Neuhausen / Regine Lotterer  Uhr
Krähende Hähne haben den Bad Uracher Amtsgerichtsdirektor Albrecht Eißler am Mittwoch nach Neuhausen geführt.

Krähende Hähne haben den Bad Uracher Amtsgerichtsdirektor Albrecht Eißler am Mittwoch nach Neuhausen geführt. Er wolle sich selbst einen Eindruck von der Situation verschaffen, erläutert er der kleinen Gesellschaft, die sich am Züchterheim versammelt hat. Grund für den Ortstermin ist die Klage eines Ehepaars.

Zuchtanlage ist älter als Wohngebiet

Es wohnt in der Straße „Im Kies“, in der Nähe der Zuchtanlage, die zwölf Häuschen umfasst und seit 1989 in Betrieb ist. Die Kläger sind 1996 hergezogen, jahrelang, so schildern sie, habe es mit dem Federvieh keine Probleme gegeben.  Das habe sich vor etwa zwei Jahren geändert. Inzwischen seien die Beeinträchtigungen unzumutbar, trägt ihr Rechtsanwalt Dr. Ronald in der Stroth vor. Die Klage, auch das betont der Anwalt, richte sich aber in keiner Weise gegen den Kleintierzuchtverein. Das zu betonen, sei seinen Mandanten wichtig.

Hähne krähen den ganzen Tag

Der permanente Geräuschpegel aus der Anlage zerre an ihren Nerven, schilderte die Klägerin: „Es piepst und kräht den ganzen Tag.“ Schon morgens ums halb 4 sei der erste Gockel zu hören. Das stachele dann seine Artgenossen an, „die krähen alle der Reihe nach“, sagt ihr Mann. Bis bei 50 Hähnen in der Anlage wieder Ruhe einkehre, dauere das dann seine Zeit. Er sehe deshalb auch in der Zahl der Tiere ein Problem.

Nachts im Stall?

Zudem vermutet er, dass das Federvieh nachts gar nicht mehr in seinem Stall ist, sondern in den Volieren bleibt und deshalb viel besser zu hören ist. Früher hätten die Züchter ihre Tiere abends eingesperrt, aus Angst vor dem Fuchs. Vor zwei Jahren sei dann der Zaun an der Zuchtanlage verstärkt worden, seither seien die Hühner bestens geschützt und die Besitzer nicht mehr genötigt, die Tiere in den Stall zu bringen.

Kein Huhn bleibt freiwillig im Dunkeln

Dem widersprachen die Züchter vehement. Hühner, sagt Stefan Hartter, der zweite Vorsitzende des Vereins, würden von alleine in den Stall gehen sobald es dämmert. „Das liegt in ihren Genen.“ Im Freien und auf dem Boden bleibe kein Huhn freiwillig im Dunkeln sitzen. Wirklich keines, wollte Richter Eißler wissen. Womöglich sei doch die eine oder andere kecke Henne „campingmäßig lieber draußen“. Nein, sagt Thilo Reusch, der Erste Vorsitzende der Züchter, „ein Huhn ist von Natur aus ein ängstliches Tier.“ In der Nacht suche es Schutz, den es erst wieder verlasse, wenn es hell werde.

50 Hähne pro Jahr

Ob sich die Zahl der Hähne reduzieren lasse, um den Lärmpegel zu senken, fragte der Richter nach. Die Gockel gleich nach dem Schlüpfen zu schlachten, sei nicht möglich, erläuterten die Vereinsvertreter. Schließlich lasse sich erst nach einigen Monaten erkennen, ob ein Tier für die Zucht tauge oder nicht. Im November werde dann ausgewählt, welche Hähne weiterleben und welche geschlachtet werden. Im übrigen habe sich die Zahl der Hähne in den vergangenen Jahren nicht verändert. Um die 50 würden jedes Jahr schlüpfen, vor zehn Jahren seien in der Anlage allerdings noch 150 Gockel großgezogen worden. Krähen würden die jungen Tiere ohnehin erst ab August, vorher seien sie dazu gar nicht in der Lage.

Stallregulierung per Zeitschaltuhr

Ihrer Familie wäre ja schon geholfen, wenn die Tiere bis um 7 oder 8 Uhr im Stall blieben, betonte die Klägerin. Das lasse sich doch sicher mit Hilfe einer Zeitschaltuhr regeln. Das Federvieh im Sommer bei 30 Grad Raumtemperatur und geschlossenen Fenstern über Nacht einzusperren, sei unmöglich, betont hingegen Stefan Hartter. „Bei den Temperaturen kippt Ihnen jede Henne um. Das wäre Tierquälerei.“

Während Kläger und Beklagte vor dem Vereinsheim ihre Sicht der Dinge erläuterten, war zunächst kein Krähen und Gackern zu hören. „Seit zwei Tagen ist es ruhig“, bestätigen auch die Kläger. Mit Amtsgerichtsdirektor Eißler ging es dann in ihren Garten. Dort ließ sich zwar der eine oder andere Gockel hören, freilich genau so wie das Rauschen des Verkehrs.

Lärmempfinden sei zu einem gewissen Maß subjektiv, der eine sei ruhebedürftiger als der andere, konstatierte Amtsgerichtsdirektor Eißler. Der sich allerdings auch fragte, warum sich die anderen Nachbarn nicht gestört fühlen und Klage führen.

Es gebe durchaus objektive Kriterien, mit denen sich Lärm messen lasse, betonte der Anwalt der Kleintierzüchter, Gerd Schneider. Deshalb bleibe nur, Messungen vorzunehmen. Das könne aber langwierig und teuer werden, gab Richter Eißler zu bedenken. Zumal im Frühjahr und im Herbst gemessen werden müsste, womöglich auch über zwei Jahre, weil in der Anlage nicht immer dieselben Tiere leben. Ein Hahnenschrei gelte zudem als Einzelereignis, das durchaus die Grenzwerte überschreiten dürfe, ohne dass es gleich Konsequenzen gebe.

Züchter suchen nach Vorschlägen

Berücksichtigt werde sicher auch, dass ein Verein beklagt sei und nicht eine Privatperson. Wiewohl sich der Verein durchaus mit dem Thema auseinandersetzen müsse, schließlich verpachte er die Häuschen in der Zuchtanlage und verfüge deshalb über Einflussmöglichkeiten.

Der Richter regte gleichwohl an, nach einem Vergleich zu suchen und fand offene Ohren.  Gemeinsam mit ihrem Anwalt suchen die Züchter nun nach Vorschlägen, die dann an die Kläger gehen. Bis Anfang Oktober wird entschieden sein, ob der Fall erledigt ist oder nicht. Wenn nicht, wird gemessen. Dann ist die Sache frühestens 2020 geklärt.

Zunächst einmal bleibt aber der Antrag der Kläger aufrecht. Sie fordern, den Lärmpegel zwischen 7 und 20 Uhr auf 60 Dezibel zu begrenzen, zwischen 20 und 7 Uhr auf 45 Dezibel. Zum Vergleich: ein raschelndes Blatt erzeugt zehn Dezibel, ein Fernseher, der auf Zimmerlautstärke eingestellt ist, 65 Dezibel.