Vor der Herausforderung, in die sich ein Betrachter von Kunstwerken begibt, steht die Herausforderung, der sich Künstler selbst stellen, um mit ihren Mitteln und Möglichkeiten ihrer Hinwendung zum Leben, ihren Sichtweisen, Gefühlen, Haltungen Ausdruck zu geben. So entstehen Werke, die auf andere zu wirken vermögen.

Kunst bedarf deswegen der Öffentlichkeit, wie sonst könnte sie in ihrem Reichtum, ihrer Vielfältigkeit, auch mit ihrem Anliegen, wirken? Das Rathaus ist ein öffentlicher Raum. Wenn hier Kunstwerke zu sehen sind, erreichen sie auch Menschen, die weder Galerien besuchen noch die Kunst für sich entdeckt haben, welche Bereicherung von künstlerischen Werken ausgehen kann. Am Sonntag kamen viele Gäste ins Rathaus, eröffnet wurde eine Ausstellung mit Werken von Henriette Röger-Oswald, Eike Fischer und Günter Hoch. Die beiden Künstlerinnen, die ihr Atelier in der historischen Kuntze-Fabrik in Süßen haben, also nicht im vielbeschworenen stillen Kämmerlein wirken, sondern am Puls der Arbeitswelt, sind längst mit ihren Bildern bekannt.

Doch Günter Hoch? Im Ermstal kennt man ihn als Buchhändler, die Buchhandlung Stoll in Metzingen war sein Wirkungskreis. Bei dieser Ausstellung nun lernt man ihn als Schöpfer von Skulpturen kennen, und man wird überrascht sein, von den ausdrucksvollen Formen, die er aus dem Stein hervorgebracht hat.

"Farbe ist Leben", benennt Henriette Röger-Oswald ihr Leitmotiv. "Leere und Fülle" ist es für Eike Fischer. Was so gegensätzlich erscheint, erweist sich bei beiden Künstlerinnen als Einheit der Auseinandersetzung und schließlich künstlerischer Bewältigung erfahrener Eindrücke, Anregungen aus der Fülle der Lebenswirklichkeit. Zwei Bilder und eine Skulptur standen bei der Vernissage im unteren Gewölbe des Rathauses. Heinz Häcker aus Gingen an der Fils, selbst Grafiker, führte in die Ausstellung ein.

Wenn er bei Eike Fischer den Kreis als wiederkehrendes Thema bewusst machte, der "ohne Anfang und Ende" für "Ganzheit und Vollkommenheit, für den Urgrund allen Seins, Beständigkeit und Dynamik" stehe, dann bezog er sich bei Henriette Röger-Oswald mit ihren Farben auf das Leben selbst, auf die leuchtende Hoffnung, die aus dem Dunkel hervorbricht.

So sind sich die beiden Künstlerinnen also durchaus verbunden in dem, was das Leben ausmacht, in seiner Vielfältigkeit, in seiner Gegensätzlichkeit und auch wiederum Einheit.

Steine sind für Günther Hoch geradezu eine Herausforderung. Was durch die Natur hervorgebracht, findet in seinem Schaffen mit Hammer, Meißel, Feile (und manchmal auch mit Beil), eine neue Form, einen neuen Ausdruck. Heinz Häcker stellte einen Stein vor, den das Meer geformt hat, einen Lochstein. Günter Hochs Skulptur stand daneben, darüber je eines der beiden Künstlerinnen. Hier wurde fassbar, was menschliches Wirken vermag, hervorbringt, an Beziehungsreichtum erschließt. In der Verbindung von Bildern und Skulpturen in einer Ausstellung erschließt sich der unterschiedliche Zugang zur Gestaltung künstlerischer Arbeit, die so vielseitig ausdrückt, was das Leben ausmacht, was bewegt, was individuell herausfordert, aber auch zusammenführt.

Bürgermeister Michael Hillert sprach in seiner Begrüßung vom Genuss, den eine Ausstellung im Rathaus bereitet.

Und Heinz Häcker wünschte, dass die Gäste "Freunde der Künstler und ihrer Bilder und Objekte" werden. Flötenklänge sind eingängig und schmeicheln dem Ohr. Doren Haas und Melanie Haas begleiteten mit ihren Querflöten und Stücken von Franz Anton Hoffmeister, Amadeus Mozart und Francois Devienne musikalisch die Gäste der Vernissage in das Spannungsfeld künstlerischer Auseinandersetzung.

Und beim Gang durch das Treppenhaus und die Rathausgänge konnte man selbst den Zugang zu den Arbeiten erfahren, sehend oder auch mal tastend (nicht nur bei den Skulpturen). Beim Blick um die Ecken eröffnete sich immer wieder ein neuer Effekt der Begegnung mit den Kunstwerken.

Info Die Ausstellung ist bis Mitte Dezember zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen.