Neuhausen Eine 93-Jährige und ihre Botschaft an die Jugend

Rachel Dror geht mit 93 noch in Schulklassen: "Ich bin es meinen Eltern schuldig." Im Hintergrund ein Foto ihres Vaters und ein Foto von ihr im neu gegründeten Staat Israel. Foto: Carola Eissler
Rachel Dror geht mit 93 noch in Schulklassen: "Ich bin es meinen Eltern schuldig." Im Hintergrund ein Foto ihres Vaters und ein Foto von ihr im neu gegründeten Staat Israel. Foto: Carola Eissler
Neuhausen / CAROLA EISSLER 17.03.2014
Auf einer Straße in Haifa erfuhr sie sieben Jahre nach Kriegsende, was mit ihren Eltern in Auschwitz geschehen war. Die 93-jährige Rachel Dror war vor einigen Tagen als Zeitzeugin zu Gast in der Uhlandschule.

Ihr Terminkalender ist ziemlich voll. Und das mit 93 Jahren. Doch was sagt schon das Alter über eine Frau aus, die es mit Jugendlichen aufnimmt, locker zwei Schulstunden füllen kann und am Schluss ihres Vortrags mit Fragen überhäuft wird. Geschichte zum Anfassen will sie bieten, Jugendliche sensibilisieren und ihnen davon berichten, was Menschenverachtung, Antisemitismus und Diktatur aus einem Land machen können. Sie sei es ihren Eltern schuldig, nicht zu schweigen, sagt die Jüdin Rachel Dror. Aber sie ist auch fest davon überzeugt, dass sie dazu beitragen kann, eine bessere Gegenwart zu gestalten. Da hält sie es ganz mit Theodor Herzl (dem Visionär und Begründer des modernen politischen Zionismus, Anm.d.Red.), der bezüglich eines eigenen Judenstaates einst verkündete: "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen."

Es sind nur zwei Fotos der Großeltern und ein Foto des Vaters, die Rachel Dror aus ihrer frühen Familiengeschichte übrig geblieben sind. Die Eltern wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Deutsche Soldaten hatten sie in Italien, wo sie sich seit 1940 versteckt hielten, entdeckt und in den Zug verladen, der sie ins Vernichtungslager brachte. Der Familienbesitz war bereits einige Jahre zuvor, in der Reichspogromnacht im November 1938, zerstört oder geplündert worden. Die letzten Habseligkeiten verschwanden in Auschwitz. Rachel Drors Bruder hatte das Dritte Reich in England überlebt. Rund 10 000 jüdische Kinder waren vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von Engländern aus Deutschland geholt und in englische Familien gebracht worden. Rachel Dror selbst überlebte im damals noch Britischen Mandatsgebiet Palästina bei einer Tante. Im April 1939 hatte sie es auf das letzte legale Schiff, das von Italien gen Haifa ablegte, geschafft.

Rachel Levin wird 1921 im ostpreußischen Königsberg geboren. Die jüdische Familie Levin ist angesehen, hält die jüdischen Bräuche und Werte, vor allem den Respekt vor jedem einzelnen Menschen, hoch. Der Vater ist ein hochdekorierter Offizier, der im Ersten Weltkrieg genauso wie seine Brüder für das damalige deutsche Kaiserreich gekämpft hatte. "Wir hatten ein wunderbares Leben." Das ändert sich 1933 schlagartig. Rachel Levin darf sich mit ihren nichtjüdischen Freunden nicht mehr treffen, dann folgt der Ausschluss aus der Schule, die gesellschaftliche Isolation. Am Vorabend der Reichspogromnacht erlebt sie, wie Männer zusammengetrieben, gedemütigt, abtransportiert, manche an Ort und Stelle getötet werden. Der Massenmord an Europas Juden hat jedoch erst begonnen. Als das Dritte Reich 1945 zusammenbricht und Europa von der Geißel der Nazis befreit wird, sind sechs Millionen Juden vergast, erschlagen, erschossen, zu Tode gefoltert.

Rachel Levin lebt sich in dem britischen Mandatsgebiet am Mittelmeer rasch ein, 1948 wird der Staat Israel gegründet. Rachel Levin arbeitet als Polizistin, 1951 heiratet die inzwischen 30-Jährige und heißt nun Dror, ein Jahr später kommt die Tochter zur Welt. 1957 muss Rachel Dror aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurück. Sie wählt schließlich Deutschland, weil ihr Mann sich weigert, nach England zu ziehen. Nach einigen Zwischenstationen wird Stuttgart ihre neue Heimat. Rachel Dror studiert und arbeitet viele Jahre als Lehrerin für Bildende Kunst und Technik an einer Sprachheilschule. Nach ihrer Pensionierung beginnt sie mit ihrer Vortragstätigkeit, begleitet christlich-jüdische und deutsch-israelische Projekte, führt durch die Stuttgarter Synagoge. Rachel Dror will nicht einfach ihre Geschichte erzählen. Sie will Jugendliche vor Verführern warnen und ihnen Mut machen, gegen Gewalt und Menschenverachtung aufzustehen. "Schauen Sie nicht weg, wenn Unrecht passiert." Denn jeder Mensch, egal welcher Religion und welcher Nation, ist ein Geschöpf Gottes, sagt Rachel Dror.

Und dann ist da noch die Geschichte, wie Rachel Dror sieben Jahre nach Kriegsende doch noch von den letzten Lebenstagen und vom Schicksal ihrer Eltern erfuhr. Damals 1952, mitten in Haifa. Sie und ihr Mann wollten sich einen schönen Abend machen, als eine fremde Frau sie ansprach. "Du bist doch die Tochter von Hugo Levin." Die Frau hatte Rachel Dror von einem Foto erkannt. Ein Foto, das Hugo Levin im Vernichtungslager Auschwitz in der Tasche seines Häftlingsanzugs trug und allen zeigte. Vielleicht, so mag er sich gedacht haben, trifft ja jemand irgendwann einmal und irgendwo auf der Welt meine Tochter. Und kann dann erzählen, was mit ihren Eltern passiert ist.

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