Böhringen Keine Hoffnungsschimmer zu finden

Jörg Armbruster blickt auf die Landkarte, in welcher die unterschiedlichen Farben zeigen, welche Konfliktparteien zur Zeit welche Gebiete in Syrien kontrollieren. Machthaber Assad gewinnt mit Hilfe von Russland und dem Iran zunehmend die Oberhand.
Jörg Armbruster blickt auf die Landkarte, in welcher die unterschiedlichen Farben zeigen, welche Konfliktparteien zur Zeit welche Gebiete in Syrien kontrollieren. Machthaber Assad gewinnt mit Hilfe von Russland und dem Iran zunehmend die Oberhand. © Foto: Alexander Thomys
Römerstein / Von Alexander Thomys 13.03.2018

Gibt es gute Nachrichten aus Syrien? Wenn überhaupt, dann wohl nur diese: Die Terroristen des selbsternannten Islamischen Staates wurden aus fast allen Gebieten, die sie in Syrien unter ihre Herrschaft gebracht hatten, vertrieben. Doch auch da ist Jörg Armbruster eher skeptisch. „Die IS-Kämpfer haben sich in die Wüste zurückgezogen und formieren sich neu“, lautet seine Vermutung. „Und sie verlagern den Krieg in andere Gebiete, etwa nach Europa.“

Jörg Armbruster gehört zu den Experten in Sachen Syrien. Der in Tübingen geborene Journalist war als ARD-Auslandskorrespondent für den Nahen Osten zuständig und bereiste auch das seit sechs Jahren in einem „brutalen Krieg“ gefangene Land. Im März 2013 wurde der heute 70-Jährige im nordsyrischen Aleppo angeschossen und schwer verletzt. „Als Korrespondent muss man dahin gehen, wo die Dinge stattfinden“, erklärt Armbruster pragmatisch, weshalb er sich in solche Gefahr begibt. „Der Korrespondentenjob lässt sich nicht vom Schreibtisch aus machen.“

Doch auch wenn sich Armbruster in Syrien gut auskennt – einen Hoffnungsschimmer vermag der erfahrene Journalist nicht zu finden. Ob es denn, neben dem Regime von Staatschef Baschar al-Assad und den vielfältigen im Land aktiven Terrorgruppen nicht auch gemäßigte Kräfte in Syrien gebe, wird Armbruster in Hülben gefragt. „Es gab sie zu Beginn, aber ich kann keine mehr erkennen“, sagt Armbruster und zitiert die frühere UN-Ermittlerin Carla Del Ponte: „Am Anfang konnte man in Syrien noch zwischen Gut und Böse unterscheiden, jetzt gibt es nur noch das Böse.“

Die gemäßigten Kräfte der Freien Syrischen Armee, die sich aus Deserteuren der Assad-Streitkräfte bildeten, seien der „Beginn einer schlechten Entwicklung“ gewesen. Zuvor hatte ein Teil der syrischen Bevölkerung für mehr Mitspracherechte und gegen Korruption demonstriert – Assad ließ auf seine Landsleute schießen.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr ausländische Interessen traten in den Vordergrund. Geld und Waffen versorgten die verschiedensten Milizen, das Land destabilisierte vollends und bot den Fanatikern des Islamischen Staates Raum zur Entfaltung. Gegen den IS griffen nun westliche Staaten einer „Anti-IS-Koalition“ militärisch ein, unter anderem auch die Bundesrepublik, die Waffen an kurdische Einheiten im Irak liefert und Tornados der Luftwaffe für Aufklärungsflüge zur Verfügung stellt. Letzteres hält Armbruster nach wie vor für „nicht unwichtig“, schließlich gelte es die IS-Kämpfer in der Wüste aufzuspüren. Während die westlichen Staaten vor allem aus der Luft in den Konflikt eingreifen, sind die kurdischen YPG-Verbände am Boden wichtige Verbündete, insbesondere der USA.

Armbruster bereitet dieses Bündnis Sorgen. Denn die sogenannten Volksverteidigungseinheiten seien „ein PKK-Ableger“, was der Journalist vor Ort in zahlreichen Gesprächen erfahren durfte, als ihm die „verqueren sozialistischen Ideen“ der Organisation vorgestellt wurden. Außerdem sei die Anbindung an die im Westen als terroristische Vereinigung eingestufte PKK offensichtlich: „Anstelle von Assad-Plakaten hängt in den Städten nun das Konterfei von Öcalan.“ Abdullah Öcalan gilt als Führer der PKK und ist in der Türkei in Haft.

Inzwischen greift die Türkei die syrischen Kurden an – die wiederum nun ihrerseits eine Allianz mit den Assad-Streitkräften eingehen und ihre Einheiten zunehmend aus den Gebieten abziehen, aus denen sie den IS zuvor vertrieben haben. „Der Islamische Staat wittert Morgenluft“, ahnt daher Armbruster für Syrien nichts gutes.

Assad obenauf – und machtlos

Ebenso wenig mit Ruhm bekleckern sich die anderen Akteure in der Region: Saudi-Arabien, das sunnitische Islamisten unterstützt, um innerhalb eines Stellvertreterkrieges den Einfluss des schiitischen Irans in Syrien zurückzudrängen. Russland hält zu Assad, um seine Stützpunkte auf syrischem Gebiet ausbauen zu können. Israel indes sieht vor allem den wachsenden Einfluss Irans als Bedrohung an. „Die iranischen Revolutionsgarden unterstützen mit 3000 Mann die syrische Armee, außerdem bezahlen sie 10 000 schiitische Milizionäre und rüsten 6000 Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon aus“, zählt Armbruster das Engagement des Iran auf. „Das ist eine beträchtliche Streitmacht vor dem Toren Israels.“

Hier sieht der Journalist den nächsten potenziellen Konflikt aufkommen. Eine Prognose für Syrien wagt Armbruster deshalb nicht. „Immer mehr Staaten überlegen hinter vorgehaltener Hand, sich mit Assad zu arrangieren“, sagt der Nahost-Experte. Assad selbst sei allerdings nahezu machtlos – gänzlich abhängig von der Unterstützung durch den Iran und Russland. „Wir dürfen Putin aber nicht das Feld im Nahen Osten überlassen“, mahnt Armbruster ein Engagement des Westens beim Wiederaufbau in Syrien an – sofern die zahlreichen Konflikte irgendwann ein Ende finden.

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Millionen Syrer benötigen humanitäre Hilfe, zitiert Armbruster aus Studien der Vereinten Nationen. Bis zu fünf Millionen Menschen leben in belagerten Gebieten.

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