Metzingen Hilfe über den Tod hinaus: Organspender retten Leben

Der Metzinger Gerhard Wagner will andere davon überzeugen, Organspender zu werden. Wer sich dafür entscheidet, kann das Leben eines anderen retten oder zumindest dessen Lebensqualität verbessern.
Der Metzinger Gerhard Wagner will andere davon überzeugen, Organspender zu werden. Wer sich dafür entscheidet, kann das Leben eines anderen retten oder zumindest dessen Lebensqualität verbessern. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Regine Lotterer 14.06.2018

Am Schluss waren Gerhard Wagner noch 30 Prozent Sehkraft geblieben. Kontraste konnte er vor allem nachts kaum noch erkennen. Irgendwann hätte seine Krankheit, der medizinische Fachbegriff lautet Cornea Guttata, seine Welt in einen grauen Nebelschleier gehüllt. Lesen, Fernsehen, Autofahren, die Arbeit im Garten, all das wäre dem Metzinger dann unmöglich geworden.  Inzwischen sind diese Sorgen glücklicherweise vergessen. Ärztliches Können und die Bereitschaft eines anderen Menschen Organspender zu werden, haben ihm das Augenlicht erhalten.

Wie viel Glück er hatte, erfuhr der Metzinger in einem Gespräch mit seinem behandelnden Arzt. Professor Friedrich E. Kruse praktiziert an der Augenklinik in Erlangen, die zum dortigen Universitätsklinikum gehört. Kruse sei ein Mann der alten Schule, höflich, bescheiden, zuvorkommend und stets um das Wohl seiner Patienten bemüht, sagt Gerhard Wagner. Genau deshalb wurmt es Kruse, dass er und seine Kollegen nicht noch mehr Menschen helfen können, weil die dafür nötigen Organe fehlen. Viele Deutsche sind zögerlich, wenn es um dieses Thema geht. Zu wenige Bundesbürger haben einen Organspenderausweis in der Tasche, der es den Medizinern erlaubt, im Todesfall Herz, Leber, Lunge oder wie im Fall von Gerhard Wagner die innere Membran der Hornhaut zu entnehmen. Über das eigene Ende nachzudenken, schreckt ebenso ab, wie das Wissen um schwarze Schafe, die mit den entnommenen Organen viel Geld verdienen.

Es kann jeden treffen

Die Zweifel, sagt Wagner, verstehe er bestens, allerdings treffe die Zurückhaltung genau die Falschen. Nämlich jene, die verzweifelt auf eine Spende warten. Wenn mehr Menschen bereit wären, ihre Organe freizugeben, sinke die Gewinnmarge der Kriminellen dramatisch, argumentiert er. Auch deshalb wirbt er dafür, sich als Spender registrieren zu lassen. Zumal es jeden aus heiterem Himmel treffen kann, wie er während  seines Klinikaufenthaltes in Erlangen immer wieder erfuhr. Beispielsweise kam er mit einem Mann ins Gespräch, der sich einen Pilz einfing und nun darum ringt, wenigstens einen kleinen Teil seines Augenlichts zu behalten. Vielleicht lauerte der Erreger auf einer Türklinke oder einer PC-Tastatur, jedenfalls auf einem vollkommen unauffälligen Alltagsgegenstand. Der Pilz blieb an der Haut haften, der Mann fasste sich ins Gesicht, das Verhängnis nahm seinen Lauf. „Früher“, sagt Gerhard Wagner, „verloren diese Patienten unweigerlich ihr Auge.“ Es wurde entfernt, weil sich der Pilz sonst weiter bis ins Gehirn frisst. Ja, sagt der Metzinger, in einem Krankenhaus lässt sich manches über das Leben und über die Menschheit lernen. Während viele ihr Schicksal mit Geduld tragen, hadern andere damit, sich plötzlich von anderen abhängig zu wissen.

Wagner selbst hat die Zeit in der Erlanger Augenklinik in guter Erinnerung behalten. Bei Ärzten und Pflegern fühlte er sich gut aufgehoben. Auch seine Zimmergenossen waren freundliche Herrschaften, mit denen er sich gepflegt unterhalten konnte. Einzig seine Geduld wurde auf die Probe gestellt. Denn in den ersten Tagen nach der OP musste er mit dem Blick an die Zimmerdecke im Bett liegen bleiben. Alle zwei Stunden kam eine Schwester vorbei, um ihm eine Flüssigkeit in die Augen zu tröpfeln.

Um der Langeweile entgegenzutreten, hatte er ein Radio mitgebracht. Die klassische Musik lenkte seine Gedanken auch das eine oder andere Mal zurück in seine Heimatstadt und in sein Geschäft, das er in der Stadt betrieb. Dort trat jedenfalls eines Tages ein Stammkunde freudestrahlend über die Türschwelle und verkündete: „Ich werde doch nicht blind.“ Der Mann war Diabetiker, die Krankheit hatte bereits begonnen, die Netzhaut seiner Augen zu zerstören. Eine Organspende rettete ihm die Sehkraft.

Infos zur Organspende

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Organspende eine gebührenfreie Telefonnummer geschaltet, über die sich jeder informieren kann. Zu erreichen ist sie unter (08 00) 9 04 04 00.  Informationen gibt es außerdem unter www.organspende-info.de. Organe dürfen nur entnommen werden, wenn der Hirntod zweifelsfrei nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden ist und wenn eine Einwilligung zur Entnahme vorliegt. Wer seine Organe spenden möchte, kann einen Organspendeausweis ausfüllen und diesen am besten ständig bei sich tragen. Der Ausweis wird nicht registriert, er kann also jederzeit einfach entsorgt werden, falls jemand seine Meinung ändert.

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