Kultur Ein Paradies für kleine Reptilien

Metzingen / Regine Lotterer 23.01.2018

Merkwürdiger als Ägyptens Pyramiden erschienen dem Dichter Gustav Schwab einstmals die Sieben Keltern in Metzingen. Heute rühmen Touristiker das Gebäude-Ensemble als wertvolles historisches Erbe, das von der Jahrhunderte alten Weinbaukultur in der Stadt zeugt. In den 1960er Jahren hörte sich das freilich noch ganz anders an: Das alte Glomb sollte abgerissen werden und Neuem weichen. Gegen diese Pläne formierte sich indessen rasch Widerstand. Aus dem Protest formte sich schließlich ein Verein, der Förderkreis Metzinger Keltern (FMK). Dessen Ziel war und ist es, alle Metzinger Keltern zu erhalten, auszubauen und sinnvoll zu nutzen. Heute zählt der FMK rund 400 Mitglieder, die sich ebenso um die Pflege des historischen Erbes wie um die Wein(bau)kultur kümmern. 2016 gab der Verein deshalb eine Untersuchung in Auftrag, mit dem Ziel, ein „Maßnahmenkonzept zur naturschutzfachlichen Aufwertung der Metzinger Weinberge im Biosphärengebiet Schwäbische Alb“ auf den Weg zu bringen. Dies erfolgte auch in enger Abstimmung mit der Stadt und den Weingärtnern. Nun liegen die Ergebnisse vor, wie der Vereinsvorsitzende Walter Veit berichtet. Das erste Projekt könnte dieses Jahr umgesetzt werden.

Herr Veit, der Förderkreis will 2018 ein großes Projekt am Metzinger Weinberg umsetzen. Worum geht es?

Walter Veit Wir haben beim Biosphärengebiet einen Förderantrag gestellt, um den Bau einer Trockenmauer mit Steinriegel für Eidechsen zu finanzieren. Das kostet rund 25 000 Euro. Ob wir einen Zuschuss bekommen, erfahren wir im Frühjahr.

Wo soll gebaut werden?

Auf der Wiese am Herlishäusle. Das Areal gehört der Stadt und das Gelände bietet die idealen Voraussetzungen, um einen Teil in ein Paradies für Eidechsen zu verwandeln. Generell ist unser Ziel, die Artenvielfalt im Metzinger Weinberg und am Hofbühl nachhaltig zu verbessern. Dabei haben wir auch die Insekten im Blick. Für sie sollen Zahl und Art der Pflanzen in den Weinbergen erhöht werden.

Wie soll das funktionieren?

Wer im Frühjahr auf die Weinberge blickt, der sieht eine dominierende Farbe. Überall sieht es gelb aus, weil der Löwenzahn blüht. Wir wollen nun eine Blütenmischung anbieten, die die Vielfalt erhöht. Die Samen können die Wengerter ganz einfach auf ihren Grundstücken ausbringen. Wenn verschiedene Blumen gedeihen, erhöht sich auch die Zahl der Nützlinge. Die Wengerter können also eine Vorreiterrolle übernehmen, um dem Insektensterben entgegenzuwirken.

Die Samenmischung kann sich jeder Wengerter besorgen?

Ja, so ist es gedacht. Für den Kauf der Samen wurde übrigens ebenfalls ein Zuschuss des Biosphärengebiets in Aussicht gestellt. Bislang sind die Wengerter zwar noch nicht offiziell Partner des Bios­phärengebiets, beide Seiten haben an einer Partnerschaft aber großes Interesse.

Für die Eidechsen-Trockenmauer wird doch hoffentlich keine wertvolle Rebfläche geopfert.

Nein, nein. Die etwa 60 Quadratmeter große Fläche liegt im westlichen Bereich des Weinbergs am Herlishäusle und damit an einem Platz, an dem die Rebstöcke ohnehin nicht besonders gut gedeihen würden. Daher kommt auch der Name Herlis, dieser bedeutet etwa so viel wie schwächelnde Reben. Aus diesem Grund stand hier schon zu Urgroßvaters Zeiten ein Unterstand für die Feldschützen. Im Jahr 1890 hatte der Verschönerungsverein dann das Häuschen gebaut. Das war zu jener Zeit, als überall die Aussichtstürme entstanden sind, etwa die Unterhose in Pfullingen.

Beschränkt sich das vom Förderkreis in Auftrag gegebene Gutachten nur auf die Umgebung des Herlishäusles oder soll noch andern­orts Neues entstehen?

Die möglichen Flächen sind im Gutachten genau aufgelistet, wir haben sowohl für den Weinberg als auch für den Hofbühl detaillierte Karten erhalten. Außerdem sind die einzelnen Vorschläge in einem Textteil ausgeführt. 30 sind es insgesamt. Damit haben wir in den kommenden Jahren einiges abzuarbeiten.

Und es gilt, die nötigen Mittel dafür aufzutreiben. Gibt es den überhaupt genug Fördertöpfe, die Sie anzapfen können?

Fünf bis sechs Töpfe stehen durchaus zur Verfügung, etwa der Naturschutzfonds beim Umweltministerium. Auch eine große Versicherung hat eine entsprechende Aktion ins Leben gerufen. Dort haben wir uns bereits mit unserem Eidechsenprojekt angemeldet. Gut 2000 Euro sind dafür inzwischen zusammengekommen. Mit dem Geld möchten wir noch einen Steinriegel auf dem Hofbühl anlegen, der die Trockenmauern ergänzt.

Mit den Weinerlebniswegen hat der Förderkreis ebenfalls viel für die Attraktivität der Metzinger Wahrzeichen getan. Dem Vernehmen nach, sind die Besucher begeistert.

Das hören wir auch, und es freut uns natürlich. Immerhin wurden rund 200 000 Euro in das Projekt investiert. Nicht auszudenken, wenn sich dann niemand dafür interessieren würde. Glücklicherweise sind die Touren, die unsere Weinerlebnisführer anbieten, aber immer gut besucht. Die Weinberge sind halt einfach zu jeder Jahreszeit faszinierend, dort gibt es immer etwas zu entdecken. Dazu kommen die herrlichen Ausblicke, die sich über das Ermstal ergeben. Einfach schön. Wein und Weinbau sind ohnehin Themen, über die sich viel erzählen lässt. Von den ersten Rebstöcken, die die Menschheit genutzt hat, über den Kampf gegen Schädlinge bis zum Ausbau der einzelnen Weinsorten.

Apropos Sorten. Welcher Wein kommt bei Ihnen ins Glas, wenn sie gemütlich daheim sitzen?

Bei den Roten greife ich gerne zu Lemberger oder Schwarzriesling, bei den Weißweinen trinke ich gerne einen Grauburgunder. Aber auch Silvaner, Müller-Thurgau und andere aus Metzinger Produktion sind gute Weine. Ich finde auch, dass sich der städtische Wein, der Herlis, gut ins Sortiment einfügt. Es ist schon bemerkenswert, dass die Genossenschaft trotz der eher kleinen Anbau­fläche sieben Rot- und sieben Weißweinsorten anbietet, und dazu noch sehr gute Cuvée.

Die Qualität der Metzinger Weine wird inzwischen weithin gerühmt. Ist dies auch auf den Weinproben zu vernehmen, die der Förderkreis anbietet?

Definitiv. Ohnehin kommen unsere Weinproben gut an bei den Leuten. So ein Gläschen regt die Fantasie an und lockert die Zunge. Das sind immer schöne Abende.

Außer der Trockenmauer für die Eidechsen hat der Förderkreis dieses Jahr noch ein weiteres Großprojekt auf der Agenda. Worum geht es?

Bis zum Herbst wollen wir das so genannte grüne Häusle an der Neuffener Steige sanieren. Hier entsteht das Depot Weinbautechnik. Der Förderkreis bekommt immer wieder Gerätschaften geschenkt, die im Weinbaumuseum keinen Platz finden. Bislang lagern wir die Geräte im so genannten Bierkeller in der Schützenstraße. Wenn das grüne Häuschen saniert ist, werden die Geräte dort untergebracht und ausgestellt.

Ein zweites Museum also?

Nein, das ist nicht geplant. Wir präsentieren die diversen Geräte zwar anschaulich, das Häuschen ist allerdings nicht jederzeit zugänglich. Einen Schlüssel haben beispielsweise die Weinerlebnisführer. Das ist zudem ganz praktisch, wenn es kräftig regnet, dann kann die Gruppe unterstehen, so lange der Experte etwas erzählt.

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