Ein normaler Mensch kann das gar nicht schaffen. 67 Einträge (in Worten: siebenundsechzig) listet das Kulturnacht-Programm auf. Die roten Punkte auf dem Innenstadtplan stehen dicht an dicht. Private und professionelle Kulturschaffende, Einzelkünstler, Gruppen, Vereine, Institutionen und Firmen boten Veranstaltungen aller Art: Lesung, Vortrag, Konzert, Tanz, Film, Theater, Ausstellung, Aktion - oft eher versteckt, manchmal gut beleuchtet, meist im Gebäude, seltener im Freien.

Kultiviert und mehr oder weniger krisenbewusst, locker und leger, traditionell und experimentell, lokal und international. Die Spannweite reichte vom Akkordeonorchester über offenes Museum, Galerie und Kalligraphie bis zu Poetry Slam und Theater-Aktionen, meist live und "unplugged", mal abgesehen vom rätselhaften "ElektroKlo", das leider ausfallen musste.

Auffallend war der hohe Anteil der Lesungen - typisch Tübingen? Die enorme Vielzahl und Vielfalt der Angebote bot zwar garantiert für jeden etwas, machte es aber auch schwer, eine Auswahl zu treffen, zumal manche Aktion nur für kurze Zeit angesetzt war. Nicht Ortskundige dürften vermutlich Mühe gehabt haben, im Dunkel die relevanten Adressen zu finden. Immerhin blieb es trocken; das "Krisen-Fest" musste nicht auch noch seine Wetterfestigkeit beweisen.

Krisenfestigkeit hatte allerdings mancher Besucher aufzubieten, wenn er vor verschlossener Tür stand, etwa nach Beginn einer Darbietung. War vor der Kapelle im Stift extra ein Türsteher platziert, der zwar Leute raus-, aber keinesfalls reinließ, durfte man anderswo - etwa beim Konzert des collegium musicum im Pfleghofsaal - nach Belieben kommen und gehen, wie es das Konzept einer für alle offenen Kulturnacht eigentlich nahe legt.

Das kann auch Gedränge zur Folge haben: Im Hölderlinturm wurde es zeitweise eng, das Interesse an "Ich werd verrückt - beim Hölder gehts rund" im "open house" mit Rundgang und Konzert war groß.

Auch der Neckar wurde einbezogen: Hier konnte das Publikum den Begriff des "Lustwandelns" neu erfahren, indem es am Ufer, begleitet von einer Moderatorin, still lauschend einem langsam übers Wasser gleitenden Stocherkahn folgte, der neben der Kahnführerin eine Sängerin und einen Pianisten samt E-Piano trug, die Lieder der Romantik darboten, ein Bild wie aus einer andern Welt. Weniger idyllisch war das "Texas Barbecue" installiert, das auf der Busspur der Friedrichstraße - "King of the road" sang dort die Country-Band - Nahkontakt zum Autoverkehr bot.

Wer Tuchfühlung zur Prominenz suchte, kam im Stadtmuseum auf seine Kosten. Die dortige Aktion "Schwarzarbeit" hatte zwar mit dem Gebotenen nur indirekt zu tun, dafür konnte man sich etwa von OB Boris Palmer persönlich die an die Wand projizierte eigene Silhouette auf schwarzes Papier zeichnen und ausschneiden lassen. "Mit oder ohne Haar?", lautete Palmers Standardfrage. Er favorisierte die Variante "ohne Haar", wobei es natürlich nicht um einen Haar-, sondern nur um den (so vereinfachten) Scherenschnitt und damit um das Spezialgebiet des Museums ging.

Das Zentrum der Krisen-Festigkeit lag auf dem Marktplatz, hier schallte es gleich aus mehreren Ecken. In den benachbarten Gassen musste man eher die Augen offen halten, um nichts zu übersehen, etwa den blutigen kleinen "Tatort Kunst" in der Kirchgasse. Meist aber standen die Türen offen, wie sichs gehört, und boten Kulturvielfalt bis zum Abwinken.