Metzingen Für ein Leben daheim

Metzingen / ANJA WEISS 11.02.2016
Mit zwei Klienten ist die 24-Stunden-Betreuung der Diakonie-Sozialstation mit rumänischen Pflegekräften 2011 gestartet. Heute, im fünften Jahr, sind es bereits 35 und die Tendenz ist weiter steigend.

Mihaela Berescu ist eine "Hope": Das Wort ist eine Abkürzung für "Haushalts- oder Pflegekräfte aus Osteuropa". Gleichzeitig ist es aber auch das englische Wort für "Hoffnung" - und trifft damit genauso den Kern der Sache. Denn Mihaela Berescu und ihre Kolleginnen helfen dabei, dass ältere Menschen in Deutschland so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben können.

Das ist der Wunsch der meisten, doch wenn man älter und gebrechlicher wird, zerschlägt sich diese Hoffnung manchmal recht schnell. Oft braucht es dazu einen aufopferungsvollen Einsatz der Familie. Ist der nicht zu stemmen, bleibt nur ein Umzug ins Pflegeheim. Oder eben die Hilfe von Pflegekräften, die mit im Haushalt leben. Mihaela Berescu ist zum dritten Mal im Ermstal, sie kommt aus Rumänien, hat dort Schneiderin gelernt. Doch der Verdienst in ihrer Heimat ist karg. Als ihr Sohn Heiratspläne fasst und die Tochter ein Hochschulstudium anstrebt, war klar, dass das Geld nicht reichen wird. Von einer Freundin hat sie von den Jobs in Deutschland erfahren und hat sich beworben. Nun kommt sie zwei Mal im Jahr für 90 Tage nach Deutschland - denn maximal 180 Tage dürfen Arbeitskräfte aus Osteuropa bleiben, dann müssen sie ein paar Monate pausieren.

Mihaela Berescu lebt bei einer 91-jährigen Dame in Neuhausen, bereits zum dritten Mal ist das ihr Einsatzort. Sie kocht, macht den Haushalt, erledigt die Einkäufe, hilft beim Waschen und Anziehen. Sie ist aber auch Gesellschaft für die Seniorin, spielt und spricht mit ihr, besucht Gottesdienste, Seniorenmittage oder unternimmt Ausflüge auf die Alb. "Ich bin fast eine Art Familienmitglied", erzählt sie, Kinder und Enkel ihrer Klientin haben sie ebenfalls ins Herz geschlossen.

Heimweh habe sie keines, erzählt sie, ihr Mann sei LKW-Fahrer und darum ohnehin meist unterwegs, die Kinder leben nicht mehr zu Hause. So profitieren alle Beteiligten von der 24-Stunden-Betreuung. Ein Angebot, das in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf findet. Auch in Metzingen und Umgebung: Vor fünf Jahren wurde die "Fundatia Sozialstation Metzingen Sibiu" gegründet, die rumänische Pflegekräfte nach Metzingen und Umgebung vermittelt. Mit zwei Fällen ist man damals gestartet, heute gibt es 35 Betreuungen und das mit steigender Tendenz.

Wichtig war der Diakonie-Sozialstation dabei, den Älteren zu helfen, aber auch, den Angestellten anständige Arbeitsbedingungen zu sichern. Denn unter den Anbietern solcher Dienste tummeln sich einige schwarze Schafe. Die Frauen erhalten nur einen Hungerlohn, Sozialversicherungsabgaben werden nicht bezahlt, die Tätigkeit ist illegal. Auf diese Problematik hat man in der Diakonie-Sozialstation entsprechend reagiert.

"Mit deutschen Tarifen wäre dies nur für die wenigsten Menschen bezahlbar", erklärt Geschäftsführer Jens-Patrick Mews. Darum ist man auf die Arbeitskräfte aus Osteuropa angewiesen - anders als die unseriösen Anbieter achtet man jedoch darauf, dass "alle von dem Angebot einen Gewinn haben - die Klienten und die Pflegekräfte", sagt Mews. Alle Pflegekräfte sind sozialversichert und bekommen vor ihrem Dienstbeginn eine viermonatige Ausbildung mit Zertifikat, Abschlussprüfung und staatlicher Anerkennung. Zwei Projektleiterinnen kümmern sich in Metzingen um die Arbeitskräfte aus Rumänien. Helga Pitters und Sabine Epple sind im Notfall Tag und Nacht erreichbar, in Sibiu übernimmt dies Adina Dumitriu. Denn wenn Pflegerin und Klient Tag und Nacht zusammenleben, kommt es natürlich manchmal zu Spannungen. Hinzu kommt, dass einige Klienten dement sind, was die Lage erschwert und auch die Verständigung macht anfangs so manches Mal noch Probleme. Sprachkurse helfen, dies schnell zu beheben und seit kurzem gibt es sogar ein zweisprachiges Kochbuch für die "Hopes", mit gesunden Rezepten, die für Senioren geeignet sind. Meist findet sich im Konfliktfall eine Lösung, kaum ein Einsatz musste mal abgebrochen werden, erzählt Pitters.

24-Stunden-Pflegekraft heißt übrigens nicht, dass die Hopes rund um die Uhr arbeiten, die Freizeit und freie Tage sind klar geregelt und meist können sie etwas entspannen, wenn die Klienten ausruhen oder schlafen. Jüngere Frauen mit kleinen Kindern werden ebenfalls nicht beschäftigt, "wir wollen keine Mutter von ihrem Kind fern halten", erklären Mews und Pitters, auch wenn es dementsprechende Bewerbungen gibt. "Ein Kind braucht die Mutter, nicht das Geld", sind sie sicher.

Anfang Februar kehrt Mihaela Berescu zurück in ihre Heimat Rumänien, ihr nächster Aufenthalt ist aber schon geplant - im August kommt sie wieder nach Metzingen, um einem älteren Menschen ein Leben daheim zu ermöglichen.