Bad Urach Glühend, klangsatt, klang-erfühlt

Knackige Bässe, scharfe Kante: Das Alliage-Quintett hat mit jazzigen Saxophon-Arrangements die Musiktage in der Bad Uracher Festhalle eröffnet. Die Festspiele dauern bis Freitag, dann steht mit Händels „Messias“ der Abschluss in der Amanduskirche an.
Knackige Bässe, scharfe Kante: Das Alliage-Quintett hat mit jazzigen Saxophon-Arrangements die Musiktage in der Bad Uracher Festhalle eröffnet. Die Festspiele dauern bis Freitag, dann steht mit Händels „Messias“ der Abschluss in der Amanduskirche an. © Foto: Thomas Kiehl
Bad Urach / Von Susanne Eckstein 01.10.2018

Worüber spricht ein Nicht-Musiker als Vortragsredner zum Motto „Klangerfühlt“? Wenn man die aktuellen Themen des bekannten Journalisten, Autors und Weltbewegers Franz Alt so anschaut, finden sich darunter zwar Stichworte wie Ethik oder Energiewende, aber nichts, was mit Musik zu tun hat.

Doch Franz Alt, mittlerweile 80-jähriger Autor und Umwelt-Vordenker, schaffte die Verbindung.

Er hat nämlich in den 1960er Jahren den Festivalgründer Hermann Prey als Naturliebhaber kennengelernt, erzählte von der Begegnung und knüpfte daran die Frage, was dieser wohl zum Artensterben sagen würde. Prey in seiner Paraderolle als Papageno legte er die Frage „Wo sind die Vögel geblieben?“ in den Mund.

Damit war Alt bei seinem Anliegen, das er ausführlich in freier Rede vertrat: Darzulegen, wie die Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört, aber auch Wege zur Rettung zu zeigen.

Dies tat er anhand von Zahlen über ausgerottete Arten („Wir spielen Evolution rückwärts, ich möchte nicht mein Enkel sein“), neu produzierte Wüsten, Verlust fruchtbaren Bodens und Freisetzung von Treibhausgasen, ergänzt durch Exkurse, Erinnerungen und Erzählungen. Eine mögliche Rettung stellte er mit seinem aktuellen Buch „Lust auf Zukunft – Wie wir die Wende schaffen“ vor und machte konkrete Vorschläge, neben der Verkehrswende etwa eine viel weiter gehende Nutzung von Sonnen- und Windenergie:

Solardächer überall, auch auf die Kirchen, zusätzlich 500 Windräder. Franz Alts flammender Appell ließ keinen kalt, im Publikum regte sich Geflüster; für Gesprächsstoff war gesorgt.

Offener und frecher sollen auch die Festivalprogramme werden. So bestand die Musik des Eröffnungsabends aus lauter Arrangements, nämlich für Saxophonquartett plus Klavier – das Alliage Quintett. Gegenüber seinem Auftritt in Reutlingen 2015 hat es sich verändert: Neben der Pianistin war nur der Gründer und Primarius Daniel Gauthier (Sopransax) noch dabei, die drei Herren an Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon waren relativ neu, ein französischer Saxophonist sprang kurzfristig für den erkrankten „Altgedienten“ Sebastian Pottmeier ein.

Demzufolge waren kleine Abstriche in Präzision und Balance zu verzeichnen, der Klang tendierte insgesamt zur Basslage. Doch der Spielfreude tat dies keinen Abbruch.

Als Ouvertüre diente ein Purcell-Verschnitt: Barockmusik mal unbarock auf Saxophonen, vibrierend, klangsatt, klang-erfühlt. Zwischen Begrüßung und Festvortrag stand das „Bacchanal“ aus Saint-Saëns’ „Samson et Delila“; aus dem exotisch angehauchten Orchesterstück wurde eine opulente Bläser-Orgie.

Den großen musikalischen Schlussblock bildete eine Fantasie über fünf Songs aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, die hier quasi auseinandergenommen und neu zusammengesetzt wurden – eine glühende Botschaft für die Insider, eher unverständlich für alle andern.

Hier und mit einer Suite aus Bernsteins Sozial-Musical „West Side Story“ kamen die angriffslustigen jazzigen Töne zum Zuge. Das stand den Saxophonen bestens zu Gesicht: schmeichelweiches Gefühl, knackige Bässe und scharfe Kante (inklusive Trillerpfeife), schräge Rhythmen, locker dahergefetzt, vom Publikum in der Festhalle mit viel Beifall bedacht.

Als Zugabe gewährten die fünf Musiker schließlich einen bekannt-populären Jazz-Walzer von Schostakowitsch.

Heute bei den Herbstlichen Musiktagen

Das Stegreif-Orchester aus Berlin konzertiert heute, Montag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr in der Festhalle Bad Urach.

Es kommen folgende Werke zu Gehör: Johannes Brahms (1833-1897) Symphonic Nr. 3 F-Dur op.90; Rekomposition: Wolf Kerschek; Arrangement für Stegreif: Alisatir Duncan; Choreographie: Ella Baumann.

Die Herbstlichen Musiktage gehen noch bis Freitag, 5. Oktober, über die Uracher Bühnen.

Karten gibt es im städtischen Kulturreferat Bad Urach, und zwar unter  (0 71 25) 9 46 06, per E-Mail unter info@ herbstliche-musiktage.de und online auf www. herbstliche- musiktage.de.

Weitere Berichte zum Auftakt der Herbstlichen Musiktage lesen Sie auf unserer Ermstalseite.

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