Gänse schnattern vergnügt im Halbschatten, Fische ziehen in kristallklaren Teichen ihre Bahnen: das weitläufige Gelände der Künkelemühle in der Georgiisiedlung gleicht heute einer Bilderbuch-Idylle. Ganz anders die Szenerie vor 100 Jahren. Damals, am 2. August 1919, herrschte buchstäblich großer Bahnhof. An jenem Samstagnachmittag fuhr sie unter großem Getöse und umhüllt von dicken Rauchschwaden ein, die Dampflock AB 1854 mit dem Personensonderzug und einer illustren Festschar im Schlepptau.

Privater Gleisanschluss an der Mühle

Allesamt kamen sie, um der eingesessenen Müllerfamilie zur Einweihung ihres privaten Gleisanschlusses zu gratulieren. Seit diesem Tag bestand eine gleisgebundene Verbindung zum etwa 1,8 Kilometer entfernten Bahnhof in Urach. Die Verlängerung der Ermstalbahn in Richtung Seeburger Tal war dabei nicht Eugen Künkele Seniors nachgesagtem Faible für Eisenbahnen geschuldet, sondern der Gleisanschluss an der Getreidemühle gehorchte freilich wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Bevor das stählerne Dampfross wöchentlich die leichte Steigung hinauf zur Mühle nahm, waren es Pferde, mitsamt den zugehörigen Gespannen, die das Korn zur Mühle brachten und es, sobald es zu Mehl verarbeitet war, in tagelangen Fahrten bis nach Hechingen oder Nürtingen lieferten. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs allerdings, wurden etliche Tiere ebenso wie Wägen konfisziert – die Künkelemühle gleichwohl als kriegswichtig eingestuft. Und da die Einnahmen stimmten, konnte der Bau der Bahntrasse aus des Müllers eigener Schatulle erfolgen. Trotz der Verwendung von gebrauchtem Material, ein Kraftakt in Höhe von 45 000 Mark und fast der einzige Bahntrassenbau, der in den Kriegsjahren in Württemberg verwirklicht werden konnte. Selbst staatliche Projekte blieben zu jener Zeit liegen.

Mehl bis nach Ostpreußen

Mit der Eröffnung des Gleisanschlusses vergrößerte sich der Aktionsradius der Uracher Mühle deutlich. Zum Beginn des Zweiten Weltkriegs lieferte sie Mehl bis nach Ostpreußen. Das notwendige Korn kam unter anderem aus Italien oder Ungarn. Nachdem der Frieden wieder eingezogen war, kam der in schweren Säcken verpackte Weizen gar aus Übersee, also aus den Vereinigten Staaten oder Kanada.

Karl-Otto Künkele, heute 81 Jahre alt, war zu jener Zeit noch ein junger Bursche und erinnert sich gerne daran, wie die kohlebefeuerte Lok mit fünf oder sechs angehängten Güterwaggons schnaubend am Verladeplatz der Mühle Halt machte und mit Seilen auf ein Nebengleis gezogen wurde, um Platz für die nächste Ankunft zu machen. Schon von Weitem, so erzählt er heute, habe sich die Ankunft mit dem typischen Pfeifen angekündigt. Für den Heranwachsenden freilich ein Abenteuerspielplatz und wie geschaffen für neugierige Jungs-Augen.

Doch beim Zuschauen alleine blieb es nicht, wie sich Künkele zurückerinnert. Statt sich auf Schusters Rappen in die Stadt und damit in die Schule zu machen, nahm er bei Gelegenheit gerne im Lokführerhaus Platz und wusste die technische Neuerung vor der eigenen Haustüre durchaus auch für eigene Zwecke zu nutzen. „Ein Mama-Taxi gab es damals ja noch nicht“, sagt er heute und schmunzelt. Dass er als Müllerssohn durchaus Privilegien genießen durfte, war ihm schon damals klar: „Das war schon etwas Besonderes.“ In regelmäßigem Takt machte die Lok in den folgenden Jahren an der Mühle Station, um sich die angehängten Waggons voller Mehl im Uracher Bahnhof zum weiteren Transport in alle Welt abkoppeln zu lassen.

Lastwagen ersetzt Eisenbahn

Doch der Lauf der Dinge zeigte sich vom romantisch daherkommenden Anblick unbeeindruckt und sukzessive lösten die weitaus wendigeren und unkomplizierteren Lastwagen die Bahntransporte ab. Ohnehin hat  sich die Mehlproduktion im Laufe der Jahre nicht mehr recht gelohnt und Karl-Otto Künkele, selbst Müllermeister, suchte zusammen mit seiner Frau ein zweites Standbein. Aus einem spontan veranstalteten Forellenfest im Jahr 1973, entstand, wofür die Künkelemühle heute weit über die Region hinaus bekannt ist: für eine liebevoll geführte Gastronomie, inmitten geschichtsträchtiger und authentischer Gemäuer. Das letzte Korn wurde in der nach einem verheerenden Brand 1883 neu erbauten Mühle am 31. Oktober 1985 gemahlen. „Ein schmerzlicher Augenblick für einen Müller“, wie Künkele wehmütig sagt.

Geschichte blieb erhalten

Wer heute über das Gelände spaziert, der stößt gleichwohl unwillkürlich auf die Überreste einer langen Müllertradition, aber auch auf die Relikte eines kuriosen Kapitels Eisenbahngeschichte. Es endete am 28. Mai 1976. An jenem Tag fuhr der letzte Zug an der Mühle ab und überquerte in Richtung Stadt die eigens errichtete Brücke im Wiesengrund über die Erms. Sie ist heute durch den Baumbewuchs kaum mehr als solche zu erkennen.

Im Boden eingelassene Gleise und eine alte Weiche sind neben dem abgestellten Waggon, die sichtbarsten Zeichen auf dem Gelände der ehemaligen Mühle. Jener Waggon allerdings kam erst nachträglich, im Jahr 1988, aufs Gleis. Der historische Personenwagen der Reichsbahn, Typ „Ciuv 24“, im Jahr 1926 gebaut, diente der österreichischen Erzbergbahn zuletzt als Hilfswagen und hat, ganz im Sinne des Wandels der Künkelemühle, eine neue Bestimmung gefunden. Als Gästezimmer steht er nicht nur Eisenbahnfans offen, wie die Familie Künkele schon immer eine war.

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Jahre währte der Bahnbetrieb an der Uracher Künkelemühle. Vor 100 Jahren eingeweiht, fuhr im Jahr 1976 der letzte Güterzug vom Gelände ab, bevor die Mühle 1985 den Betrieb einstellte.