Acht Mal Kopfkino im Sechsminuten-Takt: Bei Stakkato-Sätzen und skurrilen Wortkombinationen, sanften oder knallhart formulierten Gedanken, philosophisch oder slapstickmäßig formulierten Beobachtungen war vom Publikum beim ersten Poetry-Slam in Bad Urach eine Eigenschaft gefragt, die in der schnelllebig-hektischen Zeit viele Menschen gar nicht mehr pflegen (oder können?) – genaues Zuhören. Die Texte der fünf jungen Poeten wühlten auf und berührten, regten zum Nachdenken an und manches erschloss sich erst durch Querdenken, es wurde aber auch viel und heftig gelacht: Die junge Kunst des Dichtens ist vielschichtig und bietet fast grenzenlose Möglichkeiten. Die moderne Form des Dichterwettstreits gewann mit Laura Gommel aus Heidelberg letztlich eine junge Poetin, der leisen und ruhigen Töne. Sie setzte sich mit ihrer Hommage an den Opa in der Endrunde gegen Sarah Kentner und Moritz Konrad durch, deren Texte mit jeder Menge Wortwitz gespickt waren. Und trotz aller Heiterkeit blitzte auch bei ihnen so manches durch, was in der Gesellschaft nicht rund läuft: Egoismus zum Beispiel. Oder latent versteckter Rassismus.

Große Fangemeinde

Mit dem Poetry-Slam hat sich eine moderne-innovative Form der Dichtkunst etabliert, deren Vertreter zwar nicht in den Bestseller-Listen auftauchen und doch einer großen Fangemeinde bekannt sind: Die Poeten suchen bewusst die Öffentlichkeit, treten in einem Dichterwettstreit gegeneinander an. Die Freiheiten sind groß, Vorgaben sind trotzdem einzuhalten: Maximal sechs Minuten darf ein Vortrag dauern, Requisiten sind nicht erlaubt und es darf nicht durchgängig gesungen und getanzt werden. Mit der Mimik arbeiten, gestenreich das vorgetragene Wort unterstreichen oder den Personen verschiedene Stimmen geben: Das ist durchaus möglich und wird auch reichlich ausgenutzt. Und auch fürs Publikum gibt’s Regeln: „Wenn etwas passiert, das nicht so toll ist, dann buht nicht während des Vortrags“, macht Lena Stokoff klar. „Und applaudiert wird auch erst am Ende.“ Den Poeten und sein kreatives Werk zu respektieren, ist das oberste Gebot – Lena Stokoff weiß, wovon sie spricht, sie ist wie Co-Moderator Hank M. Flemming erfolgreich auf den Poetry-Slam-Bühnen im ganzen Land und darüber hinaus unterwegs. Am Freitag organisierten die beiden für Kulturach einen Slam im Kinosaal des Forums 22 und trafen den Nerv des Publikums: Knapp 80 Gäste waren gekommen, Jung und Alt, mit der Welt des Poetry-Slams vertraut oder aufs Genre neugieriger Premieren-Gast. Die kunterbunte Mischung stellte das Moderatoren-Team vor eine große Herausforderung: „Wir waren richtig aufgeregt“, gibt Lena Stokoff zu. Doch davon war nichts zu merken, die Moderatoren spielten sich verbal die Wortbälle hin und her.

Beifall als Gradmesser

In der Vorrunde waren Freiwillige aus dem Publikum gefragt, mussten die Intensität des Applauses der gesamten Zuschauer in Punkten bewerten – die höchste und niedrigste Noten wurden gestrichen: Für Richard König und Roman Schulte reichte es nicht in die Endrunde. Nicht etwa weil die Texte unhörbar waren – im Gegenteil: Sie berührten mit ihren Gedanken zu den kleinen Männchen im Kopf und der Verbindung zwischen Zombies und der Lage der Welt. Aber: Überall dort, wo Können und Leistung nicht in Höhen oder Weiten gemessen werden kann, kann’s zu Entscheidungen kommen, die nicht jeder versteht. Die beiden jungen Männer hatten jedenfalls auch ihre Fans gefunden und verdienten trotz des Ausscheidens für ihre Texte in der Tat das, was von den Moderatoren eingefordert wurde: Jede Menge Respekt. Die Kunst des Poetry-Slams begeisterte Premiere-Gäste wie Kenner dieser Kunstform und es wurde eines deutlich: Die jungen Menschen von heute haben durchaus etwas zu sagen, sind engagiert und gehen nicht gedankenlos durch die Welt. Das wurde auch bei den Liedern der Singer-Songwriterin Maike-Angelina Köncke deutlich, die das Programm musikalisch begleitete. Auch bei ihr musste das Publikum ganz genau zuhören: Die Singer-Songwriterin hat, wie die Poeten auch, viel zu sagen.

Ina Z. singt übers Rumkommen


Die Kulturach-Veranstaltungsreihe geht am Freitag, 8. März, um 20 Uhr weiter. Ina Z. singt dann in der Tanzschule „Timotion“ Lieder von unterwegs: „Rumgekommen“ heißt das Programm der Entertainerin.