Metzingen Grüße aus Cáceres

Sie schildern anschaulich, wie sich die Situation in Cáceres darstellt: Jean Nascimento, Rosali Alves und Patrick Kotzur (oben von links), unten Laura Stasch und Katja Polnik. Foto: Natalie Eckelt
Sie schildern anschaulich, wie sich die Situation in Cáceres darstellt: Jean Nascimento, Rosali Alves und Patrick Kotzur (oben von links), unten Laura Stasch und Katja Polnik. Foto: Natalie Eckelt
Metzingen / NATALIE ECKELT 12.01.2013
Seit zehn Jahren verbindet das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium und die St. Bonifatius Gemeinde ein ganz besonderes Kinderprojekt mit Brasilien. Eine Erzieherin, die vor Ort arbeitet, ist gerade auf Besuch.

Roseli Alves ist 20 Jahre alt. Vormittags studiert die junge Brasilianerin Rechnungswesen, nachmittags betreut sie die rund 40 Kinder, die jeden Tag nach der Schule in den Gonzalinho-Kinderhort in Cáceres kommen. Für zwei Monate ist Roseli zu Besuch in Metzingen, wo sie am Donnerstagabend im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium von ihrer Arbeit berichtete.

"Die meisten Kinder haben nur ein Elternteil oder wachsen bei ihren Großeltern auf", erzählt sie. Die Kinder sind sechs bis zwölf Jahre alt, bringen aber oft auch ihre kleineren Geschwister mit. Nach der Schule, die vier Stunden dauert, warten Gefahren, wie Kinderbanden oder der Drogenhandel, auf die Kinder. "Die Mutter ist froh, wenn ihre Kinder bei uns sind und nicht bei den Nachbarn, die Drogen nehmen", erzählt Roseli am Beispiel einer Familie.

Roseli ist eine von drei Festangestellten, die sich um die Kinder kümmern, mit ihnen spielen, basteln oder kochen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden aus Metzingen. Jeden Monat zahlen fast alle Schüler des Gymnasiums ab der achten Klasse einen Euro, so dass monatlich Geld nach Brasilien geschickt werden kann, wovon die Betreuerinnen, das Essen und die Instandhaltung des Gebäudes finanzieren. Zusätzlich gibt es Daueraufträge von Metzinger Bürgern und immer wieder Spendensammelaktionen der Schüler. Die St. Bonifatius Gemeinde trägt eine Hausmeisterstelle sowie zwei Auslandsdienst-Stellen für ehemalige Schüler der Brasilien-AG, die nach dem Abitur für ein Jahr mit den Kindern arbeiten.

"In der Brasilien-AG lernen die Schüler zwei Jahre lang die Sprache und auch etwas über die Landeskunde, die Politik und die Geschichte des Landes", berichtet Katja Polnik, Lehrerin am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium. Sie war selbst als Studentin in Cáceres und hat das Projekt an ihre Schule gebracht. Seither hat sich viel getan.

Von den Spenden aus Metzingen konnte 2008 ein Grundstück gekauft und darauf ein Haus für die Kinder gebaut werden, wobei auch Metzinger Schüler beim Bau geholfen haben. "Wenn die Schüler vor Ort mitarbeiten, ist das eine ungeheure Horizonterweiterung", so die Lehrerin.

Das können Patrick Kotzur und Laura Stasch bestätigen. Beide haben nach dem Abi ein Jahr lang in Brasilien mitgeholfen. "Die Kinder wachsen einem sehr ans Herz", sagt Laura. Ihre Erlebnisse dort haben beide geprägt. "Ich wollte eigentlich Chemie studieren", erzählt Patrick. Nach Brasilien hat er sich aber für ein Studium im sozialen Bereich entschieden.

Auch Roseli hat ihre Arbeit verändert. "Wenn man sieht, mit was für Schicksalen die Kinder schon von klein auf fertig werden müssen, welche schweren Probleme sie haben, dann denkt man über vieles anders." Rosalis Berichte und Fotos sind für das Projekt wichtig. "Unser Hauptziel ist, dass die Partnerschaft etwas Lebendiges ist und wir die Lebensbedingungen dort authentisch kennenlernen", so Katja Polnik. Rosali besucht daher während ihres Aufenthalts in Metzingen alle Klassen, um von ihrer Arbeit zu erzählen.

Zum Beispiel von einem Kung Fu Lehrer, der ehrenamtlich mit den Kindern trainiert, von einer Künstlerin, die mit den Kindern aus Plastikflaschen Sterne bastelt oder von dem Garten, den die Betreuer mit den Kindern angelegt haben. "Die Kinder kommen auch in den Ferien vorbei, um die Pflanzen zu gießen, was zeigt, wie wichtig ihnen das ist", freut sie sich. Die erste Frage der Kinder sei oft: "Tante, was gibt´s heute zu essen?". Auf den Tisch kommen dann auch die selbst angebauten Tomaten und der Manjok, ein Grundnahrungsmittel ähnlich der Kartoffel. Nach jedem Essen werden die Zähne geputzt. "Weil wir hoffen, dass die Kinder diese Gewohnheit mit nach Hause nehmen und die Eltern wiederum von ihren Kindern lernen."

Auch Jean Nascimento, der im Hort ehrenamtlich Gitarrenunterricht gibt, ist zur Zeit in Metzingen. Die Gitarre, auf der er den Kindern beibringt, ihre Lieblingslieder zu spielen, wurde mit Spenden bezahlt. Dass Menschen aus Deutschland in seinem Heimatort helfen, findet der 25-Jährige nicht selbstverständlich. "Vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie sind weit weg und haben keine Verpflichtung in Cáceres zu helfen. Vielen Dank deshalb für Ihre Solidarität."

Info Mehr Infos zum Gonzalinho-Kinderprojekt gibt es unter www.brasilienprojekt.org

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