Metzingen Ein Rekord und 2400 glückliche Gesichter

Die Läufer geben alles und haben möglicherweise nicht mal einen Sinn fürs schöne Ermstal.
Die Läufer geben alles und haben möglicherweise nicht mal einen Sinn fürs schöne Ermstal. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Von Peter Kiedaisch 08.07.2018

Etwas wehmütig hat Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler kurz vor 9 Uhr von jenseits des Absperrbandes auf den Start- und Zielbereich geschaut.

Dort herrschte munteres Treiben. Wer nicht noch eine Runde um den Block lief, um sich warm zu machen, dehnte sich dort. Die Läufer unterhielten sich, sie lachten, und trotz aller Aufregung freuten sie sich auf all die Kilometer, die ihnen schon bald in die Knochen kriechen würden: „Mann, eigentlich ist das schade“, ärgerte sich der OB, denn er wäre gerne mitgelaufen, wenigstens die Zehnkilometer-Strecke. „Aber ich wurde für den Startschuss angefordert. Trotz bester Vorbereitung ging es also nicht“, sprach er lachend ins Mikrofon.

Rekord: 2430 Starter gemeldet

Es sind immer solche Momente, die es braucht, um das eigene Leben kurz zu reflektieren und es womöglich ändern zu wollen. Nächstes Jahr, da waren sich gestern viele Zuschauer einig, „bin ich auch dabei“.

Wie viele nächstes Jahr starten wollen, weiß jetzt noch niemand. Gestern aber waren es so viele wie noch nie. Zum zehnten Ermstal-Marathon waren 2420 Starter gemeldet. Das ist ein Rekord, der die Veranstalter bestätigt. Und der den 320 Helfern am Straßenrand sicher gut tun wird. Denn ohne die helfenden Hände, ohne die Wasserspender und ohne die Männer und Frauen, die den ausgelaugten Läufern unterwegs durchnässte Schwämme reichten, würde das alles ja gar nicht funktionieren. Und wenn vorneweg nicht einige Jungs mit den Rädern führen, gäbe es spätestens dann ein schlimmes Chaos, wenn sich die in Metzingen gestarteten Halbmarathon- und Marathonläufer und die in Bad Urach ins Rennen gegangene Zehnkilometer-Läufer auf der Strecke entgegenkommen: „Rechts laufen!“ ertönt es dann von den Fahrrädern runter, und unterstützt von einer Trillerpfeife ist diese Warnung laut genug und wird auch befolgt.

Wie ein Lindwurm zieht sich gleich nach dem Start das Feld in die Länge. Bei Kilometer drei passieren die Läufer in Neuhausen die Keltern. Dort stehen Zuschauer und feuern die Sportler an. Wenn es mal besonders laut wird, kommt in der Regel ein Neuhäuser vorbei. Oder diese kleine, aufrecht laufende Frau mit schwarzem Haar. „Mocki!“ rufen ihr die Zuschauer zu. Es ist der Spitzname der späteren Siegerin des Halbmarathons, Sabrina Mockenhaupt. Sie nadelt die Kilometer runter, als würde sie Akkord arbeiten in einer Näherei. Dabei schart sie eine Gruppe von drei Läufern um sich, die schwer atmen, während Mocki, so scheint es zumindest von außen, auf sie einredet.

Zu wenig Wolken?

Doziert sie über sportwissenschaftliche Erkenntnisse, berichtet sie über den letzten Kinofilm, der sie gelangweilt hat? Man weiß es nicht. Am Ende wird sie die letzten hundert Meter vor dem Ziel im Zickzack von einer Seite zur anderen laufen und Hände abklatschen. Im Ziel redet sie weiter, so als wäre sie gerade vom Küchentisch ins Wohnzimmer gegangen: „Ich lauf jetzt erst mal nach Hause, dann dusch’ ich, dann komm ich wieder.“ Zur Siegerehrung. Dann schnappt sie sich nochmal das Mikro: „Und ein Secktschen gönn’ isch mir auch noch.“

Nicht allen war gestern so viel Gelassenheit vergönnt. Eine Läuferin blickte noch vor dem Start nach oben. Sie sah zu wenige Wolken und fürchtete die Hitze des Tages. Der begegneten manche mit Trinkrucksäcken, andere sah man hingegen in langen Hosen laufen, und weil gleichzeitiges Reden und Atmen während großer Anstrengung durchaus zu jener Disziplin gehört, die einige Übung verlangt, haben sich viele aufs Schweigen während des Leidens verständigt. Sie waren an Kopfhörern zu erkennen und haben wohl Musik gehört. Die Armen, da konnten sie bei der Ziel­ankunft gar nicht den Worten des Moderatorenduos lauschen, das alle Läufer namentlich begrüßte.

Das DRK war mit 35 Einsatzkräften im Dienst. Es gab immer wieder Probleme im Ziel. Läufer gingen in die Knie, weil das Letzte, das sie zu geben hatten, verbraucht war.

Einsatzleiter Daniel Schnell verzeichnete dennoch einen ruhigen Tag. Im Vergleich zu den Vorjahren gab es wenig Kreislaufprobleme. Die Nacht zuvor war kühl, so umwehte wenigstens die Zehnkilometer-Läufer ein frisches Lüftchen. Und ehe sich dann doch die Julisonne wie eine Bleikugel an die Fußknöchel ketten konnte, waren die entweder schon im Ziel oder hatten es zumindest gedanklich schon vor Augen. Dort einmal angekommen, war die Qual vergessen, und das muntere Treiben verschluckte lachende Gesichter.

Es muss schön sein, dort anzukommen. Das gilt erst recht für die, denen die Zeit gar nicht wichtig ist. Dabei sein, ist schön, ankommen ist schöner.

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Mal hat es jetzt den Ermstal-Marathon schon gegeben. Die Akzeptanz steigt, das zeigt auch die Tatsache, dass der Lauf gestern mit 2420 Startern neuer Teilnehmerrekord ist.

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