Der Kampf um einen Schulstandort auf der vorderen Alb mit einem mittleren Bildungsabschluss ist eingeläutet. "Im vergangenen Jahr sind die Anmeldezahlen an unserer Werkrealschule drastisch eingebrochen", sagt Schulleiter Jörg Bizer. Deswegen werde der Antrag auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule jetzt ein Jahr früher gestellt als ursprünglich geplant. "Aber nicht nur aus der Not heraus, sondern weil wir von der Schulart der Gemeinschaftsschule überzeugt sind", erklärte Bizer im Römersteiner Gemeinderat, der letztlich die Antragsstellung beschließen muss.

Bizer und die Bürgermeister der beiden Trägerkommunen, Matthias Winter und Siegmund Ganser, legten ein annähernd fertiges Planwerk bezüglich der Neuordnung der Klassenräume und des pädagogischen Konzeptes vor. Voraussetzung für die Genehmigung ist eine dauerhafte Zweizügigkeit der Schule. Die Klassen fünf und sechs sollen an der Außenstelle in Hülben unterrichtet werden, die Klassen sieben bis zehn in Böhringen. Start wäre also ab dem Schuljahr 2016/17 mit den Fünftklässlern in Hülben. Eingeführt würde ein Ganztagesbetrieb, die Unterrichtszeit inklusive Freizeit und Hausaufgaben streckt sich von 7.20 bis 15.35 Uhr. "Danach sind die Kinder aber auch dann mit der Schule fertig und können ihrer Freizeitbeschäftigung nachgehen", erklärt Bizer. Der Ganztagesbetrieb wiederum zieht die Notwendigkeit der Essensversorgung nach sich. "Wir haben in der Rietenlauhalle optimale Voraussetzungen. Dort wird der Förderverein weiterhin die Essenszubereitung übernehmen", hat Ganser schon eine Lösung im Kopf. Die Einrichtung eines Essensraumes, zum Beispiel im Alten Schulhaus, sollte zunächst nicht mehr als 100000 bis 150000 Euro verschlingen. "Wenn sich die Ganztagesschule etabliert hat, kann man mit Blick auf die Grundschule über weitere Schritte nachdenken", so Ganser.

In Römerstein hätte man bis zu den ersten Ganztagesschülern zwar bis 2018 Zeit, dafür müssten dort größere Umbaumaßnahmen erfolgen. Die Essensversorgung ist das eine, eine Modernisierung der Fachräume und der Neubau zweier zusätzlicher Klassenzimmer stünden dort noch auf dem Programm. Insgesamt werden die Kosten hier auf gut 1,6 Millionen Euro veranschlagt.

Trotz dieser drohenden Investition zeigte sich der Gemeinderat selten einig bei der Beurteilung der Schulform, die auf der Alb die Chance auf einen mittleren Bildungsabschluss ermöglicht. "Ich bin froh, dass wir die Entscheidung jetzt schon treffen können" sagte Karl-Heinz Götz, "damit ist die Unsicherheit bei den Eltern vom Tisch." Von einer "einmaligen Chance für die Raumschaft" war mehrfach die Rede, angesichts der vielfältigen Möglichkeiten und der Lernformen an der Gemeinschaftsschule bedauerte Albrecht Müller gar, "dass ich nicht nochmal in die fünfte Klasse zurück kann." Mit einem einstimmigen Votum für den Antrag auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule setzte der Gemeinderat schließlich das von den Planern erhoffte positive Zeichen. Am kommenden Dienstag wird sich der Gemeinderat in Hülben mit dem Thema zu befassen haben.

Zur Umsetzung der Gemeinschaftsschule soll als Träger übrigens ein Zweckverband gegründet werden. Darin können neben den bisherigen Trägern Römerstein und Hülben weitere Gemeinden Mitglied werden. Damit könnte die Hürde der rechnerisch erforderlichen 40 Schüler pro Jahrgang leichter erreicht werden. Potenzielle Kandidaten wären Grabenstetten, Erkenbrechtsweiler und Bad Urach mit ihren Ortsteilen Wittlingen und Hengen. "Diesbezüglich laufen derzeit Gespräche", verriet Matthias Winter.

Auch mit der Entscheidungsstelle, dem staatlichen Schulamt in Tübingen, ist der Antrag vorbesprochen worden. "Die Signale von dort sind positiv, wir werden gut unterstützt. Auch dort scheint die Einsicht vorzuherrschen, dass ein Schulstandort bei uns auf der vorderen Alb unbedingt erhalten bleiben muss."

Die Gemeinschaftsschule aus Sicht der Landesregierung

Die Landesregierung versteht Bildungspolitik als einen Prozess, der von unten wächst. Dies gilt auch und in besonderem Maße für die Einführung der Gemeinschaftsschule. Es ist uns Ansporn und Verpflichtung, beste Bildungschancen für alle zu schaffen. Kinder und Jugendliche zu fördern, ihre Verschiedenheit als Wert anzuerkennen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten und Potenziale optimal zu entfalten, sind die Leitgedanken der Bildungspolitik. Das gilt selbstverständlich auch für Kinder mit Behinderungen als Teil unserer Gesellschaft. Alle Bildungseinrichtungen sollen dabei unterstützt werden, sich verstärkt auf die Unterschiedlichkeit junger Menschen einzustellen.

Gemeinschaftsschulen tragen durch individuelles Lernen zu mehr Chancengleichheit bei und sichern im ländlichen Raum wohnortnahe Schulstandorte mit einem breiten Angebot an Schulabschlüssen. Die Entwicklung einer Schule hin zur Gemeinschaftsschule wird nicht angeordnet, sondern den Akteuren vor Ort werden Möglichkeiten zur kommunalen Schulentwicklung eröffnet. Alle Beteiligten sollen bestmöglich informiert sein. Ein solches Beteiligungskonzept ist politisch gewollt und findet daher Unterstützung auf allen Ebenen der Schulverwaltung.

SWP