Lesung Eine persönliche Inventur auf Schwäbisch

Susanne Wahl und Ida Ott bei der Lesung.
Susanne Wahl und Ida Ott bei der Lesung. © Foto: Kirsten Oechsner
Bad Urach / Kirsten Oechsner 12.06.2017

Susanne Wahl malt, gestaltet Skulpturen, singt, tanzt, schauspielert und führt Regie. Nun ist die vielseitig aktive Künstlerin auch unter die Autoren gegangen, dieser Tage ist ihr Erstlingswerk „Hirnschreinerei“ erschienen.

Doch beim Schreiben handelt es sich nicht um eine neu entdeckte Leidenschaft, die Liebe geht bis in die Kindheit zurück: Sie sei schon als kleines Mädchen ein großer Lyrik-Fan gewesen, habe gerne Gedichte gelesen und früh welche geschrieben. Für Susanne Wahl ist’s die beste Form, Gefühle in Sprache auszudrücken. Und so war’s für die St. Johannerin mit Wurzeln in Bad Urach schon lange ein Wunsch, ihre geschriebenen Gedanken zusammengefasst zu veröffentlichen – auf 58 Seiten sind nun ausschließlich auf  Schwäbisch geschriebene 49 Gedichte und Liedtexte aus älterer Zeit und auch ganz neue veröffentlicht.

Eine persönliche Inventur ihres 51-jährigen Lebens, wie die Künstlerin bilanziert. Emotionales („Oma Bäbele“) trifft auf die durch die „Traufgängerinnen“ bekanntes (Älbler Räp“), Tiefgang auf Klamauk. Denn einerseits drückt Susanne Wahl in ihren Texten Gefühle vor allem für die Heimat und ihren besonderen Menschenschlag aus, beschreibt Beobachtetes detailliert. Doch manches, das gibt sie unumwunden zu, sei einfach Nonsens. So oder so geht es ihr vorrangig um die Wucht der Worte, sie in Beziehung zu setzen und mit ihnen zu spielen – auch wenn es sich um ein Liebesgedicht handelt: „Du. Mit Dir will i mit de Ratta rattra, mit de Wiesela piesela“.

Susanne Wahls Gedichte müssen die Leser sicher mehrfach und vor allem laut lesen bis alles verstanden ist, bis sich ihnen die uralten und zum Teil (fast) vergessenen Worte erschließen. Oder man hört ihr zu wie am Freitag bei der Vorstellung des  Gedichtbandes „Hirnschreinerei“, knapp 100 Zuhörer waren im Rahmen der Kulturach-Veranstaltungsreihe ins Foyer des Rathauses gekommen – ein ganz spezieller Mund-Art-Abend der Extraklasse, pfiffig und witzig, ironisch und manchmal auch ganz schön sentimental. Das Schwäbische in Szene gesetzt hat die Autorin gemeinsam mit der befreundeten „Dohlengässle“-Schauspielerin Ida Ott. Ein Frauen-Power-Dialekt-Duo, das dem geschriebenen Worten die gewünschte Wucht gab – ob es sich um des „Floischfressers‘ Moral“ mit dem Bekenntnis der Liebe zum „warma Leberkäswegga“ handelt. Oder um die Abrechnung mit der „Vrwandtschaft“ („Dai älteschda Schweschdr ischd a Hex‘), wobei am Ende eine Erkenntnis steht: „Dia send vielleicht au oft mit dir plogat, se send jo halt au du dr Welt – ogfrogat“. Themen gibt’s zu Hauf – der Älbler verortet in der Tierwelt (das „Albkrokodil“ oder der „Albskorpion“). Oder die Landschaft. Oder der eigene Hund. Oder die zwischenmenschlichen Beziehungen in der unterschiedlichsten Form – wobei eines durchaus vorkommen kann: „Mundart als Behinderung en dr Anbahnung einer eroddischen Beziehung“.

Susanne Wahl steht mit ihren Gedichten und Liedtexten für einen ganz besonderen Sound der Heimat, für ein tiefes Gefühl zur Region – das kann aber durchaus auch mal kritisch sein. Denn der Schwabe ist ja auch nur eines: Ein Mensch mit seinen positiven und negativen Seiten. Die Autorin steht für Authentizität, zeichnet den Älbler und die Heimat wie sie sind: (Wort)karg, rau und doch liebenswert.

Unterstrichen wurden die Gedanken und Gefühle, die Beobachtungen und Tatsachen mit feinfühligen und passenden Improvisationen der Musiker Til Eder, Stefan Schwarz und Gernot Stehle. Eines machten Susanne Wahl und Ida Ott klar: Schwäbisch macht Spaß. Auch wenn der ein oder andere im Publikum vielleicht nicht alles verstanden hat: „Ich bin mir sicher, dass viele Zuschauer nicht alle Worte kannten“, meinte eine Ur-Uracherin nach der Lesung. Macht nichts, genau das will Susanne Wahl erreichen: Die Menschen sollen sich mit dem Dialekt beschäftigen, uralte Begriffe nicht vergessen werden.