Gut drei Wochen nach der spektakulären Rettungsaktion an der Falkensteiner Höhle rückt zunehmend die Frage in den Blickpunkt, inwieweit der Guide, der seinen Kunden aus Hannover Ende Juli trotz Unwetterwarnungen tief in die aktive Wasserhöhle geführt hatte, fahrlässig gehandelt hat. Nach starken Niederschlägen stieg der Wasserspiegel in der Höhle an jenem Sonntag schnell an und schnitt den beiden Männern den Rückweg ab. Sie konnten erst am folgenden Tag aus ihrer misslichen Lage befreit werden.

In der Höhle vom Wasser überrascht

Bereits während der laufenden Rettungsaktion wurde Kritik am 37-jährigen Höhlenführer aus dem Kreis Göppingen laut. Der allerdings weist die Kritik zurück. Gegenüber der SÜDWEST PRESSE erklärte er, von den Wassermassen überrascht worden zu sein. Sie seien ohne Ankündigung gekommen.Ein Einwand, den jedoch Jochen Hasenmayer nicht gelten lässt. „Es kann schon sein, dass er überrascht wurde“, sagt Deutschlands wohl bekanntester Höhlenforscher zur Rechtfertigung des Führers, „aber nur weil er sich nicht informiert hat“. Hasenmayer hat sich in den 70er- und 80er-Jahren nicht nur mit der Erforschung des Blautopfs, sondern vieler anderer Höhlensysteme in ganz Europa einen Namen gemacht. Mehrmals stellte er Höhlentieftauchrekorde auf und besitzt in der Szene längst den Status einer Legende. Seit einem Tauchunfall im Jahr 1989 im Wolfgangssee ist der einzige hauptberufliche Höhlenforscher der Welt querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl – oder aber im maßgeschneiderten Tauchboot, mit dem er bis heute Tauchgänge im Blautopf unternimmt.

Die Falkensteiner Höhle ist für den heute 77-Jährigen dabei ein wohlbekanntes Terrain. Hier hatte er seine Karriere im Alter von 18 Jahren begonnen. Später, im Jahr 1980, sollte er der erste Mensch sein, der rund fünf Kilometer weit in eine der längsten und anspruchsvollsten Höhlen Deutschlands vordrang. Dabei durchtauchte er insgesamt 26 Siphons, Engstellen also, die zumeist unter Wasser liegen. In den 80er-Jahren war Hasenmayer selbst im Rettungseinsatz in der Falkensteiner Höhle, nachdem dort vier Studenten feststeckten.

Eine Tour trotz Unwetterwarnung

Ohne die konkreten Umstände der missglückten Tour der beiden Männer Ende Juli im Detail zu kennen, sagt Hasenmayer: „Klar ist, wenn Regen angesagt ist, ist die Höhle nicht passierbar. Das muss er wissen“, kritisiert er die Entscheidung des Guides, trotz bestehender Unwetterwarnungen die Tour ohne geeignete Ausrüstung, also Atemgerät und Bleigürtel, anzutreten. Bekannt sei, dass durch die aktive Wasserhöhle ein rund zwölf Quadratkilometer umfassendes Gebiet der Albhochfläche entwässert werde. Umso dringlicher sei es, vor einer Tour den Wetterbericht zu studieren und auf Wolkenbildungen zu achten. „Sich im Vorfeld gründlich zu informieren, könnte man schon verlangen“, so Hasenmayers Vorwurf.

Höhlengänge abgesagt

Andere Tourenanbieter sagten an diesem Tag Höhlengänge wegen der Wetterlage und gravierender Sicherheitsbedenken ab. Und auch bei günstigen und stabilen Wetterbedingungen dringen verschiedene Anbieter nur bis zur „Reutlinger Halle“ und rund 600 Meter in die Höhle vor. Die beiden Geretteten hingegen passierten rund 1400 Meter bis zur „Königshalle“.

Hasenmayer teilt zwar die Faszination für verborgene Unterwelten, gleichzeitig beobachtet er aber die zunehmende Kommerzialisierung der Höhlengänge. Auch wegen des leichten Zugangs: „Die Falkensteiner Höhle wird immer mehr zum Abenteuerspielplatz für junge Männer“, sagt er. Dass sich damit gutes Geld verdienen lässt, habe inzwischen die Runde gemacht. Unter welchen Voraussetzungen aber Lizenzen für Höhlenführungen genehmigt werden, ist für Hasenmayer nicht nachvollziehbar.

Kein Beleg der Qualifikation bei Höhlen-Guides

Dass außer dem Nachweis einer Versicherung kein Beleg der Qualifikation notwendig ist, hält auch Michael Hottinger für problematisch. Als Einsatzleiter der Höhlenrettung Baden-Württemberg koordinierte er den Rettungseinsatz an der Falkensteiner Höhle. Seiner Schätzung zufolge dürfte er mit 20.000 bis 30.000 Euro zu Buche schlagen.

Nun erneuerte er die Kritik am Verhalten des Höhlenguides und legt ihm eine Teilschuld zur Last. Zwar räumt er ein, dass der Höhlenführer nicht wissen konnte, dass es Starkniederschläge mit über 100 Litern pro Quadratmeter geben würde, doch trotz bestehender Unwetter- und Hochwasserwarnungen so tief in die Höhle einzudringen, hält er zumindest für unvorsichtig. „Dann muss ich als kommerzieller Anbieter eben sagen, ich lasse die Tour bleiben“, unterstreicht Hottinger.

Kommerzialisierte Höhlengänge

Wie Hasenmayer sieht auch er die zunehmende Vermarktung der Höhlengänge kritisch. Seinen Angaben zufolge, bieten derzeit fünf Anbieter Touren an und führen pro Jahr mehrere tausend Besucher in die Falkensteiner Höhle. Und die hinterlassen Spuren: „Die Höhle ist zu Tode gelatscht“, sagt Hottinger und verweist unter anderem auf abgegriffene und speckig gewordene Felswände. Auch ohne wiederkehrende Notfälle: „Der Kommerz ist ein Problem.“

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Jochen Hasenmayer (77) lebt in Bad Herrenalb und gilt innerhalb der Szene der Höhlenforscher und -taucher als Legende. Bekannt wurde er 1985 vor allem durch die Entdeckung der ersten lufterfüllten Halle des Blautopfes, des Mörikedoms. Seine ersten Expeditionen in die Unterwelt unternahm er im Alter von 18 Jahren in der Falkensteiner Höhle. Seit 1989 ist er querschnittgelähmt und erforscht mit einem eigens angefertigten Plexiglas-Höhlen-U-Boot (Speleonaut) weiterhin die heimischen Höhlenwelten.