Metzingen Es droht die erste Ferienlese

Selbst altgediente Weingärtner lernen beim jährlichen Rundgang mit dem Experten der WZG in Möglingen immer noch etwas dazu. Deshalb waren am Dienstagnachmittag wieder rund 60 von ihnen an den Fuß des Hofbühls gekommen.
Selbst altgediente Weingärtner lernen beim jährlichen Rundgang mit dem Experten der WZG in Möglingen immer noch etwas dazu. Deshalb waren am Dienstagnachmittag wieder rund 60 von ihnen an den Fuß des Hofbühls gekommen. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Michael Koch 12.07.2018

Jedes Jahr das Gleiche? Von wegen! Zumindest die Weingärtner in Metzingen und Neuhausen durchlaufen ein Jahr, wie sie es bislang noch nie erlebt haben. Zum einen ist da die frühere Vegetation, zum anderen ein sehr großer Ertrag. Wie mit beiden Phänomenen umzugehen ist, erläuterte Markus Werner von der Württembergischen Zentralgenossenschaft rund 60 Wengerter, die sich am Dienstagnachmittag für die Tipps vom Fachmann zu einem kleinen Rundgang versammelt hatten. „Ein gutes Zeichen, dass so viele gekommen sind“ freute sich Jörg Waldner, Geschäftsführer der Weingärtnergenossenschaft Metzingen-Neuhausen zu Beginn. Um dann sogleich auf den Punkt zu kommen.

Sehr ertragreich

„Im Vorjahr mussten wir jede Traube hegen und pflegen, in diesem Jahr sind wir in der komfortablen Lage, dass wir zu viel haben. Wenn nicht noch Hagel- oder Gewitterschäden auftreten, dann wird es ein unwahrscheinlich ertragreiches Jahr“, prophezeit Waldner.

Da kommt der Experte ins Spiel, denn wie ermittelt man denn überhaupt, wie viel Ertrag ein Stock abwirft? Um eine optimale Traubenversorgung und damit eine hohe Qualität zu erreichen, sind 120 Kilogramm pro Ar erwünscht. Werner zählte nun die Trauben an einem Stock, kam auf 24. Das Durchschnittsgewicht sei je nach Sorte bekannt, so könne man den Ertrag ganz einfach errechnen. Am Beispiel kam Werner auf etwa 170 Kilogramm, „knapp ein Drittel muss also raus“. Man könne nun natürlich jede dritte Traube komplett abschneiden, Werner empfiehlt aber eher, alle Trauben von unten her annähernd zu halbieren. „Das sieht schlimm aus, bringt aber Qualität“, so Werner, der zudem noch den Vorteil sieht, dass die luftigeren Trauben weniger anfällig für Fäulnis sind.

Wein wie Wasser

Werner erzählte von Trollinger-Gebieten, in denen bis zu 400 Kilogramm pro Ar hängen. Schon bei 200 Kilo sei der Wein dünn wie Wasser und eigentlich unverkäuflich. „Es wird immer schwieriger, schlechten Wein zu machen und abzusetzen“, so Werner. Jörg Waldner appellierte deswegen eindringlich an seine Genossenschaftsmitglieder, in den kommenden 14 Tagen die Mengenreduzierung durchzuführen, sofern noch nicht geschehen.

Es muss vor allem auch deswegen schnell gehen, da die Vegetation ungewöhnlich weit ist. „Unsere Abschlussspritzung ist für den 4. August terminiert, weil wir uns darauf einstellen müssen, dass wir Anfang September bereits mit der Vorlese beginnen müssen“, sagte Waldner.

„Weinlese in den Sommerferien, das gab’s noch nie“, grummelte ein Wengerter mürrisch vor sich hin. „Der Klimawandel lässt grüßen“, entgegnete eine andere Dame.

Auch hierzu richteten Waldner und Werner an die Weingärtner, unbedingt die Spritztermine und Wartezeiten einzuhalten. „Die Problematik mit dem frühen Termin ist bekannt, deswegen wird mit Sicherheit sehr streng kontrolliert“, versicherte Werner. „Bei uns wurde noch nie etwas gefunden, und wir möchten, dass das auch so bleibt. Wenn ihr euch also an unsere Empfehlungen haltet, dann kann überhaupt nichts passieren“, ergänzte Waldner.

Oidium- Pilz auf Vormarsch

Tatsächlich ist das Thema Schädlingsbekämpfung in diesem Jahr kein sehr akutes, zumindest im Ermstal. Einzig der Oidium-Pilz, bekannter als Rebenmehltau, verlangt bislang nach Aufmerksamkeit. Er wird biologisch sehr gut eingedämmt durch Spritzen mit einer Backpulver-Lösung.

Gemeiner zeigt sich da ein Pilz namens Esca. Er dringt durch Schnittwunden ins Holz ein und zerstört den Stock von innen heraus. Ein probates Mittel dagegen gibt es bislang noch nicht. Eine Stammsanierung, bei der man das Totholz aus dem Stamm herausschneidet, oder zur Vorbeugung ein „sanfter Rebschnitt“, bei dem wenig Schnittwunden erzeugt werden, gelten als nicht unbedingt praktikabel. „Ich würde einen betroffenen Stock komplett aus der Anlage herausholen“, rät Markus Werner. Also absägen. Betroffen sind vom Esca vor allem Silvaner, Dornfelder, Riesling und Schwarzriesling – einige der verkümmerten Stöcke sind auch schon in den beiden Metzinger Weinberge zu finden.

Häufig fehlinterpretiert

Ein weiteres Ärgernis sind Fraßschäden durch die Erdraupe. Hühner oder Fledermäuse als natürliche Feinde empfiehlt der Fachmann, alternativ könne man auch nachts mit der Taschenlampe durch die Anlage gehen und die Raupen einsammeln. Weniger problematisch dürfte in diesem Jahr dagegen die Kirschessigfliege werden, die in den vergangenen Jahren die Weinbauern auf Trab hielt. „Viele Schäden, die der Kirschessigfliege zugeschrieben werden, stammen in Wirklichkeit von Wespen oder Mäusen“, weiß Werner.

120

Kilogramm Trauben pro Ar dürfen die Wengerter der Hofbühlsteige ohne Abzüge bei der Lese abliefern. Mehr schadet der Qualität, weil dann der Zuckergehalt in jeder einzelnen Beere sinkt.

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