Tübingen Eine Frage der Auslegung

Tübingen / KATHRIN KIPP 23.03.2013
Passionsspiele in Tübingen: Für die Reihe "Leidenschaft - Passion 2013" und zum 90. von Walter Jens hat das Zimmertheater dessen Stück "Ich, ein Jud - Verteidigungsrede des Judas Ischarioth" neu aufbereitet.

Ihm gehts wie vielen anderen Ikonen und Symbolen: "Alle gebrauchen mich für ihre Zwecke." Judas, der Prototyp des Verräters, des "gestraften Gottesverächters", des "verstockten Juden", des "Zweiflers", des "unvollkommenen Büßers", Judas als "psychologische" und "anthropologische Chiffre", als "Auslöser des Antisemitismus" und der "Antisemitismusdebatte", "Judas, der israelische Freiheitskämpfer", "der gescheiterte Revolutionär, Judas, der Märtyrer" . . .

Die biblische Figur des Judas hat tausend Interpretationen erfahren. Walter Jens lässt ihn in seiner Verteidigungsrede selbst zu Wort kommen. Aber es ist ein Judas, der selbst nicht so recht weiß, wie er sich interpretieren soll. Vor allem nach 2000 Jahren wilder Auslegungsgeschichte, in der er vor allem als Sündenbock herhalten musste: Als derjenige, der Jesus verraten, seine dreißig Silberlinge eingesteckt hat, um sich dann am nächsten Judas-Baum selbst hinzurichten. Oder war er nur das perfekte Opfer in Gottes großem Erlösungsprojekt? Oder ist er sogar der große Auserwählte?

Regisseur Christian Schäfer hat für die Tübinger Passionsspiele Walter Jens Verteidigungsmonolog mit dessen fiktiven Bericht über das "Seligsprechungsverfahren" für Judas ("Der Fall Judas" von 1975) gekreuzt. Jens ging es offensichtlich darum, die großen Erzählungen genau und historisch-kritisch zu lesen, das judas-kritische Johannes-Evangelium mit den anderen zu vergleichen, bibelzitatgespickte Diskursanalyse zu betreiben, sich aus alten Denkmustern rauszudiskutieren und die gute alte theologische Hermeneutik fürs Theater attraktiv zu machen.

Nicht umsonst läuten im Zimmertheater die Kirchenglocken, wenn die Zuschauer zu Judas Predigt samt Solo-Abendmahl einlaufen (ohne Brot, mit Schnaps). Endre Holéczy fällt die Rolle zu, sich die vieldeutige und vielstimmige, aber nicht immer ganz stimmige Judas-Figur vom Leib zu reden. Und er macht das auf entsprechend vielschichtige Art und Weise: abwechselnd lässig, schnoddrig, selbstgerecht, trotzig, selbstmitleidig, ängstlich, verzweifelt, nostalgisch, sarkastisch, heilig, durchtrieben und selbstherrlich. Wie man sich einen Judas eben so vorzustellen hat, der sich seit 2000 Jahren gegen eine eindeutige Auslegung wehren muss.

Er dreht und wendet die Schrift und die Geschichte, wie er gerade Lust hat ("Wer ohne Wort ist, werfe den ersten Stein") und liefert dem Publikum vieldeutige und symbolträchtige Bilder. Und weiß gleichzeitig, dass es wenig mit Logik zu tun hat, was die Kultur-, Kunst- und Religionsgeschichte mit ihren Positiv- und Negativ-Ikonen alles so anstellt. Im Grunde geht es auch nicht darum, ob Judas nun der Gottessohnverräter, der Planerfüllungssklave oder der große Auserwählte war. Vielmehr geht es um die alte Frage, ob, wie und wie viel ein Mensch überhaupt Gottes Wille oder das Schicksal beeinflussen kann. Judas jedenfalls will und "kann das alles nicht mehr tragen". Schließlich sei er für alles verantwortlich.

Ohne ihn hätte die Weltgeschichte einen völlig anderen Verlauf genommen. "Ohne Judas kein Jesus", ohne Judas keine Kreuzigung, keine Erlösung, keine Kirche, keine Inquisition, kein Papst, keine Kreuzzüge, kein Antisemitismus, keine Judenverfolgung.

Und ganz schlicht: Ohne das Böse kein Gutes. Und damit der Heiligenschein umso heller erstrahlen kann, brauchts eben einen, der daneben den bösen Engel spielt (Endre Holéczy ist mit schwarzen Flügeln unterwegs). Good Boy, Bad Boy. Aber was wäre aus der Weltgeschichte geworden, wenn Judas "Nein" gesagt hätte? Das musste sich nach 1945 auch so mancher fragen. Und auch Walter Jens stellt mit seinem Stück mehr Fragen, als er Antworten gibt. Bühnenbildner Jörg Zysik stellt Endre Holéczy deshalb jede Menge Mystik-Requisiten zur Verfügung: zwölf hohle Metallwürfel in Abendmahlsanordnung, die Endre Holéczy je nach Bedarf zu Klettertürmen oder zu einem Kreuz zusammenstellt, auf das er sich legt. Schließlich hat sein Judas die klare Tendenz zur Hybris, wähnt sich im großen Heilsplan als mindestens genauso bedeutend wie sein Freund Jesus.

Und wie Jesus hüllt sich Holéczys Judas deshalb auch ins Turiner Grabtuch, und wie Jesus hofft er, dass der Kelch an ihm vorübergeht. Füllt ihn aber lieber mit Schnaps. Am Ende präsentiert er sich mithilfe eines Goldtellers als orthodoxe Ikone, und liefert uns auf dem Teller seinen Kopf: Wieder so eine Auslegungssache.

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