Das Quartett Tango-Komplott um Philharmonie- Geiger Michael Schwarz spielte Astor Piazzollas "Libertango" - passend zum Freiheitsgeist des Geehrten: Am Freitag erhielt der Betzinger Geschichtsforscher, Mundartautor, Kleinverleger Hellmut G. Haasis (Foto: Archiv) im Ludwigsburger Residenzschloss den Ludwig-Uhland-Preis 2013. Weil er, so Stifter Carl Herzog von Württemberg, die Geschichte des Landes "aus einem anderen Blickwinkel" betrachtet, Joseph Süß Oppenheimer und Georg Elser mit Biografien "wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt", mit Dialekttexten auch "leichtere Seiten des Lebens" thematisiert habe.

Leicht macht der 71-jährige Haasis es sich und seinen Lesern nicht: Den "Spuren der Besiegten" in deutschen Freiheitskämpfen kann man auf über tausend Seiten nachgehen, die Zeit der deutschen Jakobiner breitet Haasis in zwei Bänden unter dem Titel "Gebt der Freiheit Flügel" aus. Unzählige Veröffentlichungen vom Flugblatt bis zum Radioessay, vom Theaterstück bis zum schwäbischen Gedicht finden sich in seinem Werkverzeichnis "Wortgeburten". Haasis, gebürtig aus Mühlacker, ist ein Archivalien fressender Geschichtswuhler und belletristischer Berserker.

Axel Kuhn, emeritierter Stuttgarter Geschichtsprofessor, hielt die Laudatio. Er steht Haasis mit jakobinischen und demokratiebewegten Themen nahe - was diesen nicht daran hinderte, Kuhns Bücher rezensierend zu verreißen. Kuhn würdigte unter anderem die 1970 von Haasis herausgegebene Schrift des Kant-Schülers Johann Benjamin Erhard "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" als durchaus "promotionswürdige Leistung". Aber mit der Doktorarbeit hat es nie geklappt, die universitären Historiker haben den Unorthodoxen und Unbotmäßigen außen vor gehalten. Wohl auch, weil er sie bisweilen beschämte, indem er unbekannte Quellen ausgrub, gegen den akademischen Strich interpretierte. Etwa das letzte Exemplar des Süß-Oppenheimer-Gedenkblatts der jüdischen Gemeinde Stuttgart von 1738. Kuhn wünschte sich, Haasis möge auch dem Freiheitsbaum, der seinem Betzinger Verlag mit "Luftfilialen" in Paris, Strasbourg, Basel,Torino, Cagliari, Berlin und Praha den Namen gab und um den die Tübinger Stiftler im Frühling 1793 vermutlich tanzten, auf den revolutionären Wurzelgrund gehen. Auch wenn Haasis gerne damit kokettiert, verkannt zu sein, ist er längst anerkannt. 1990 bekam er den Thaddäus-Troll-Preis für seinen Betzinger Mundartroman "Em Chrischdian sei Leich", 1995 den Civis-Medienpreis der ARD, 1999 den Schubart-Preis. Nun also der Uhland-Preis. Uhland sei "ein tapferer Parlamentarier", so Haasis in seiner Antwortrede, einer, der in der Nationalversammlung der Reaktion widerstand.

Haasis ist ebenfalls ein Widerständiger geblieben. Seine Frisur ist so unbändig wie seine lauthals-launige Rede, und auch in der Kleidung bewegte er sich nationalfarben mit schwarzer Hose, rostroter Jacke und gelben Hemd etwas außerhalb der Etikette der neuwürttembergischen Ehrbarkeit. Aber Preisgeld aus Fürstenhand in einem aus absolutistischem Größenwahn entstandenen Schloss - geht das? Wo Haasis doch immer gegen feudale Willkür und herrscherliche Dekadenz angeschrieben hat. Er hat sich natürlich kundig gemacht über die Altshausener Linie der Württemberger, der Herzog Carl vorsteht. Ein "konstitutioneller Monarchist", wie Haasis findet. Und mit Herzog Philipp Albrecht habe sie einen Widerständler aufzuweisen, der 1934 "Mut bewiesen", sich dem NS-Beflaggungsdiktat verweigert habe.

Widersprüche lassen sich dank des Schwaben Hegel bekanntlich aushalten und aufheben. Auf dem Pfullinger "Kulturprodakschn Blog" freut sich Haasis über den mit 10 000 Euro verbundenen Preis: "ja ja, im alter noch etwas ehre - ond a bissle a geld, om ens wohnzemmer an nuie pelltsofa zom schdella. isch schau dren, macht saumäßig schee warm." Im etwas klammen Ludwigsburger Schloss konnte sich die Festgesellschaft zwar nicht am Pelletsofen, aber doch an erhitzten Häppchen und feurigem Hofkammer-Rotwein erwärmen.