Ein Rezept allein genügt nicht mehr, um in der Apotheke ein verschreibungspflichtiges Medikament zu bekommen. Neuerdings gehören auch ein bisschen Glück und Geduld dazu. Das liegt an den Mechanismen eines freien Marktes, dessen Verwertungslogik wirtschaftlichen Interessen folgt.

Pharmakonzerne möchten und müssen Geld verdienen, die Krankenkassen bauen diesen Kostendruck auf. Das hält die Beiträge stabil, führt aber dazu, dass manche Wirkstoffe nur noch an wenigen Standorten produziert werden, etwa in China, Indien oder in den USA. Wehe, in einem der wenigen Werke gibt es ein Problem. Dann kann es zu weltweiten Lieferengpässen kommen.

Das spüren Patienten, darunter leiden aber auch die Mitarbeiter in den vielen Apotheken. Verärgerte Kunden, die ein ganz bestimmtes Medikament benötigen, sollten frühzeitig vorsorgen, da die Bestellung wie gewohnt innerhalb weniger Stunden oft nicht möglich ist. „Dann bestellt halt gleich mehr“, beschweren sie sich. Das aber geht nicht. Den ersten großen Engpass gab es im Sommer 2018.

Betroffen war der Wirkstoff Valsartan, der zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. In dem vom chinesischen Hersteller Zhejiang Huahai Pharmaceutical Co. synthetisierten Wirkstoff wurden Nitrosamine festgestellt. Die Folge: In der EU durfte er nicht mehr verkauft werden, es gab eine Rückrufaktion, ganze Chargen des Medikaments wurden vernichtet.

Dasselbe gilt für Antiepileptika, Antidepressiva, Schmerzmittel und Säureblocker, um nur einige zu nennen. Ist der „Luxus“ früherer Tage vorbei? Darauf deutet einiges hin, sagt die Metzinger Apothekerin Kathrin Schweizer, die ihren Kunden aber einen Trost hat: Es gibt zwar viele Lieferengpässe, aber sehr wenige Versorgungsengpässe. Mit etwas Nachdruck, Mühe und Beharrlichkeit sind die Arzneimittel erhältlich, eventuell von einem anderen Hersteller oder anderer Wirkstoffmenge, so dass Patienten beispielsweise nicht eine Tablette zwei Wirkstoffen, sondern zwei mit je einem Wirkstoff einnehmen.

Frau Schweizer, über die Folgen der Globalisierung müssen wir uns nicht unterhalten. Die Vorteile, Produktionen in Länder mit geringeren Lohnkosten auszulagern, sind einerseits ein Gewinn, weil dies auch in Deutschland die Preise senkt. Der Nachteil: Die halbe Welt ist abhängig von wenigen Herstellern. Was könnte in Deutschland getan werden, um die Situation der Apotheken zu verbessern?

Kathrin Schweizer Bei uns üben die Krankenkassen einen immensen Kostendruck aus. Sie diktieren den Preis über Rabattverträge. Um es zu verdeutlichen: Die AOK schließt mit einem einzigen Hersteller einen Selektivvertrag über einen bestimmten Wirkstoff ab und sichert diesem Konzern das Exklusivbelieferungsrecht und eine hohe Mengenabnahme, dann fahren andere Hersteller ihre Produktion bewusst zurück, denn sie wissen ja, dass sie von diesem Wirkstoff wenig verkaufen werden. Bekommt der erste Konzern aber Produktionsprobleme, können die anderen nicht mehr einspringen.

Dann bekommen die Patienten die von den Ärzten verschriebenen Blutdrucksenker nicht?

Unter Umständen nicht sofort, aber in der Regel finden wir immer eine Lösung. Ein anderer Hersteller, eine andere Packungsgröße oder auch einen Wirkstoff mit dem gleichen Wirkmechanismus.

Das hört sich nach keinem großen Problem an.

Ist es aber, denn die sobald die Änderung über den Hersteller hinaus geht, müssen wir mit der Arztpraxis Rücksprache halten und das Rezept muss geändert werden. Das ist ein enormer bürokratischer Aufwand für alle. Wir versuchen, den Patienten möglichst viel davon abzunehmen, aber manchmal muss auch der Patient wieder in die Praxis zurück. Auch sind die Arztpraxen dadurch sehr überlastet. Auch kann es nach dem Tausch oder einer Änderung der Einnahmemenge zu Verwechslungen oder zu Fehleinnahmen kommen. Ein weiteres Problem ist die Verunsicherung des Patienten. Es gibt Wirkstoffe, bei denen ein ständiger Herstellertausch aus medizinischer Sicht nicht empfohlen wird, etwa bei Tabletten gegen eine Schilddrüsenunterfunktion. Da das auch immer so kommuniziert wurde, fühlen sich viele Patienten mit dem Austausch nicht wohl.

Wie oft kommen Lieferengpässe bei Ihnen vor?

Täglich. Bei jedem dritten oder vierten Patienten. Das ist unser Tagesgeschäft. Wir verbringen geschätzt mindestens 25 Prozent der Arbeitszeit damit, nach Alternativen zu suchen, mit Arztpraxen Rücksprache zu halten und den Kunden zu erklären, dass nicht wir zu wenig bestellt haben, sondern Konzerne nicht liefern.

Im Fall des Blutdrucksenkers Valsartan waren es Verunreinigungen. Im Wirkstoff wurden Nitrosamine gefunden. Wie gefährlich ist das für die Patienten?

Diese Stoffe, die auch in gepökelten Wurstwaren vorkommen, die viele Menschen täglich essen, werden als „vermutlich krebserregend“ eingestuft. Daher wurden alle betroffenen Medikamente sofort vom Markt genommen, und auch andere Wirkstoffe werden derzeit genau auf diese Stoffe hin untersucht. Es besteht kein akutes gesundheitliches Risiko – wie sich die langfristige Einnahme auswirkt, kann derzeit freilich niemand sagen.

Wie viele Medikamente fehlen Ihnen denn zurzeit?

Von unseren festen Lagerartikeln sind heute zirka 300 Artikel nicht lieferbar.

Was bedeutet das für Sie? Fehlen Ihnen da Umsatz und Einnahmen?

Nein, das Problem ist die damit verbundene Mehrarbeit, über die wir ja schon gesprochen haben. Man braucht sehr gute Nerven. Leider verlieren die öffentlichen Apotheken auch immer mehr Apothekenmitarbeiter an die pharmazeutische Industrie.

Warum?

Der Stressfaktor ist groß, der Frust bei den Kunden ebenso.

Wie zeigt sich das?

Nicht selten bekommen wir die Wut der Kunden zu spüren. Sie ärgern sich über die politischen Rahmenbedingungen und die Leistungen der Krankenkassen.

Wie empfinden das ihre Mitarbeiterinnen, wie Sie selbst?

Wir versuchen professionell damit umzugehen, denn unser Ziel ist es, alle Patienten schnellstmöglich zu versorgen. Das geht nicht immer. Erschwert wird die Situation dadurch, dass wir seitens der Hersteller keine zuverlässigen Auskünfte über Liefertermine bekommen. Es gibt zwar eine Homepage des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dort können die Hersteller freiwillig. melden, ob sie Lieferengpässe anzeigen. Da nur sehr wenige Hersteller Angaben machen, wäre eine Verpflichtung sinnvoll.

Müssen sich Patienten sorgen, irgendwann gar keine Medikamente zu bekommen?

Das sehe ich nicht. Es handelt sich meist um Lieferengpässe, nicht um Versorgungsengpässe. Man findet fast immer eine Lösung. Sicher wird aber die Auswahlmöglichkeit des Patienten noch weiter eingeschränkt. Auf jeden Fall sollte man sich immer frühzeitig um Nachschub kümmern.

Versorgungsengpässe gibt es nicht?

Doch es gibt sie. Diese bekommen vor allem die Kliniken zu spüren, da es sich vor allem um spezielle Antibiotika und Zytostatika handelt. Bei manchen Notfallmedikamenten haben die Firmen Rückstellware, die bei Bedarf an Apotheken direkt geliefert werden. Wir hatten einen solchen Fall bei einem wichtigen Herzmedikament für ein Frühgeborenes. Das sind aber leider sehr seltene Ausnahmen.

Unterstützt Sie die Politik?

Wir kämpfen jetzt seit eineinhalb Jahren mit dieser Situation, die sich immer weiter verschärft und durch die derzeitige Situation in China sehe ich auch keine Verbesserung. Am vergangenen Donnerstag hat der Bundestag das so genannte „Faire-Kassenwettbewerb-Gesetz“ verabschiedet. Pharmaunternehmen und Großhändler werden darin verpflichtet, Informationen zu verfügbaren Beständen von versorgungsrelevanten Arzneimitteln zu übermitteln. So sollen Lieferengpässe vermieden werden und für mehr Transparenz gesorgt werden. Das ist immerhin ein Anfang, aber an der Situation in der Apotheke wird sich dadurch vermutlich nichts ändern.

Experte für  Gesellschaftsforschung


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