Nürtingen Ein Überfall, der wohl keiner war

Nürtingen / NZ 01.03.2012
Unter dem Verdacht auf "Vortäuschung einer Straftat" wird derzeit von der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen ein Mitglied der Rettungshundestaffel des DRK Nürtingen-Kirchheim ermittelt.

Der Vorfall ereignete sich bereits im Oktober, wurde jedoch erst jetzt bekannt.

Wie die Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigte, nahm der damalige stellvertretende Staffelleiter der Rettungshundestaffel nach einer Straßensammlung im Oktober vergangenen Jahres Spenden, die noch nicht gezählt waren, mit zu sich nach Hause.

Kurze Zeit später sei er in seiner Garage mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden worden. Nachdem er wieder vernehmungsfähig war, habe er zu Protokoll gegeben, er sei überfallen und in sein Fahrzeug gesperrt worden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft jedoch hätten recht schnell ergeben, dass diese Darstellung falsch war und der stellvertretende Staffelleiter wohl Spendengelder in stattlicher Höhe veruntreut habe. Zur Vertuschung dieser Tat habe er einen Raubüberfall vorgetäuscht. Bis Ende März will die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu diesem Fall abgeschlossen haben.

Da die Öffentlichkeit bisher nicht über das seit Oktober laufende Ermittlungsverfahren informiert worden war, wurde nun in einem anonymen Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, der Verdacht geäußert, die Polizei halte Informationen zurück, da sowohl der Leiter der Rettungshundestaffel als auch der Vater des Beschuldigten und der neue stellvertretende Staffelleiter der Rettungshundestaffel Polizisten seien.

Diesen Vorwurf weisen Staatsanwaltschaft und Polizei zurück. "Informationen über vermutete Selbstmorde werden grundsätzlich nicht veröffentlicht", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Claudia Krauth. Als klar gewesen sei, dass es sich nicht um Selbstmord handele, habe man sich gegen eine Veröffentlichung entschieden, da bereits zu viel Zeit verstrichen sei, um über den Sachverhalt zu informieren. "Unter den Teppich soll hier nichts gekehrt werden", sagt Krauth. Auch der Leiter der Pressestelle der Polizeidirektion Esslingen, Matthias Bellmer weist die Vorwürfe zurück, dass man Informationen absichtlich zurückgehalten habe. Mehr wollte Bellmer nicht sagen, beruft sich auf die Aussagen der Staatsanwaltschaft.

Der Geschäftsführer des DRK Nürtingen-Kirchheim, Klaus Rau, bestätigt die Vorwürfe gegen den ehemaligen stellvertretenden Staffelleiter ebenfalls, wollte jedoch auch keine weitergehenden Erklärungen abgeben.

"Wir sind nicht Herr des Verfahrens. Bevor nicht Anklage erhoben und ein Urteil gesprochen wurde - oder auch nicht - will ich keine Mutmaßungen aussprechen", sagte Rau, der das laufende Verfahren der Staatsanwaltschaft als relativ offen bezeichnete.

Über die Höhe der mutmaßlich veruntreuten Spendengelder konnte Rau nichts sagen. Er denkt aber, dass die mutmaßliche Unterschlagung Bestandteil eines möglichen Verfahrens wird. Wie hoch der Schaden für das DRK sei, werde das Verfahren klären. Wenn sich der Tatbestand der Unterschlagung bestätige, werde der Beschuldigte jedenfalls aus dem DRK ausgeschlossen. Man werde ihn dann sicher auch belangen.

"Schließlich handelt es sich um Spendengelder, mit denen man verantwortungsvoll umgehen muss", sagte Rau. Zumindest in dem Punkt, die noch nicht gezählten Spendengelder aus der Straßensammlung mit nach Hause genommen zu haben, habe der Beschuldigte nicht den DRK-Vorgaben entsprochen. "Normalerweise werden Spenden nie von einem alleine gezählt, sondern von zwei Personen. Danach wird ein Protokoll erstellt und unterschrieben", beschreibt Rau das übliche Verfahren.

Mit dem Verschwinden von Spendengeldern samt Kassenbüchern hat der DRK-Kreisverband Nürtingen-Kirchheim vor einigen Jahren bereits unangenehme Erfahrungen gemacht.

Damals wurde dem ehemaligen Leiter der Rettungshundestaffel vorgehalten, Gelder und Ausrüstungsgegenstände veruntreut zu haben. Vor Gericht wurde zu jener Zeit ein Vergleich geschlossen.