Fast 47 Jahre haben die Götzendorfers am Marktplatz gastronomisch Akzente gesetzt. Doch die Wirtsfamilie schenkte nicht nur Bier aus und versorgte die Gäste mit kulinarischen Köstlichkeiten. Vielmehr waren Senior Ludwig, Ehefrau Barbara und die Kinder Britta, Ludwig, Cornelia und Heidi immer auch Helfer ins seelischer Not und gaben ihren Kunden Tipps in allen Lebenslagen: „Die Gäste kamen mit Erziehungsfragen zu uns und holten sich auch Rat, wenn sie auf Reisen gingen“, erzählt Barbara Götzendorfer. Dem Tresen und der Küche sagt sie mit ihrer Familie nun Adieu, das „Wirtshaus Laurentia“ wird ab 1. Februar verpachtet – eine Ära geht damit in Bad Urach zu Ende.

Mit 26 Jahren nach Urach

Die Götzendorfers sind das, was einen klassischen Familienbetrieb auszeichnet: Jeder war immer zur Stelle, wenn er benötigt wurde und half aus, wann Not am Mann war. Zuletzt war dies für ein halbes Jahr, just nach Beginn ihrer Rente, Barbara Götzendorfer. Die Lebensumstände von Tochter Cornelia hatten sich geändert, die Eigentümerin des Wirtshauses zog es der Liebe wegen ins Salzburgerische. Mutter Barbara und Vater Ludwig führten den Betrieb in der Interimszeit auf bewährte Weise, bildeten wie zur Anfangszeit im Jahr 1972 ein schlagkräftiges Gastronomie-Team.

Dabei war der Weg in dieses Metier einst nicht vorgezeichnet: Der gebürtige Passauer Ludwig Götzendorfer kommt eigentlich aus dem graphischen Bereich, in Stuttgart hatte er erstmals mit der Gastronomie zu tun – als Geschäftsführer von Udo Snack. „Er war dadurch selbstständiges Arbeiten gewohnt, wollte nicht zurück in seinen Beruf“, erinnert sich Barbara Götzendorfer. Als sie erfuhren, dass in Urach der Inhaber eines Schnellimbiss aus Altersgründen einen Nachfolger suchte, gingen sie das Wagnis ein: Ludwig Götzendorfer war damals gerade mal 26 Jahre alt, Ehefrau Barbara 19 und zur noch kleinen Familie gehörte die anderthalbjährige Tochter Britta. Geplant war eigentlich, den „Grill am Markt“ zehn Jahre zu führen – etwas mehr als 46 wurden es letztlich: „Irgendwann kommt man nicht mehr raus aus der Selbstständigkeit und will es auch nicht mehr.“ Im Gegenteil: 1980 übernahmen die Götzendorfers die Bewirtschaftung des Freibad-Kiosks, da war mit Tochter Heidi das vierte Kind gerade auf der Welt. 29 Jahre verbrachten Mutter und Kinder den Sommer im Freibad: „Sie haben immer erzählt, dass sie einen riesigen Garten mit Pool haben, in dem manchmal leider viele Gäste sind“, erinnert sich Barbara Götzendorfer lachend.

Das Wirtsleben war für die ganze Familie stets ein Kraftakt, zumal der gastronomische Quereinsteiger Ludwig Götzendorfer quasi neben dem normalen Berufsalltag im eigenen Betrieb noch eine Lehre als Koch absolvierte: „Immer wenn es möglich war, ging er dafür ins Restaurant Graf-Eberhard“, erinnert sich seine Frau, die dann den Laden schmiss. Trotz der vielen Arbeit suchte sich die Familie stets bewusst ihre Auszeiten vor allem beim Sport: „Über ihn haben wir Anschluss in Urach gefunden.“ Bald schon waren die Götzendorfers eine feste Größe im TSV, Vater Ludwig wirkte sogar als Vorsitzender. Und die Leidenschaft für (Fern-)Reisen pflegte die Familie im Winter. Von dort kamen Ludwig und Barbara Götzendorfer oft mit neuen Ideen zurück: Aus Australien importierten sie die Happy Hour, die damals in Deutschland noch unbekannt war.

Vom Imbiss zum Wirtshaus

Stillstand gab’s bei den Götzendorfers nie: Aus dem Schnellimbiss machten sie im Lauf der Jahre ein Wirtshaus, das Gebäude wurde zudem Außen wie Innen immer wieder renoviert. Auch die Speisenkarte änderte sich, die schnelle Küche wurde abgelöst von einer mit alpenländischem Flair – diesen Akzent setzte für vier Jahre Sohn Ludwig. Auf ihn folgte 2010 Tochter Heidi als Eigentümerin, in ihrer Zeit wurde aus dem „Grill am Markt“ das „Wirtshaus Laurentia“, auch gestaltetet sie den Gastraum um. 2014 übernahm dann Cornelia die Führung.

Mit dem Betrieb wandelte sich auch der Anspruch der Gäste: „Heute brauchen wir in einem Monat weniger Schnaps als früher an einem Samstag“, weiß Cornelia Götzendorfer. Und lange Nächte gibt’s auch nur noch an Großereignissen wie dem Schäferlauf. Die Zeit der Schülercliquen, die einst ihre Mittagspause im „Grill am Markt“ verbracht haben, ist auch vorbei. Was nach wie vor intensiv gepflegt wird, sind die Stammtische. Die werden sich auch künftig im „Wirtshaus Laurentia“ treffen können, mit Mio Lusic habe man laut Cornelia Götzendorfer einen motivierten Pächter mit Erfahrung gefunden. „Der Abschied fühlt sich schwer an“, gibt Mutter Barbara zu. „Doch es geht nicht anders“. Das habe auch der 74-jährige Ehemann inzwischen akzeptiert und könne loslassen.

Die vergangenen neun Jahre bis zum Ruhestand hatte Barbara Götzendorfer sowieso fern der Gastronomie bei einer Bank gearbeitet: „Jetzt bin ich erst einmal Privatmensch, fahre runter auf null und schaue nach meiner Freizeit“, erklärt die 66-Jährige. Am Dienstag, 29. Januar ist es mit der Gastronomie-Ära der Götzendorfers endgültig Schluss, dann feiert die Familie mit (Stamm-)Gästen Abschied.

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