzulande die Frage nach der Sitzbezugfarbe des SUV Beziehungskrisen auslösen kann, während woanders Tausende von Flüchtlingen ertrinken, da kann die Welt schon ein bisschen von diesem utopischen Skrjabinschen Umarmungsfuror, wie ihn der junge Münchner Tastenprofi inszenierte, gebrauchen. Von Aumiller, wie von den andern drei Jungpianistinnen, werden wir hoffentlich noch viel hören. Mehr davon!