Gut, zwei Mal hat das Wetter nicht mitgespielt: bei "Birdman" und "Alphabet". Beide Abende hat's ganz einfach verregnet. Aber sonst ist Klaus Kupke sehr zufrieden mit dem Ausgang des Reutlinger Open-Air-Kinos: Mit 5500 Zuschauern an 13 Abenden kann Kupke für 2015 sogar eine Rekordbilanz ziehen.

Der jüngste Höchstwert wurde mit 5400 Besuchern im Jahr 2013 erreicht. Jetzt ist auch diese Marke noch getoppt worden. Besonders wichtig war dieser neuerliche Erfolg auch deswegen, weil das Open-Air-Kino im Spitalhof vergangenes Jahr mit nur 3000 Zuschauern einen Durchhänger hatte - weil es zu oft nass und kalt war.

Um die Zukunft der Reutlinger Freiluftkino-Reihe, die ja - abgesehen von einem Naturtheater-Vorläufer anno 1995 - seit dem Jahr 2000 besteht, braucht man sich also keine Sorgen zu machen. Im Programm 2015, das wieder Klaus Kupke vom Jugendamt und der frühere Reutlinger Programmkino-Macher Gerhard Steinhilber konzipiert haben, gab's denn auch mindestens fünf Mal volles Haus: Bei "Hin und weg", "Wir sind die Neuen", "Verstehen Sie die Béliers?", "Kiss the Cook" und beim Abschlussfilm "Frau Müller muss weg!" waren die 600 Plätze im Spitalhof-Geviert jeweils ausverkauft.

Neues gibt's auch zum Start des neuen Reutlinger Programmkinos Kamino zu vermelden: Das öffnet, wie berichtet, nach einem internen Testlauf endgültig am 17. September seine Pforten. Kamino hat ja als Genossenschafts-Modell auch landesweit Akzente gesetzt - oder besser: einen Branchen-Trend weiter ausgebaut.

Denn in Baden-Württemberg gibt es - nach Jahren des Kinosterbens - mittlerweile vier solche "Kino-Genossen", also Lichtspieltheater, die sich genossenschaftlich organisieren. Und dieser Viererclub besteht aus dem altgedienten Aalener Kino am Kocher (seit 2006), der Karlsruher "Kurbel" (seit 2010), dem Bad Waldseer "seenema" (seit 2015) und dem jüngsten Mitglied, dem Reutlinger Kamino, das in zwei Wochen überhaupt erst loslegt.

Diese vier "Kino-Genossen" haben sich bei einem ersten Treffen in Bad Waldsee bereits ein bisschen zusammengetan, um eventuell auch organisatorisch gemeinsame Pläne zu schmieden (wir berichteten). Ansonsten arbeitet Kamino, wie übrigens auch das Reutlinger Open-Air-Kino, eng mit dem Bad Uracher forum 22 zusammen, beziehungsweise mit dem dortigen Stadtjugendring, der 1988 das forum 22 begründet und 2004 auch das Metzinger Luna übernommen hat.

Laut Kupke hat Kamino mit dem forum ein "gemeinsames Kassensystem", auch in Sachen Technik und Programmplanung geht vieles Hand in Hand: in gutnachbarschaftlicher, regionaler Zusammenarbeit.

Überhaupt, zwischen Reutlingen und Bad Urach gibt es bekanntlich vielfältige kulturelle Verbindungen: Die Herbstlichen Musiktage Bad Urach gastieren regelmäßig mit Großkonzerten in der Stadthalle Reutlingen, und die Württembergische Philharmonie Reutlingen bietet einen Sammeltaxi-Service für Abonnenten in Urach an.

Mittlerweile steht auch das komplette Eröffnungsprogramm von Kamino fest. Das neue Kino im Wendler-Areal startet mit dem Berlinale-Gewinner 2015: mit "Taxi Teheran", einem Road-Movie der besonderen Sorte.

Denn der iranische Regisseur Jafar Panahi, der 2010 monatelang inhaftiert und wegen "Propaganda gegen das System" zu einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt wurde, spielt hier einen Taxifahrer, der mit versteckter Kamera aufschlussreiche Einblicke in den Alltag des Landes gibt.

Panahi porträtiert auf liebevolle und unterhaltsame Weise seine Landsleute, wie sie leben und trotz aller Zwänge auch überleben - "ganz leicht, voller Witz", wie es das TV-Magazin "titel, thesen, temperamente" beschreibt. "Taxi Teheran" hat den Goldenen Bären gewonnen und gilt als "Liebeserklärung" Panahis an die Menschen im Iran. Einem Land, in dem nach Berichten der Menschenrechtsorganisation amnesty international allein im ersten Halbjahr 2015 annähernd 700 Menschen hingerichtet wurden - fast so viele wie im gesamten Vorjahr.

Die Filmszene jedenfalls ist sich einig: "Taxi Teheran" versucht auf intelligente Weise, Gesellschaftskritik und Komödie zu verknüpfen. Da steigen Frauen zu, die einen Goldfisch transportieren wollen, und ein junger Filmfan vercheckt auf dem Rücksitz die neueste Staffel von "The Walking Dead". Kurzum, "es wird nie langweilig im Taxi", heißt es in den Besprechungen.

Die "Frankfurter Allgemeine" bringt es mit einem gewagten Querverweis auf den Punkt: Verglichen mit dem taxifahrenden Regisseur Jafar Panahi "ist Quentin Tarrantino bestenfalls ein Fahrrad-Pizzabote", heißt es da. Kurzum, der Berlinale-Gewinner 2015 ist ein Publikumsrenner, er zeigt, "was Kino selbst unter ärgsten Restriktionen vermag".

Jeweils um 18 Uhr läuft an den Kamino-Eröffnungstagen "Der Sommer mit Mamã", ein Film, der auf amüsante Art viel über den sozialen Wandel in Brasilien erzählt.

Auch für Nachtschwärmer bietet Kamino am Eröffnungswochenende etwas: Am Freitag und Samstag zeigt man ab 22.30 Uhr den österreichischen Horror-Schocker "Ich seh, ich seh". Er handelt von Zwillingen, deren Sommerferien in einem abgelegenen Haus am Waldrand sich zu einem Alptraum entwickeln.

Das Kamino-Team genehmigt sich ab 11. September erstmal "unter Genossen", wie es heißt, ein Test-Wochenende - um wenigstens einmal den gesamten technischen Ablauf durchzuproben.

Und dann geht es endgültig und unwiderruflich los, denn am Donnerstag, 17. September, beginnt der "Echt-Betrieb". Dann hat die Großstadt Reutlingen - nach etwa zehnjähriger Pause - endlich wieder ein Programmkino. Der Titel des Spätfilms passt auch gut als Auftakt-Motto: "Ich seh, ich seh"!

Das Eröffnungswochenende - Kamino-Start am 17. September

Kamino eröffnet am 17. September mit diesem Programm:

Donnerstag, 17. September:

· 18 Uhr: "Der Sommer mit Mamã" (Regie: Anne Muylaert) · 20.15 Uhr: "Taxi Teheran" (Regie Jafar Panahi).

Freitag, 18. September:

· 18 Uhr: "Der Sommer mit Mamã"

· 20.15 Uhr: "Taxi Teheran" (Regie Jafar Panahi)

· 22.30 Uhr: "Ich seh, ich seh" (Regie Veronika Franz und Severin Fiala).

Samstag, 19. September:

· 18 Uhr: "Der Sommer mit Mamã"

· 20.15 Uhr: "Taxi Teheran"

· 22.30 Uhr: "Ich seh, ich seh"

Sonntag, 20. September:

· 18 Uhr: "Der Sommer mit Mamã"

· 20.15 Uhr: "Taxi Teheran".

Ab Donnerstag, 24. September, läuft dann um 18 Uhr der Film "Den Menschen so fern" und um 20.15 Uhr "Der Sommer mit Mamã".

SWP