Hülben Zeitungszustellerin: Für die einen ein Knochenjob, für andere bezahlter Frühsport

Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk: Sigrun Ulrich hat in 25 Jahren nur fünf Mal krankheitshalber gefehlt. Auch von Unbilden des Wetters, wie dem Schneefall vergangene Woche, lässt sie sich nicht beeindrucken.
Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk: Sigrun Ulrich hat in 25 Jahren nur fünf Mal krankheitshalber gefehlt. Auch von Unbilden des Wetters, wie dem Schneefall vergangene Woche, lässt sie sich nicht beeindrucken. © Foto: Thomas Kiehl
Hülben / Michael Koch 15.01.2019

Gerne bezeichnet Sigrun Ulrich ihre Nebentätigkeit als Zeitungszustellerin für die SÜDWEST PRESSE als „bezahlten Frühsport“. Etwa 8,5 Kilometer legt sie zu Fuß jede Nacht zurück und versorgt knapp 130 Haushalte in Hülben mit unserer Zeitung. Zwei Stunden ist sie täglich unterwegs, um 4 Uhr klingelt der Wecker, ab 4.30 Uhr dreht sie dann ihre zweistündige Runde durch den Ort.

25-jähriges Jubiläum

Sie tut dies, weil sie es möchte, nicht weil sie es muss. „Mir macht das immer noch richtig Spaß“, sagt sie anlässlich ihres 25-jährigen Betriebsjubiläums. Regelmäßige Bewegung sei schließlich wichtig für die Gesundheit. Und weil man oft freiwillig nicht aus dem Haus gehe, käme für sie das Zeitungen austragen gerade recht, so die Jubilarin. Der Erfolg ihres Frühsports zeigt sich ganz deutlich: In 25 Jahren hat sie gerade mal fünf Mal wegen Krankheit gefehlt, „Immunsystem, Mobilität und Beweglichkeit – man bleibt einfach jung, ich fühle mich nicht wie 55“, gibt Sigrun Ulrich zu Protokoll.

Die körperliche Gesundheit ist das eine, die seelische Zufriedenheit das andere. Sigrun Ulrich genießt ihre Runde durch Hülben zu nachtschlafender Zeit. Wenn der Alltag sich mit seiner Umtriebigkeit noch zurückhält, dann lauscht sie dem Vogelgezwitscher, begegnet sprichwörtlich Hase und Igel, bewundert den Sonnenaufgang oder den Sternenhimmel. Sie sammelt exklusive Eindrücke, die für viele im Dunkel der Nacht verborgen bleiben. „In solchen Momenten wird mir klar, dass man das Leben als Geschenk sehen sollte, und wir unsere Schöpfung besser bewahren müssen.“ Wenn sie dann nach der letzten gesteckten Zeitung zu Hause bei einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch sitzt, dann durchströmt die dreifache Mutter ein Gefühl der Dankbarkeit. Nicht in erster Linie wegen ihres Nebenjobs als Zustellerin, sondern weil sie sich in der wunderschönen Stille der Nacht auf das für sie Wesentliche besinnen konnte: Bescheidenheit, Zufriedenheit und der Glaube an Jesus Christus.

Die Gedanken sind frei

Auch sonst hat Sigrun Ulrich während ihres morgendlichen Frühsports die besten Ideen, von denen sie in der Vergangenheit schon stark profitiert hat. „Die Gedanken sind frei und finden so den Weg zu ungeahnten Ideen und Möglichkeiten. Gut wäre es, immer was zum Schreiben dabei zu haben, damit die Ideen nicht auf dem Heimweg verloren gehen“, sagt sie.

Wer innerlich so aufgeräumt ist, der strahlt auch positiv auf seine Mitmenschen aus. Kunden zum Beispiel, sei es in der Alb­apotheke, wo Sigrun Ulrich in Teilzeit als Pharmazeutisch Kaufmännische Angestellte (PKA) tätig ist, oder „ihre“ Zeitungsleser. Fast alle Abonennten kennt sie persönlich, hat sich kurz vor Weihnachten anlässlich ihres Jubiläums mit einem selbstverfassten Gedicht und einem Täfelchen Schokolade für die gute Zusammenarbeit bedankt. Viele Leser haben sich bei ihr zurückgemeldet. „Das war toll, ich habe ganz viele Gespräche geführt und neue Menschen kennengelernt“, so Sigrun Ulrich, „teilweise habe ich eine ganze Stunde mit den Leuten verbracht und geredet.“ Das war dann freilich nicht morgens um vier.

In der vergangenen Woche hat es die Zeitungszusteller arg getroffen, als der Schnee, speziell auf der Schwäbischen Alb, Wege und Straßen fast unpassierbar machte. „Ich habe die Tür aufgemacht und stand in 30 Zentimeter Neuschnee. Ich habe das in den 25 Jahren nur zwei Mal so erlebt“, erinnert sich Sigrun Ulrich. Sie ist dann noch eine Stunde früher aufgestanden, um wie gewohnt alle Zeitungen pünktlich im Briefkasten zu haben. Grund zum Jammern ist das für sie aber nicht, da ist sie nicht der Typ dafür. „Ich habe mich vielmehr gewundert, dass bei den Straßenverhältnissen die Zeitungen überhaupt pünktlich bei mir angeliefert wurden“, denkt sie an jene, die es aus ihrer Sicht noch schwerer hatten.

Ist der Schnee erstmal einigermaßen geräumt, dann empfindet Sigrun Ulrich die Schneelandschaft als ausgesprochen schön. Wettertechnisch stört sie sich vielmehr an Sturm und Regen, wenn alles nass wird. Kälte sei dagegen kein Problem, „man ist ja ständig in Bewegung“. Da hat sie aus der Erfahrung gelernt: Die ersten fünf Jahre war sie immer mit dem Fahrrad statt zu Fuß unterwegs. Das Resultat waren kalte Füße und Hände. Seit der Umstellung auf Fußbetrieb ist damit Schluss.

Andere Widrigkeiten? Nur mit einem Haushalt gab es kurzzeitig Schwierigkeiten mit zwei Hunden, ansonsten kann sie von keinen negativen Erlebnissen berichten. Einmal war ihr ein Auto auffällig vorgekommen, dass häufiger langsam durch den Ort fuhr. Sigrun Ulrich notierte sich kurzerhand die Autonummer und meldete sie der Polizei. Tatsächlich machte die einen polizeibekannten Fahrzeughalter aus, der daraufhin kontaktiert wurde und dann nie mehr in Hülben gesehen ward. Kriminalprävention in kleinem Stil betreibt Sigrun Ulrich also auch noch.

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8,5

Kilometer lang ist die Runde, die Sigrun Ulrich jede Nacht in Hülben absolviert. Mit dem Austragen begonnen hat sie schon 1980 in Neuhausen, um sich ihren Führerschein zu finanzieren.

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