Metzingen/Engstingen Erinnerungslücken beim Angeklagten

Gegen einen 30 Jahre alten Kolumbianer wird seit Montag am Landgericht Tübingen verhandelt.
Gegen einen 30 Jahre alten Kolumbianer wird seit Montag am Landgericht Tübingen verhandelt. © Foto: Mara Sander
Metzingen/Engstingen / Mara Sander 21.08.2018

Einer der spektakulärsten Drogenprozesse seit Jahren findet gerade seine Fortsetzung vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Tübingen. Angeklagt ist ein 30-jähriger Kolumbianer, der in Untersuchungshaft sitzt. Das Gericht will klären, welche Rolle er im Jahr 2011 spielte, als die Polizei einem bandenmäßigen Kokainschmuggel aufdeckte. Umschlagplatz war damals der Gewerbepark auf der Haid in Engstingen. Damals stellte die Polizei fast 130 Kilogramm Kokain in hoher Qualität sicher.

Schüsse in Spanien

Nachdem im Dezember 2011 vier Mitglieder der Kokain-Dealer-Bande im Gewerbepark Haid und vier weitere in Holland und Spanien festgenommen und inzwischen zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt worden waren, konnte im Frühjahr dieses Jahres auch der 30-jährige Kolumbianer verhaftet werden, der sich nun vor dem Landgericht verantworten muss. Einer der am Schmuggel Beteiligten wurde 2011 in Spanien durch Schüsse getötet. Das könne durchaus „eine Racheaktion im Rauschgifthändlermilieu“ gewesen sein, wie ein führender Ermittler am Montag vor der ersten Strafkammer aussagte. Der jetzt Angeklagte hatte zuvor mehrfach von Bedrohungen gesprochen.

Bis zu 13 Jahre Haft

Angeklagt ist der 30-Jährige wegen „bandenmäßigem, unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“. Dem Kolumbianer, dessen Halbbruder als einer der führenden Beteiligten zu mehr als 13 Jahren Haft verurteilt worden war, und dessen Bruder, ebenfalls wegen eines anderen Rauschgiftdeliktes zu einer Freiheitsstrafe verurteilt ist, wird laut Anklageschrift vorgeworfen, sich spätestens Anfang 2011 „mit neun weiteren Personen zusammengeschlossen zu haben, um 130 Kilo Kokaingemisch bester Qualität aus Südamerika in einem Container mit einem Schiff nach Antwerpen und von dort nach Engstingen“ zu bringen. Ziel sei gewesen, das Rauschgift gewinnbringend zu verkaufen.

Zusammen mit dem getöteten Komplizen soll sich der Angeklagte in Metzingen mit einem verdeckten Ermittler des Landeskriminalamts getroffen und mit ihm vereinbart haben, dass dieser für die sichere Durchführung der Einfuhr sorgen und dafür 250 000 Euro von der Organisation erhalten werde. Als „vertrauensbildendes Erstgeschäft“, wie ein ermittelnder Beamter den Vorgang beschrieb, sei eine Teilmenge von 50 Kilo vereinbart worden. Bei deren Übergabe erfolgte dann die Verhaftung der anderen Bandenmitglieder.

Vier Flaschen Champagner

Der Angeklagte beschrieb am Montag vor Gericht detailreich verschiedene Gespräche aus dem Jahr 2011 und stellte seine Beteiligung so dar, dass er mit dem Betäubungsmitteldelikt wenig zu tun habe. Er habe lediglich seinen damals inhaftierten Bruder gegen Zahlung eines Bestechungsgeldes freikaufen wollen. Dabei hätten dann die anderen Beteiligten Gespräche über den Kokaindeal geführt. Bei zwei Gesprächen sollen einmal vier Flaschen Wein in einem Golfclub und vier Flaschen Champagner in einem Spielcasino von drei bis vier Personen getrunken worden sein.

Richter Ulrich Polachowski betonte angesichts der Ausführungen des Angeklagten: „Sie dürfen alles erzählen, wir müssen nichts glauben.“ Er forderte den Kolumbianer allerdings auf, noch einmal zu überdenken, ob er wirklich bei dieser Geschichte bleiben wolle. Der Bruder des Angeklagten habe schließlich gestanden.

Auch Staatsanwältin Nicole Luther wunderte sich über die teilweise sehr genauen Schilderungen bestimmter Details, währen der Angeklagte beim Thema Rauschgiftgeschäft immer wieder Erinnerungslücken geltend machte. Der Angeklagte betonte hingegen, „das, was ich gesagt habe, stimmt.“ Der Prozess wurde am Montagnachmittag nichtöffentlich fortgesetzt, weil der verdeckte Ermittler aussagte. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt.

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