Hülben Für die Älbler mit dem gelassenen Überblick

Mona Weiblen (l.) und Susanne Wahl als Traufgängerinnen. Foto: Simon Wagner
Mona Weiblen (l.) und Susanne Wahl als Traufgängerinnen. Foto: Simon Wagner
Hülben / SIMON WAGNER 14.01.2014
Die Traufgängerinnen gastierten mit ihrer Albrevue in der ausverkauften Peter-Härtling-Schule. Dort feierten rund 400 Zuschauer eine aufrichtige Liebeserklärung an die Alb - und ein bisschen sich selbst.

"Am Trauf scheiden sich die Geister": da gibt es die, die unten im Tal den modernen Zeiten hinterherhecheln und da gibt es jene, die auf der Alb über den Dingen stehen, in einem Landstrich, der nicht nur zeitlos ist, sondern wo mancherorts die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein scheint. Um jenes Bergvolk ranken sich seit jeher zahlreiche Mythen, Legenden und Erzählungen - ein Eldorado für jeden Ethnologen auf der Suche nach der Fremde vor der eigenen Haustüre. Für Wissenschaftler, für "Heckenscheißer", aber auch für alle anderen, haben die Traufgängerinnen Susanne Wahl und ihre Tochter Mona Weiblen einen goldenen Tipp: "Wenn de auf der Alb rumläufsch, no halt dei Gosch" - nur so "riechsch und schmecksch se."

Als sie das behaupten, stehen sie vor einem projizierten Gemälde. Es zeigt eine Landschaft in kräftig leuchtenden Farben. Vor das innere Auge zieht ein Sommertag auf der Alb. Der Duft von wildem Johanniskraut, Majoran und Thymian steigt in die Nase, Vogelgezwitscher mischt sich mit dem Klang des Albwinds. Jäh aus ihren Alb-Träumen heraus gerissen werden die Zuschauer durch den Anlasser eines Bulldogs. Soviel wird klar: Die Alb eignet sich nicht zum verklärten Bilderbuch-Kitsch. Nicht zuletzt der charakterstarke Älbler selbst trägt dazu bei. Manchmal "garstig und karstig" wie die Gegend, die er bewohnt, gelingt der Kontakt für Nei-gschmeckte auch wegen der Sprachbarrieren nicht immer auf Anhieb.

"Soichbäckla", "Flotzapedle" oder "Melkscheml" sind da nur wenige Beispiele. Hört man den Traufgängerinnen aber zu, wie sie die schwäbischen Silben genüsslich aus ihren Mündern perlen lassen, dann geraten sie zu Liebeserklärungen. Liebeserklärungen an die Alb und ihre Bewohner: Sie ziehen sich mal poetisch-melancholisch, dann wieder augenzwinkernd, bunt und höchst amüsant durch den Abend.

Dass der gemeine Älber in der Lage ist, über sich und seine Eigenheiten zu lachen, ist nichts Neues. Die Traufgängerinnen aber schafften es, zusammen mit dem Musiker Til Eder und unter der Regie von LTT-Schauspielerin Uta Krause, die Selbstreflexion auf ein neues Niveau zu heben. In Wort, Bild und Musik charakterisierten sie die Facetten der Alb collagenartig, ohne die altbekannten und vielzitierten Klischees über Gebühr zu strapazieren: Da sang Susanne Wahl ergreifend über "Erinnerungsfurchen direkt ins Herz" und über Kindheitserinnerungen an ihre geliebte Oma "Bebele" (sie hatte mehr Herz als Geld), ein anderes Mal waren es etwa Betrachtungen über den gedankenverlorenen Schäfer oder über jene Stille, die über der Alb liegt, wenn mal gerade kein Bulldog über die Äcker fährt. Die lyrischen Bilder verdichteten sich im Laufe des Abends zu einer szenischen Hommage mit Tiefenwirkung.

Ungebrochen blieben sie indes nicht. Denn obwohl der Älbler mit direkter Sprache eher wenig Probleme hat, versagt ihm beim Thema Romantik oftmals die Stimme: "I mog di", gilt da schon als höchste Gefühlsregung, plaudern und singen die Traufgängerinnen aus dem Nähkästchen. Leichter fällt es ihm zu gestehen: "I ket di fressa" - am liebsten halt mit Sauerkraut. In einem sind sich die tanzenden Damen mit Wischmob in der Hand einig: "Aim tuh säxi for mai Kiddlschuuz", doch auf einen Mann aus Paris können sie dennoch verzichten: "Hektar stoht, Liebe vergoht." Ihr gerappter Appell: "Mach mir den Älbler".

In einer temporeichen und mit viel hintersinnigem Wortwitz gespickten Revue, präsentierten die Traufgängerinnen eine Mischung aus zotengeschwängerten Betrachtungen und anspruchsvollen Hinwendungen. Sehenswert nicht nur für Ethnologen, sondern auch für Älbler. Sie quittierten das herb-frische Denkmal, das man ihnen liebevoll bereitete, jedenfalls mit tosendem Beifall. Der Applaus galt den Künstlern - aber auch ein wenig sich selbst: Den Älblern mit dem gelassenen Überblick.

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