Metzingen Herr über die Miniaturstadt

Metzingen / CHRISTINA HÖLZ 23.02.2016
Oben auf dem Dachboden des Rathauses ist Adel Makram Herr über die ganze Stadt - über Metzingen in Miniaturform: Der Architekt bildet Häuser und Straßen als Modell im Maßstab 1:200 nach.

Keine Stadt hat ihr Gesicht in den vergangenen 15 Jahren so verändert wie Metzingen. Sanierte Plätze und Neubaugebiete sind das eine - aber vor allem die Outlets prägen das Bild. Oft verändert sich die Stadtansicht innerhalb weniger Wochen. Klar, dass gerade Metzingen sein Wachstum am Modell dokumentiert: Ganz oben im höchst gelegenen Stockwerk des Rathauses ist die Stadt in Miniaturform aufgebaut. Kleine weiße Würfel stehen für Boss, Escada, Joop und Lindenplatz-Glasbau. Aber auch für Martinskirche, Öschhalle und Bahnhofsgebäude.

Kommt ein neues Fabrikverkaufshaus dazu und verändert ein Projekt wie das Posthof-Areal die Innenstadt optisch, dann ist er gefragt: Diplom-Ingenieur und Schmuckdesigner Adel Nelson Makram baut und restauriert hauptberuflich Architekturmodelle. Oft bildet der in Dettingen lebende Ägypter die Entwürfe von anderen Architekten für städtebauliche Wettbewerbe nach. Im anderen Fall baut, saniert, pflegt und ergänzt Makram bestehende Ortsmodelle für Kommunen. So wie in Metzingen, wo der Freiberufler für das kleine, weiße Mini-Stadtbild verantwortlich zeichnet. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit und die Lust am Gestalten.

SÜDWEST PRESSE: Herr Makram, in drei Sätzen ausgedrückt: Welches Talent braucht man unbedingt, um Modelle von Städten und Siedlungen nachzubauen?

Adel Makram: Man braucht einen Blick für Proportionen. Und man muss die Idee rasch dreidimensional sehen, die es umzusetzen gilt. Die handwerklichen Fähigkeiten kommen dann dazu.

Sie haben ihr handwerkliches Arbeiten ja zunächst an eher ungewöhnlichen Orten geschult.

Adel Makram: Ja, ich habe in Ägypten in den Werkstätten der Basare angefangen. Zuerst haben wir dort Draht gelötet und kleine Fahrräder gebaut. Später habe ich Schmuck gefertigt. Dort habe ich gelernt, mit wenig Werkzeug viel zu produzieren und sehr geschickt zu arbeiten.

Wie sind Sie dann später dazugekommen, Modelle zu bauen?

Adel Makram: Ich habe in Kairo und Stuttgart Architektur studiert und war dann für ein Büro in Stuttgart im Modellbau tätig. Von dort aus wurde ich weiter empfohlen. Vieles läuft in dieser Branche über Mund-zu-Mund-Propaganda. Seit 1993 baue ich auch Modelle für städtebauliche Wettbewerbe. Da entstehen öffentliche Gebäude und ganze Stadtviertel. Das ist bis heute ein großer Teil meiner Arbeit.

Wie und mit welchen Materialien bauen Sie Modelle wie die Miniaturstadt Metzingen?

Adel Makram: Ich verwende Materialien wie Polystyrol, Plexiglas, Holz, Gips und Pappe. Sehr vieles ist immer noch Handarbeit. Aber in der Werkstatt kommen seit einigen Jahren auch CNC-Maschinen und ein leistungsfähiger 3-D-Drucker zum Einsatz. Obwohl es moderne Zeichenprogramme gibt, sind Modelle immer noch erste Wahl, wenn es um das Visualisieren von Entwürfen geht. Dabei ist höchste Präzision gefragt.

Das Modell in Metzingen müssen Sie ja vor allem ständig aktualisieren.

Adel Makram: Ja, das Modell gibt es schon länger. Ich renoviere es seit sechs, sieben Jahren ständig, baue neue Gebäude nach und entferne die Häuser, die abgerissen wurden. Und wenn erweitert wird, bilde ich die Bauten nach, so wie neulich die Erweiterung des Strenesse-Gebäudes im Fabrikverkauf.

Warum ist es wichtig, dass sich Metzingen so ein Modell leistet?

Adel Makram: Wenn etwas neu gebaut wird, können Städteplaner und Gemeinderäte immer einen Blick auf das Modell werfen. So lässt sich besser einschätzen, wie eine bauliche Veränderung aussehen wird. Manchmal merkt man dann eher, wenn ein Gebäude zu hoch oder zu massiv wird. Auch betroffene Bürger schauen öfters mal vorbei, wenn es ans Umbauen geht.

Sie sagen, Sie haben Freude am Modellbau. Ihre wahre Leidenschaft gilt aber einer anderen Sache. . .

Adel Makram: Das stimmt. Momentan bin ich hauptberuflich zwar zu 80 Prozent im Modellbau tätig, Ich mag es generell, zu gestalten. Aber meine wahre Leidenschaft gilt dem Entwerfen und Produzieren von Schmuck - das sind momentan aber nur 20 Prozent meiner Tätigkeit. In meinem Atelier in Dettingen bin ich gerne kreativ. Auch für Kunst und Malerei interessiere ich mich sehr. Ich habe schon mit 13 Jahren Unterricht bei einem Künstler in Kairo genommen. Das kommt mir jetzt zugute.

Adel Makram: Zur Person

Adel Nelson Makram ist gebürtiger Ägypter und lebt seit 1984 in Deutschland. Er studierte Architektur an den Universitäten in Kairo und Stuttgart. Seit mehr als 20 Jahren fertigt und restauriert der Diplom-Ingenieur Architekturmodelle für Kommunen, Firmen und städtebauliche Wettbewerbe.

Im Ermstal ist Adel Makram auch als Schmuckdesigner bekannt. In Dettingen unterhält er ein Atelier, in dem er selbst Ringe, Ketten und Ohrstecker entwirft und produziert. Diese Handarbeit lernte er vor dem Studium in den Werkstätten der ägyptischen Basare. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt Adel Makram in Dettingen.

SWP