Metzingen / Regine Lotterer Die Stadt Metzingen erinnert mit einer Skulptur von Konrad Schlipf an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft.

Eine Skulptur des Metzinger Bildhauers Konrad Schlipf wird künftig vor dem Metzinger Rathaus an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern. Das hat der Gemeinderat am Donnerstag mehrheitlich entschieden. Das Werk findet seinen Platz in der Grünanlage vor dem Haupteingang des Verwaltungssitzes. Das Objekt besteht aus einer Kugel aus gelblichem Granit, die an mehreren Stellen gerissen ist. Damit, erläutert Schlipf, sollen die Brüche und die Verletzungen dargestellt werden, die in der Zeit der braunen Diktatur in der Gesellschaft entstanden. „Die Auswirkungen ziehen sich bis heute durch unser Leben, so haben auch die Nachfolgegenerationen, oft unbewusst, mit den übertragenen Traumata zu leben“, erklärt Schlipf seine Gedanken zum Kunstwerk. Symbol für die Zerrissenheit und ihren Einfluss auf die Gegenwart sind Ästelungen aus Bronze, die sich von der Kugel ausgehend ihren Weg bis auf den Vorplatz des Rathauses bahnen. Sie ragen damit mitten in die heutige Gesellschaft hinein, führt Schlipf aus.

Die Lebenskugel, wie der Bildhauer sein Werk nennt, sei in Kontrast zur Architektur des Rathauses gesetzt. Auch auf eine Inschrift, so Schlipf, habe er bewusst verzichtet, um dem Betrachter Raum für eigene Interpretationen zu geben. Eine Hinweistafel, die Passanten auf den Hintergrund des Objekts hinweisen, genüge seiner Meinung nach.

Ein großes Z

Die Skulptur soll nun so schnell wie möglich ihren Platz vor dem Rathaus finden. Im Januar 2018 hatte der Gemeinderat beschlossen, den Opfern des Nationalsozialismus eine Gedenkstele zu widmen. Es folgte ein künstlerischer Wettbewerb, zu dem fünf Künstler sieben Entwürfe eingereicht haben. Eine Findungskommission wählte schließlich zwei Entwürfe aus, über die der Gemeinderat am Donnerstag diskutierte. Neben Schlipfs Kugel­skulptur hatte sich die Kommission für eine Stele von Beate Leinmüller entschieden. Leinmüller präsentierte ein Werk aus Cortenstahl, gestaltet als großes Z, das für die Begriffe Zeit, Zeugnis und Zeichen steht. Außerdem sollte die Stele mit einer Botschaft versehen werden, mit Worten des Lichts, wie es die Künstlerin formulierte. Die Idee: Der Text ist perforiert, die Worte tauchen aus dem dunklen Hintergrund auf.

Beide Werke, betonte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler, erfüllen seiner Meinung nach den Anspruch, der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur zu gedenken. Für ihn sei nicht unbedingt entscheidend, welches Werk am Ende seinen Platz vor dem Rathaus finde. „Für mich ist es wichtiger, dass wir ein gemeinsames Bekenntnis geschaffen haben.“ Dafür sei es in Metzingen an der Zeit gewesen.

Peter Rogosch betonte, die FWV-Fraktion freue sich, dass es gelungen sei, eine Würdigungsform zu finden, die nicht von der Stange ist. Seiner Fraktion sage dabei der Entwurf von Konrad Schlipf am meisten zu, da dieser einen maximalen Spielraum für individuelle Deutungen lasse. Den Ausschlag für das Votum habe schlussendlich der Begleittext gegeben, den Schlipf verfasst habe. Deshalb könne sich die FWV auch gut vorstellen, die Worte des Künstlers in Bronzeschrift zum Objekt zu stellen.

Ursula Wilgenbus (FDP) betonte, die Mehrheit ihrer Fraktion sehe den Akt der Gewaltherrschaft besser durch die Stele von Beate Leinmüller repräsentiert. Die Kugel sei ihr für diesen Zweck zu schön, „ich will einen Punkt, der stört.“ Der harte Stahl drückt ihrer Ansicht nach das Undurchdringliche der Nazidiktatur besser aus: „Es gab damals das Gefühl, man kommt nicht gegen diese Herrschaft an.“ Und doch gab es Hoffnung. Symbol dafür seien die kleinen Lichtpunkte, die durch den perforierten Text entstehen.

Das Selbsterklärende an Leinmüllers Werk habe sie überzeugt, betonte Cornelia Grantz-Hild (Grüne). „Ich kann mir über die Worte Gedanken machen.“ Um das Grässliche auszudrücken, das in jenen Jahren geschehen sei, eigene sich die Stele am Besten.

 Die Kugel mache viel neugieriger als das klassische Stelenkunstwerk, betonte dagegen Dr. Christiane Hauber (FWV). Ein Urteil, dem sich Michael Breuer (SPD) und Holger Weiblen (CDU) anschlossen. Mit der Kugel erhalte Metzingen ein modernes Kunstwerk, das sich von bisherigen Gedenkstätten abhebe, die bei der Jugend  ohnehin keinen Anklang mehr fänden, betonte Weiblen. „Wir brauchen keine Gedenkstätte für uns, sondern für künftige Generationen.“

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