Römerstein Geringer Wärmeverlust beeindruckt

Das Heizkraftwerk der Neue Energie Römerstein am Loserhof wurde von den Ortsvorstehern gerne begutachtet.
Das Heizkraftwerk der Neue Energie Römerstein am Loserhof wurde von den Ortsvorstehern gerne begutachtet. © Foto: Alexander Thomys
Römerstein / Alexander Thomys 16.05.2018

Böhringens Ortsvorsteher Albrecht Müller durfte am gestrigen Dienstag zahlreiche Kollegen aus dem ganzen Regierungsbezirk im Römersteinsaal des Rathauses begrüßen. Die Albgemeinde hatte sich beworben, den Ortsvorstehertag des baden-württembergischen Gemeindetages zu veranstalten. Nun war es soweit, und schon anhand der Kennzeichen konnte man erkennen, dass tatsächlich Ortsvorsteher aus dem ganzen Regierungsbezirk Tübingen den Weg auf die Alb gefunden hatten. „Am Ende des Tages wünsche ich ihnen mindestens eine Erkenntnis, falls sie die nicht schon gewonnen haben“, sagte Müller schmunzelnd zur Begrüßung: „Wir leben hier nicht hinterm Mond, sondern auf der schönen Schwäbischen Alb.“

Um den Beweis hierfür anzutreten, hatte Müller eine Präsentation der Neue Energie Römerstein (NER) organisiert: Genossenschaftsvorstand Christian Class stellte den Ortsvorstehern um Franz Kiefer, Ortsvorsteher aus Reinstetten und Sprecher der Ortsvorsteher beim Gemeindetag, die Geschichte der NER vor, die in Böhringen ein Nahwärmenetz entwickelt hat und damit einen großen Beitrag zum Klimaschutz leistet.

Im Dezember 2009 wurde auf dem Loserhof eine Biogasanlage in Betrieb genommen, nannte Class den ersten Meilenstein in der Geschichte der NER, an die damals freilich noch niemand dachte. Erst im Juli 2012 folgte eine erste Informationsveranstaltung, bei welcher die Klimaschutzagentur des Landkreises Reutlingen mitmischte. Damals wurde klar: Christoph Loser konnte über die Biogasanlage zwar die Wärme zur Verfügung stellen, selbst ein Nahwärmenetz zu etablieren war für den Familienbetrieb aber eine Nummer zu groß.

Daher bildete sich im Oktober 2012 ein Arbeitskreis Nahwärmenetz. „Wir waren damals ziemlich blauäugig“, gestand Diplom-Ingenieur Christian Class. „Wir haben auf den Informationsveranstaltungen damals viel erzählt, aber ob das richtig war, wussten wir auch nicht immer.“ Und doch ging alles gut: Im Januar 2013 wurde die NER-Energiegenossenschaft gegründet. Schnell zeigte sich, dass 220 Interessierte sofort auf Nahwärme umsteigen würden. „Da wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg waren“, erinnerte sich Class.

Erst mit der Gründung der Genossenschaft gab es durch die Mitgliedsbeiträge ein erstes Startkapital, welches die Finanzierung von Machbarkeitsstudien ermöglichte. Später gab es für die Planungskosten einen Landeszuschuss aus dem Förderprogramm Bioenergiedorf. Die konnten aber erst im Dezember 2013 beantragt werden.  Im Juli 2014 folgte dann der Baubeginn – Ende des Jahres wurde der erste Hausanschluss in Betrieb genommen. Im August 2017 wurde dann auch der zweite Bauabschnitt fertiggestellt.

Die Zahlen können sich nun sehen lassen: Das Leitungsnetz der NER ist rund 11,7 Kilometer lang, 201 Hausanschlüsse sind gelegt und 4,8 Millionen Euro wurden vor Ort durch die Genossenschaft investiert. „Weitere 900 000 Euro wurden von den Hauseigentümern in die Hand genommen, die im Zuge der Umstellung auf Nahwärme beispielsweise ihre Heizungen erneuert haben“, erklärte Class. Über eine KfW-Finanzierung muss die Genossenschaft nun noch 2,5 Millionen Euro Schulden tilgen, ist dabei aber auf einem guten Weg. Class: „Inzwischen fahren wir Gewinne ein und zahlen Gewerbesteuern.“

Mindestens ebenso wichtig war Class der Beitrag zum Klimaschutz. 500 000 Liter Heizöl würden pro Jahr in Böhringen eingespart, Biogas und Holzhackschnitzel würden stattdessen zu 100 Prozent regenerative Energie liefern. Das Holz kommt derzeit aus Hülben, Erkenbrechtsweiler und vom Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes. „Wir sparen 1585 Tonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr ein und sind vom derzeit wieder kräftig steigenden Ölpreis unabhängig.“ Der NER-Vorstand machte den versammelten Ortsvorstehern aber auch deutlich, dass der Weg zum eigenen Nahwärmenetz ein steiniger sein kann. „Sie brauchen einen Draht zu den Menschen“, machte Class deutlich. Im Vorfeld sei viel Überzeugungsarbeit zu leisten. „Es gibt keinen Leitfaden, wie man ein Wärmenetz auf die Beine stellen kann.“ Die Klimaschutzagentur etwa, die sich als Kompetenzzentrum für die Energiewende darstelle, sei „nach dem ersten Infoabend nicht mehr gesehen“ worden.

Minimalistisches Leitungsnetz

Die Ortsvorsteher zeigten sich interessiert, in einer Fragerunde wurde gar gefachsimpelt. Für ungläubiges Staunen sorgte dabei die Tatsache, dass die NER in ihrem Netz nur einen Energieverlust von rund zehn Prozent erreicht. „Bei uns sind es 20 plus x“, erklärte einer der Ortsvorsteher. Class erklärte sich den guten Wert damit, dass das Böhringer Netz ohne große Kapazitätsreserven umgesetzt worden sei. „Unser Netz ist auf ein Minimum ausgelegt“, stellte  Class klar.

Interessierten Ortsvorstehern bot das Vorstandsmitglied Unterstützung an. Die Böhringer Erfahrungen würde man gerne weitergeben. „Wir sind die letzte Generation, die etwas gegen den Klimawandel tun kann“, zitierte Class den früheren US-Präsidenten Barack Obama. „Ergreifen sie die Initiative. Wir kommen gerne vorbei und erklären unser Projekt“, ermunterte Class die Ortsvorsteher, ehe ein Rundgang durch das Heizwerk und die Biogasanlage des Loserhofes folgte.

Am Nachmittag in Zainingen

Bevor den Ortsvorstehern die Neue Energie Römerstein vorgestellt wurde, berichtete Gastgeber Albrecht Müller über die Geschichte des Römersteinsaals. „Das war früher ein landwirtschaftliches Gebäude“, erklärte Müller. Inzwischen fungiere der Raum als Sitzungssaal, Wahllokal und sei für runde Geburtstage der Bürger anzumieten. Auch eine Kindergartengruppe fand hier schon eine Unterkunft. „Wir nutzen unsere Investitionen sinnvoll“, befand Müller. Das Nachmittagsprogramm für die rund 50 Ortsvorsteher folgte dann in Zainingen und wurde von Ortsvorsteher Markus Class organisiert. Unter anderem gab es einen Vortrag des Gemeindetages. ath

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