Im gerade 500 Einwohner zählenden Kappishäusern setzt diese Nachricht ein kommunalpolitisches Ausrufezeichen: Ortsvorsteher Dietmar Freudenberg, ein erfahrener und fachlich versierter Mann, verzichtet überraschend auf eine erneute Kandidatur als erster Mann im Dorf. Und das nicht etwa, weil der pensionierte Polizist schon vor der Kommunalwahl seinen Rückzug aus der Politik beschlossen hätte.

Manches nagt an der Kommunalpolitiker-Seele

Nein, Freudenberg stand nochmals auf der Liste für den Ortschafts- und den Gemeinderat. Und er hätte, wie er sagt, auch noch eine Periode als Ortsvorsteher dran gehängt. Aber nach zehn Jahren an der Spitze des Neuffener Stadteils ist es anders gekommen. Und manches, was in den vergangenen Wochen passiert ist, nagt an der Kommunalpolitiker-Seele Freudenbergs, das kann der Kappishäuser kaum verbergen.

Entscheidung nicht leicht gefallen

Der Reihe nach. Die Entscheidung, nach 25 Jahren im Kappishäuser Ortschaftsrat und zehn im Neuffener Gemeinderat, doch nochmals anzutreten, sei ihm nicht leicht gefallen, erklärte Dietmar Freudenberg gestern Abend bei der konstituierenden Sitzung des Ortschaftsrates im Kappiser Rathaus. Denn: Nicht nur die Anforderungen an die politischen Entscheidungsträger haben seiner Meinung nach deutlich zugenommen – „sondern vor allem die Anspruchshaltung der Bürger“, so der scheidende Rathauschchef. Aber: „Nicht alle Bürgerwünsche können wir erfüllen. Manchmal muss ein Ortsvorsteher auch mal Nein sagen.“

Das gilt vor allem, wenn Sachverhalte außerhalb seiner Zuständigkeit liegen. Nicht etwa der Ortsvorsteher habe die stark verkehrsbelastete Ortsdurchfahrt verursacht, ging Dietmar Freudenberg auf spezielle Kappishäuser Befindlichkeiten ein. „Er richtet auch keine Busverbindungen ein und bestimmt den Takt des öffentlichen Nahverkehrs. Auch den Bau von Feldwegen kann er nicht beeinflussen.“

Zielscheibe von Kritik

Ob Parkverbotszonen in den Hauptverkehrsstraßen, Einschränkungen im Landschaftsschutzgebiet (inklusive Radfahrer-Debatte am Jusi), die Friedhofsgestaltung oder der Grünmüllsammelplatz, den sich wohl einige Kappiser wünschen – „das alles kann der Ortsvorsteher nicht alleine entscheiden oder bauen.“ Dennoch (oder gerade deshalb) teilte Freudenberg das Schicksal etlicher Amtskollegen: „Die Zahl der eigenen Fans wird nicht größer“, bekennt er freimütig. Immer öfter werde so der ehrenamtliche Ortsvorsteher (ihm steht eine Aufwandsentschädigung zu, die sich an der Zahl der Einwohner orientiert) zur Zielscheibe von Kritik.

Das ist wohl auch ihn Kappishäusern so gewesen, mutmaßt Freudenberg mit Blick auf sein Ergebnis bei der jüngsten Ortschaftsratswahl. Stellte der gelernte Polizist bei der Wahl 2014 noch den Stimmenkönig im Gremium, so holte er heuer gut 50 Voten weniger: 109 statt 160.

Damit hadert der amtierende Ortsvorsteher ziemlich – zumal es Freudenberg immer als seine erste Aufgabe angesehen hatte, sich im Neuffener Gemeinderat für das kleine Kappis stark zu machen. Das honorierten die Einheimischen zwar weniger, dafür aber die Wähler in Neuffen. Im Gemeinderat nämlich legte Dietmar Freudenberg deutlich zu und erzielte ein für einen Kappishäuser „fast rekordverdächtiges Ergebnis“, wie er sagt.

Ortschaftsrat als Basis

Ein schwacher Trost für den Kommunalpolitiker. Gerade den Ortschaftsrat hat er immer als Basis gesehen, in der Stadt Neuffen für sein Dorf sprechen zu dürfen. „Diese Basis ist jetzt nicht mehr vorhanden“, urteilt Freudenberg – und suchte das Gespräch mit den neu gewählten Ortschaftsräten. Dort sei dann schnell klar gewesen: „Die Neuen sehen ausschließlich die Stimmergebnisse als Grundlage für die Position des Ortsvorstehers.“

Freudenberg entschied letztlich daraufhin, den Rückzug anzutreten: Auf eine Abstimmung wollte es der Politik-Routinier nicht mehr ankommen lassen. „Man spürt ja, wie die Stimmung ist.“

Und apropos Stimmung: Alle Zeichen sprechen für einen kompletten Neuanfang in Kappishäusern. Denn für den Posten des Ortsvorstehers steht auch der Stimmenkönig der jüngsten Wahl, Ortschaftsrat Rudi Schnitzler, nicht zur Verfügung. Schnitzler, bislang Dietmar Freudenbergs „Vize“ und gestern von Neuffens Bürgermeister Matthias Bäcker für seine 20-jährige Amtszeit im Rat geehrt, bleibt dem Gremium aber erhalten, wie auch Freudenberg selbst

Zwei Neulinge vorgeschlagen

Neue Ortsvorsteherin in Kappishäusern soll Annemarie Schur werden. Als Stellvertreter schlägt das Gremium Hartmut Stiefel vor. Beide sind erst im Mai in den Rat gewählt worden und politische Newcomer.

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Jahre war Dietmar Freudenberg Ortsvorsteher. Nachfolger für ihn und Vize Rudi Schnitzler sollen Annemarie Schur und Hartmut Stiefel werden, die der Gemeinderat noch wählen muss.