Wieder ist ein Musikherbst vorübergerauscht - und der nächste kündigt sich bereits an. Florian Prey, der künstlerische Leiter, macht dies stets diskret, aber nachdrücklich - indem beim letzten Konzert jeder Besucher auf seinem Platz eine kleine Karte findet, auf der Prey das Profil des nächsten Musikherbsts in Stichworten skizziert.

Doch zunächst gilt es, Bilanz zu ziehen: Mit 3400 Zuhörern kann Kulturreferent Thomas Braun für die Musiktage 2012 einen guten Zuschauerzuspruch vermelden. Zum Vergleich: 2008 etwa kamen nur 2500 Besucher, im Mozart-Jahr 2006 dagegen 4500 Besucher.

Nein, Preys Mischung aus jungen Interpreten und erfahrenen Stargästen wie Juliane Banse, Michael Volle und Friedrich von Thun scheint angekommen zu sein. Nur ist das kein Grund, um sich zurückzulehnen. Das Festival zieht noch viel zu wenig junges Publikum an. Zudem geht das Erkunden neuer Konzertformen noch viel zu langsam voran.

Außer einer Reform des Eröffnungsabends - der diesmal ohne den üblichen langen Fachvortrag als Lesung mit Musik gut angenommen wurde - tut sich da noch zu wenig. Moderierte Konzerte, Künstlergespräche (wie vom Freunde-Verein bereits praktiziert), Themenpodien, Begegnungen: All das könnte den Musikherbst beleben. Auch der honorable Versuch, mit einer separaten Blog-Website jüngere, internetaffine Besucher anzusprechen, blieb in dürren Anfängen stecken - mehr als ein paar Fotos und ein lapidares Linkverzeichnis zu den Künstler-Websites war nicht drin. Ein Festival lebt aber nur dann, wenn es nicht nur Musik, sondern auch Gedankenaustausch, Debatten und ja, Streitgespräche bietet. Wenn die Zuhörer wirklich mit den Künstlern ins Gespräch kommen - und dies nicht nur auf der üblichen Bewunderungsebene über Autogramme und signierte CDs. Die Bewirtung bei den Konzerten war ein erster Versuch in diese Richtung.

Immerhin scheint Florian Preys nächster Musikherbst - 2013 unter dem Thema "Märchenwelten" (wir berichteten) - da wohl mehr Abwechslung zu bieten. Zu Schumanns selten aufgeführtem Oratorium "Der Rose Pilgerfahrt" wird es eine "Großbildprojektion" geben. Zudem plant Prey einen Märchenstummfilm mit Live-Musik.

Überhaupt verspricht das Festival 2013 etliche Besonderheiten, etwa Carl Reineckes Andersen-Vertonung "Die wilden Schwäne" und eine Märchen-Lesung mit den Schauspieler-Geschwistern Anne und David Bennent. Vor allem: Endlich kann Bad Urachs Festival wieder mit einer Musiktheater-Ausgrabung prunken - Friedrich von Flotows Märchenoper "Rübezahl". Über Jahre waren solche Opern-Raritäten ein überregional beachtetes Alleinstellungsmerkmal des Festivals - von Victor Nesslers "Trompeter von Säckingen" (1994) bis hin zu Siegfried Wagners "Rainulf und Adelasia" (2003).

Kurzum, es gibt viel zu tun. Eins darf der Musikherbst nicht: Sich von der Zeit abhängen und selig in "Märchenwelten" entschlummern. Die Zukunft des Festivals muss auch mit Blick auf die gleichzeitigen Reutlinger Herbstfestivals (beginnend mit dem Mozartfest) in der 2013 eröffnenden Stadthalle neu überdacht werden. Will Urach so weitermachen wie bisher? Dann aber ist ein Überleben nur mit Umbrüchen möglich - mehr junges Publikum, neue Konzertformen. Oder wagt Urach den Sprung in ein gemeinsames, regionales Großfestival mit Reutlingen? Positive Beispiele wie Rheingau-, Schwarzwald- und Bodensee-Festival gibt es, doch die Gefahr, dass Urachs Musikherbst in diesem Regionalfest auf- und auch untergeht, liegt ebenfalls auf der Hand.

Die Frage, ob Urachs Festival nun mit Reutlingen etwas Neues wagt (große Lösung) oder nur ein, zwei Konzerte dort abwickelt (kleine Lösung) oder Kompromisse findet, muss sehr bald entschieden werden. Denn in Tübingen (wie berichtet) hätte Reutlingen einen Alternativ-Partner, mit dem sich gut ein gemeinsames Klassik-Fest starten ließe. Aber egal, ob große oder kleine Lösung: Urachs Musikherbst braucht neue Impulse.