Metzingen Frau Kimmerles Kunst des Lebens

Kunst des Pragmatismus’: Seit ihr Gehör nachgelassen hat, kommt die Musik eben aus Kopfhörern.
Kunst des Pragmatismus’: Seit ihr Gehör nachgelassen hat, kommt die Musik eben aus Kopfhörern. © Foto: Nicole Wieden
Metzingen / Nicole Wieden 05.12.2018

Vor einigen Tagen, auf dem Nachhauseweg vom Friseur, ist Hildegard Kimmerle zufällig mit einer Passantin ins Gespräch gekommen. Dabei sind sie auf ihr Alter zu sprechen gekommen – und die junge Frau hat sich bei ihr glatt um 15 Jahre verschätzt. „Sie dachte, ich sei vielleicht Mitte achtzig“, schmunzelt die rüstige Dame auf ihrem Sessel im Wohnzimmer.

Vermutlich meinen es die Gene einfach gut mit ihr. Allerdings dürfe man auf keinen Fall die Luft der Schwäbischen Alb unterschätzen: „Man muss sich bewegen, so lange es nur geht.“ Das ist der eine Ratschlag, den sie für ein möglichst langes und hoffentlich gesundes Leben parat hat. Der andere betrifft die Familie und Freunde: „Seien sie gesellig“, fordert die Rentnerin mit ordentlich Nachdruck auf.

In 100 Jahren erlebt man wie einige der Freunde, nicht zuletzt auch der Partner, wieder gehen. Da helfe es, sich stets in Dankbarkeit zu erinnern und dabei den Blick ebenso nach vorne zu richten: „Dem Himmel sei Dank sind alle Enkel gescheit“, lacht Kimmerle. Was ihr Nachwuchs so treibt, wo es ihn hin verschlägt, wer von den vier wohl als erstes vor den Traualtar tritt – das sind Fragen, die sie sich ab und zu gerne durch den Kopf gehen lässt.

Und wahrscheinlich ist eben diese unablässige Neugier auf alles, was noch geschehen könnte, ihr eigentliches Geheimnis: 1918 in Albershausen bei Göppingen geboren, verdankt sie ihrem Wissensdurst das Gymnasium besuchen zu können. Entsprechend groß war die Enttäuschung, als sie nach dem Abitur weiterhin auf dem elterlichen Gasthof bleiben sollte: „Ich hätte sehr gerne einen Beruf gelernt, wie die anderen auch“, erzählt Kimmerle, die damals noch eine Kempter war. „Aber der Hof war groß.“

Der Krieg allerdings machte bald darauf ohnehin jeden Plan zunichte: Nachdem beide Brüder eingezogen worden waren, verstarb der ältere schon nach den ersten Monaten. Den jüngeren verschlug es glücklicherweise nach Kanada. Weil er aber erst Jahre später zurückkehren sollte, standen die junge Frau und ihre Mutter nach dem Tod des Vaters mit „all dem Kram“ schließlich alleine da.

In dieser Zeit hat sie gelernt, dass einem im Leben nichts geschenkt werde und man harte Arbeit nicht scheuen dürfe: „Und bei all dem muss man es schaffen, sich die Freude zu bewahren“, sagt Kimmerle. Die kommt mit etwas Geduld nämlich wieder. In ihrem Fall geschah das in Gestalt von Julius Kimmerle, einem Metzinger Bauunternehmer, den sie 1950 heiratete. Noch heute lebt sie in dem Haus, in dem ihre beiden Kinder aufgewachsen sind.

Als ihr Mann in den späten 70ern einer kurzen Krankheit erlag, sah sich Hildegard Kimmerle erneut vor der Aufgabe, ein Familiengeschäft in die Hand zu nehmen. Allein mit dem Wissen, das sie über die Erzählungen ihres Mannes erworben hatte. „Ohne die tollen Mitarbeiter wäre das gar nicht möglich gewesen“, fügt sie bescheiden hinzu.

Weil ihr aber die Aufgabe nicht einfach fiel, gab sie das Geschäft nach einigen Jahren wieder auf. Seitdem lässt sie es schön ruhig angehen. Zwar kann sie mit ihrem Rollator nicht mehr ausgiebig in der Stadt umher spazieren, dafür aber widmet sie sich zu Hause ihren anderen Interessen. Zum Beispiel der Musik. Und für Politik hat sie sich auch schon immer interessiert.

Neu ist dagegen die Begeisterung für die Bundesliga. „Darauf hat mich mein Sohn gebracht,“ lacht Hildegard Kimmerle. Sie selbst hätte nie vermutet, eines Tages Anhängerin des VfB zu sein. Diese Erfahrung gehört zu jenen unerwarteten Freuden, die für sie an jeder Ecke lauern.

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