Region Haltung zeigen

Region / REGINE LOTTERER 19.04.2016
Als evangelischer Pfarrer begleitet Pascal Kober Soldaten der Bundeswehr während ihres Einsatzes in Mali. Das afrikanische Land sieht seine Demokratie und Lebensweise von islamistischen Fanatikern bedroht.

Politik kann ein reichlich undankbares Geschäft sein. Pascal Kober hat das 2013 erlebt: Der FDP-Wahlkreisabgeordnete verlor sein Mandat, als seine Partei aus dem Bundestag flog. Von der Regierungsbank ging es für die Liberalen in die außerparlamentarische Opposition, eine harte Landung. Noch am Wahlabend, sagt Pascal Kober, habe er sich bereit erklärt, am Wiederaufbau seiner Partei mitzuwirken. Verantwortung übernahm er als stellvertretender Landesvorsitzender, zudem hat er ein Amt im Bundesvorstand inne.

Derzeit wirkt er als Militärseelsorger bei der Bundeswehr. Sein Dienstsitz liegt in Stetten am kalten Markt, von Dezember bis März führte ihn seine Tätigkeit zu einem Einsatz ins westafrikanische Mali. Dort bildet die Bundeswehr Angehörige des malischen Militärs aus.

Ab Mai reist Kober wieder in die Krisenregion. Dieses Mal rückt er auch näher an gefährdete Gebiete heran. Stationiert wird der Geistliche gemeinsam mit den deutschen Soldaten in Gao, einer Stadt im Norden Malis. Bislang agierte die Bundeswehr ausschließlich im weit ruhigeren südlichen Landesteil. Gefahr droht den Einheimischen und den ausländischen Helfern vor allem von islamistischen Terrorgruppen, denen der im Land gelebte liberale Islam ebenso ein Dorn im Auge ist wie das demokratische System. Unsere Zeitung sprach mit Pascal Kober über seine Erfahrungen beim Militär, den Umgang mit dem Islam und die politischen Ziele seiner Partei.

Herr Kober, Sie waren bereits einige Monate in Mali im Einsatz. Wie gefährlich ist die Lage dort im Augenblick?

PASCAL KOBER: Das Land ist noch nicht stabilisiert. Die Menschen sind allerdings außerordentlich froh, dass die Bundeswehr vor Ort ist. Die Bevölkerung fühlt sich von den Islamisten bedroht, die die Scharia einführen wollen. Mehr als 90 Prozent der Bürger sind Muslime, in den Straßen sind aber kaum verschleierte Frauen zu sehen, auch Alkohol gibt es überall zu kaufen. Die christliche Minderheit im Land kann ihren Glauben ebenfalls ohne Repressionen leben. Es ist ein offenes Miteinander.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem einheimischen Militär?

KOBER: Die malischen Soldaten sind hochmotiviert. Sie wissen sehr zu schätzen, dass die Bundeswehr sie ausbildet und ihnen damit hilft, sich im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen.

Als Militärpfarrer stehen Sie Soldaten in einer Ausnahmesituation bei. Wird Ihre Arbeit vor Ort geschätzt?

KOBER: Die Bundeswehr unterstützt die Militärseelsorger in jeder Hinsicht, obwohl wir keine Soldaten sind. Das hat historische Gründe. Niemand soll einem Pfarrer befehlen können, was er zu predigen hat oder was er einem Soldaten im Gespräch sagt.

Nutzen die Soldaten die Möglichkeit, sich mit einem Geistlichen auszutauschen?

KOBER: Ich lebe ja 24 Stunden am Tag mit den Soldaten auf engstem Raum zusammen. Da kommt man ganz selbstverständlich miteinander ins Gespräch. Was als belanglose Plauderei beginnt, kann sich zu einem sehr persönlichen Gespräch entwickeln.

Sind Sie während Ihres Einsatzes schon einmal in eine kritische Situation geraten?

KOBER: Nein. Als Militärpfarrer werde ich von der Bundeswehr außerdem gut geschützt. Als ich während der Weihnachtsfeiertage von einem Standort zum anderen unterwegs war, haben mich elf Soldaten begleitet, weil die Gefahr bestand, dass die Islamisten gerade in dieser Zeit Anschläge verüben. Es blieb aber ruhig.

Während Ihres Einsatzes haben Sie das Leben in einem islamisch geprägten Land erlebt. Mit welchen Gedanken verfolgen Sie die Debatte um die Integration der Muslime in Deutschland?

KOBER: Es ist falsch, alle in einen Topf zu werfen. Das zeigt der Konflikt in Mali ganz deutlich. Die radikalen Islamisten haben andere Muslime und den liberalen Islam zu ihrem Gegner erkoren. Mit unserem Einsatz in Mali tragen wir gleichzeitig zur Stabilisierung des Landes bei, bekämpfen damit eine der Fluchtursachen und schützen damit unsere Außengrenzen. Im Norden Malis verläuft eine der Flüchtlingsrouten nach Europa, dort etablierte sich eine kriminelle Szene, zu der auch Schlepperbanden gehören.

Am Wochenende kündigte die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch an, ihre Partei wolle einen strammen Anti-Islam-Kurs verfolgen und unter anderem Minarette und Muezzin-Rufe verbieten. Was halten Sie von solchen Vorstößen?

KOBER: Was Frau von Storch gesagt hat, ist meiner Meinung nach nicht mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar, und es widerspricht unserem Verständnis von Religionsfreiheit. Wir gehen zunächst einmal davon aus, dass jeder friedlich mit uns zusammenleben möchte. Kollektive Verurteilungen sind nicht mit unseren Werten vereinbar. Das gilt übrigens auch für jene Äußerungen, die sich auf einen Schießbefehl an den deutschen Grenzen beziehen. So etwas ist menschenverachtend. Einerseits gegenüber den Soldaten, denen zugemutet werden soll, auf Flüchtlinge zu schießen und andererseits gegenüber den Menschen, die zu uns kommen.

Mit solchen Tabubrüchen schafft es die AfD aber regelmäßig in die Schlagzeilen und es gelingt ihr, die politische Debatte zu beherrschen. Wie können die anderen Parteien darauf reagieren?

KOBER: Wir müssen als Gesellschaft lernen, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das uns die AfD hinhält. Außerdem müssen wir das Vertrauen der Menschen in die parlamentarischen Prozesse stärken. In der Politik geht es darum, Kompromisse zu finden, das ist ein langwieriges Verfahren. Die Welt ist komplex, einfache, schnelle Lösungen gibt es nicht. Das macht Politik kompliziert, zumal es gilt, verschiedene Vorstellungen und Interessen zu berücksichtigen. All das wird momentan diskreditiert. Dem müssen wir entschieden entgegentreten und klar machen, dass die parlamentarische Demokratie sehr wohl in der Lage ist, Probleme zu lösen.

Die FDP hat sich den Slogan "German Mut" zu Eigen gemacht. Als bewussten Kontrapunkt zur Debatte in einer verunsicherten, verängstigten Republik?

KOBER: Die FDP ist eine grundsätzlich optimistische Partei. Unsere Grundmelodie heißt, wir brauchen uns vor der Zukunft nicht zu fürchten. Allerdings müssen wir auch die notwendigen Vorkehrungen treffen. Beispielsweise werden die sprudelnden Steuereinnahmen von der Großen Koalition einfach konsumiert, anstatt für magere Jahre mit Investitionen und Reformen vorzusorgen. Leider verwaltet die Regierung Merkel die Gegenwart nur.

Nächstes Jahr sind Bundestagswahlen. Wird es im Wahlkreis Reutlingen wieder einen Kandidaten Pascal Kober geben?

KOBER: Ja, ich möchte mich zur Wahl stellen und versuchen, ein Mandat zu erringen.

Wird die Flüchtlingsdebatte die Bundestagswahl 2017 ebenso dominieren wie die baden-württembergische Landtagswahl 2016?

KOBER: Die Zahl der Flüchtlinge wird zurückgehen, das Thema Integration wird uns bleiben. Das ist eine große Aufgabe, der wir uns in der Bundesrepublik gegenübersehen und die von der Großen Koalition in keinster Weise gelöst worden ist. Die Regierung muss sich vorwerfen lassen, dass sie der Bevölkerung nicht gesagt hat, wie die Integration geleistet werden kann. Zumal wir auf diesem Gebiet in der Vergangenheit nicht in allen Teilen erfolgreich waren. Das darf sich auf keinen Fall wiederholen.

Im Landtagswahlkampf spielte der Umgang mit der AfD eine wichtige Rolle. Wie wollen Sie es bei der kommenden Bundestagswahl damit halten?

KOBER: Ich plädiere dafür, die AfD wie jede andere Partei zu behandeln und sie mit Argumenten zu stellen. Und wir müssen deutlich sagen, dass das, was Frau von Storch vertritt, unserer Ansicht nach keine abendländischen Werte sind. Hier gilt es, Haltung zu zeigen und unsere Werte deutlich zu machen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel