Viele Forscher des 19. Jahrhunderts waren offenbar ziemlich furchtlose Gesellen. Die einen brachen mit nicht viel mehr als ihrer grenzenlosen Neugierde im Gepäck auf, um fremde Kontinente zu erkunden. Die anderen wagten sich in ihren Laboren in bis dahin nie betretene Welten vor, ungeachtet der Gefahren, die ihnen dort für Leben und Gesundheit drohten. Einer jener tapferen Pioniere war der in Metzingen geborene Christian Friedrich Schönbein. Und er ist einer der Naturforscher, der ursächlich an den Folgen seiner Arbeit starb, wie es Dr. Ulf Bossel formuliert. Er muss es wissen, schließlich ist er ein Nachfahre des berühmten Chemikers und kann sich auf entsprechende Briefe von Schönbeins Töchtern stützen.

Gestorben ist Schönbein am 29. August 1868, also vor genau 150 Jahren, an den Folgen einer Milzbrand-Infektion. Diese zog er sich zu, als er nach einer Methode suchte, Fleisch über lange Zeit zu konservieren. Dabei war er ziemlich erfolgreich, wie Ulf Bossel am Montag anlässlich eines Festaktes zu Ehren Schönbeins zu berichten wusste. Die Zyankali-Lösung, mit der Schönbein experimentierte, erfüllte ihren Zweck hervorragend. Nachdem die Hauskatze den Genuss des derart haltbar gemachten Fleisches überlebt hatte, probierte auch Schönbein das Produkt ohne Nebenwirkungen. Dummerweise zerbrach während der Experimentierphase ein Glas in seinem Labor, Schönbein schnitt sich daran und so gelangten Milzbranderreger in seinen Blutkreislauf. Vermutlich stammten sie von einem nicht mehr ganz taufrischen Stück Schaffleisch.

69 Jahre währte Schönbeins Leben. Zur Welt kam er 1799 im heute noch stehenden elterlichen Haus am Metzinger Marktplatz. Sein Vater verdiente den Unterhalt für die Familie als Färber. Genügend Geld, um den offensichtlich begabten Erstgeborenen aufs Gymnasium zu schicken, hatte er nicht. Dabei, sagt Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler, war schon den Volksschullehrern der unglaubliche Wissensdurst des Buben aufgefallen. „Er wollte den Dingen auf den Grund gehen.“

Der Weg zur Karriere als Naturforscher führte den Metzinger deshalb zunächst nach Böblingen, wo er eine Lehre in einer chemischen Fabrik absolvierte. Später studierte Schönbein an den Universitäten Erlangen, Tübingen und Paris. Sein Interesse weckten dabei nicht allein Chemie und Physik, sondern auch Pädagogik und Philosophie. Zudem wirkte er als Autor von Zeitungsartikeln und Reisetagebüchern. „Schönbein war ein innovativer Forscher, der unkonventionelle Wege ging“, betonte OB Fiedler in seiner Festansprache. Zudem habe er in regem Kontakt mit vielen bekannten Zeitgenossen in ganz Europa gestanden: „Er war ein Weltbürger und Netzwerker.“

Wie bedeutend Schönbeins Entdeckungen nicht nur für die Welt der Wissenschaft waren, erläuterte Professor Dr. Andreas Pfaltz der Festgesellschaft. Pfaltz lehrt Chemie an der Universität Basel und ist damit in gewisser Weise Nachfolger Schönbeins, der 1828 zunächst vertretungsweise als Professor an die Hochschule der Stadt berufen worden war. Sein Labor hat er sich damals übrigens in einer ehemaligen Waschküche eingerichtet.

In Verbindung gebracht wird Schönbeins Name heute vor allem mit der Entdeckung des Ozons, der Schießbaumwolle und des Prinzips der Brennstoffzelle. Was sich zunächst wenig spektakulär anhört, hat jedoch bis heute Einfluss auf den Alltag der Menschen. Die Schießbaumwolle beispielsweise ergibt in Kombination mit Campher eine Masse, die sich leicht schmelzen und formen lässt. Sie bildet unter anderem die Basis für Zelluloid und lieferte damit den Anstoß für die Entwicklung der Film- und Fotobranche. Außerdem entstanden aus diesem Material Tischtennisbälle und die berühmten Schildkröt-Puppen.

Ebenfalls immer noch gültig sind Schönbeins Erkenntnisse auf dem Feld der Elektrochemie: „Seine Forschungen waren die Geburt der Brennstoffzelle“, betont Pfaltz. Einer Technologie, die heute beispielsweise in Schiffen sowie in der Raumfahrt Verwendung findet. Deren Potenzial ist nach Ansicht von Professor Pfaltz bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Ihn begeistert am wissenschaftlichen Werk Schönbeins nicht zuletzt dessen Talent, mit bescheidenen Mitteln bahnbrechende Forschung zu betreiben: „Er wollte neue Erkenntnisse gewinnen.“