Themen in diesem Artikel

Windkraft
Region / ANNE LEIPOLD  Uhr
Bis 2020 sollen im Ländle zehn Prozent des Stroms aus Windenergie stammen. Welchen Beitrag der Kreis Reutlingen dazu leistet, ist offen. Der hiesige Regionalverband beginnt mit der Planung wieder am Anfang.

Der Ausbau der Windkraft in Baden-Württemberg geht voran: Diese Losung gibt das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg regelmäßig aus. Ziel der grün-roten Landesregierung ist es, 1200 Windkraftanlagen bis 2020 in Betrieb zu haben. Zum 31. Januar diesen Jahres sind es laut Umweltministerium im Ländle rund 400 Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 550 Megawatt. Davon stehen sechs Anlagen im Landkreis Reutlingen. Das könnte inzwischen freilich besser aussehen, wären da nicht sich stetig ändernde rechtliche und gesetzliche Vorgaben und die Politik.

Habe zunächst die schwarz-gelbe Regierung den Ausbau der Windenergie im Ländle verhindert, stünde sich die neue Regierung selbst im Weg, sagt Friedrich Hagemeister, Geschäftsführer der Erneuerbare-Energien Neckar-Alb. Zwar wolle Grün-Rot mehr Anlagen in Baden-Württemberg, habe aber die Vorgaben relativ hochgehängt.

Bereits im Regionalplan von 1993 hat die Windkraft ihren Eingang gefunden. Seit 2005 befasst sich der Regionalverband Neckar-Alb (RVNA) mit der Windkraftplanung, wie der Verband im Zwischenbericht zur Windkraft schreibt. Als der RVNA seinen Regionalplan 2010 einreichte, wurde er vom Land prompt wieder zurückgeschickt: Zu wenige Standorte seien darin ausgewiesen.

Zwei Jahre später schienen alle Zeichen auf Grün zu stehen. 20 Vorranggebiete hatte der Regionalverband vorzuweisen. Diese waren "kommunalpolitisch akzeptiert", wie Verbandsdirektorin Angela Bernhardt betonte. Diese Standorte umfassten laut Bernhardt über 200 mögliche Windenergieanlagen, "damit waren wir schon weiter als von der Landesregierung vorgegeben". Doch auch diese Planung führte zu keinem Fortschritt. Mit der Novellierung des Landesplanungsgesetzes im Sommer 2012 änderte sich die Planungsgrundlage: Fortan durften auch die Kommunen selbst Standorte ausweisen.

Hinzu kamen neue Erkenntnisse zum Artenschutz. Rotmilan und Windenergieanlagen vertragen sich nicht, heißt es. Hagemeister weiß: Die Rotorblätter der neuen Windräder enden an der tiefsten Stelle 90 Meter über dem Boden, während der Milan in Höhen zwischen 40 bis 80 Metern fliege. Eine Vogelflug-Radarmessung auf der Alb hat laut Hagemeister gezeigt, dass Zugvögel über die Windräder hinweg fliegen, nämlich in 200 Metern Höhe, und stationäre Vögel unterhalb der Windräder.

Änderungen in der Rechtslage erschwerten den Ausbau zudem. Etwa, dass keine Ausschlussflächen mehr definiert werden dürfen, sondern nur Vorranggebiete. Diese müssen die Gemeinden in ihren Flächennutzungsplan aufnehmen, um einen Wildwuchs der Windräder zu vermeiden. Denn stehen dürften die Anlagen so gesehen auf jedem Flecken, vorausgesetzt, es sprechen weder der Immissions-, Umwelt- sowie Artenschutz oder militärische Belange dagegen. Mit dem Windenergieerlass kamen schließlich weitere verpflichtende Vorgaben hinzu.

Um im gesamten Regionalplan voranzukommen, wurde die Windkraft ausgeklammert, mit der Order aus Stuttgart, die Windkraft zügig anzugehen, erklärte Verbandsvorsitzender Eugen Höschele in der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses. Die Planungen des RVNA müssen nun mit der Planung der Kommunen in Einklang gebracht werden, denn "eine saubere Planungsgrundlage muss vorhanden sein", so Höschele. Aus den vormals 20 Vorranggebieten sind deshalb nun wieder 41 Suchräume geworden (in der Karte rot eingekreist), die sich nach Ausschluss der Flächen mit zu geringer Windstärke, gesetzlichen und planerischen Tabukriterien sowie aus zusammengefassten kleinen Flächen ergeben. Davon befinden sich im Reutlinger Landkreis 30 Suchräume. Die Krux: Die Gemeinden sind mit ihrer Planung zumeist viele Schritte weiter als der Regionalverband. Aber auch in den Kommunen geht es nicht so voran, wie sich das manch einer der Bürgermeister wünscht. Ein "Biosphären Windpark Schwäbische Alb" soll beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Münsingen und deren Partnern Fairenergie und EnBW Erneuerbare Energien entstehen. Zwar seien sie in der Fortschreibung, sagte Münsingens Bürgermeister, Mike Münzing. Diese stockte in den vergangenen Jahren aber immer wieder durch die unterschiedlichen Positionen der Ministerien. "Es ist ein schwieriger Prozess der Planung", so Münzing. Beschwerlich sei die inzwischen erreichte Tiefe der durchzuführenden Untersuchungen, "wie wir sie vormals nicht kannten".

Es müssten jetzt bereits Fragen beantwortet werden, die früher erst in den Bauanträgen abgeklärt worden seien. Dennoch: "Wir werden vor der Sommerpause in die Offenlegung des Flächennutzungsplans gehen", ist Münzing zuversichtlich. Eine große Unbekannte ist jetzt noch die Große Koalition in Berlin. Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel möchte nur noch Standorte mit einem Referenzertrag von 75 bis 80 Prozent in die Förderung aufnehmen.

Derzeit greift die Förderung bei Standorten mit 60 Prozent Referenzertrag, was für die meisten Suchräume im Reutlinger Landkreis gilt. Dabei gibt es so genannte Schwachwindräder, die bereits bei geringem Wind anlaufen, wenn auch nicht so hohe Spitzen erzeugen, dafür aber gleichmäßige Leistung garantieren, weiß Friedrich Hagemeister. "Ohne Förderung wird keiner bauen", ist Hagemeister sicher. Und: "Die Unsicherheit, die von der Großen Koalition verbreitet wird, muss ausgeräumt werden".

Der Regionalverband wird derweil das Jahr über mit der Abstimmung mit den Kommunen beschäftigt sein. "Wir werden eventuell Ende 2014 in das Beteiligungsverfahren für die Vorranggebiete gehen können", schätzt Eugen Höschele.