Kommentar Ein Maßstab fürs Land

Peter Kiedaisch.
Peter Kiedaisch. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Von Peter Kiedaisch 28.07.2018

Warum sah es am Donnerstagnachmittag von der B 28 aus betrachtet so aus, als stünde eine Rauchsäule über dem Bad Uracher Stadtteil Hengen? Gebrannt hat es jedenfalls nicht. Es war ein Mähdrescher, der in rasanter Fahrt übers Feld fuhr und Frucht schnitt. Dabei wirbelte der fahrbare Riese aus Stahl und Blech so viel staubtrockene Erde hoch, dass es kurz so aussah wie weiland, als während des 30-jährigen Kriegs marodierende Truppen ganze Dörfer brandschatzten. Schuld daran hat ein Wetterphänomen, das die Mehrheit der Klimaforscher der globalen Erderwärmung zuschreibt. Insofern war auch diese Säule aus Staub über Hengen ein Mahnmal, so schön dieser Sommer auch ist. Was der Metzinger Arbeitskreis Stadtgeschichte in vielleicht 370 Jahren über das Klima zu Beginn des 21. Jahrhunderts und dessen Folgen schreiben wird, können wir heute noch nicht abschätzen, aber wir können lesen, was der Arbeitskreis in seinen neuem Spuren-Heft über den 30-jährigen Krieg sagt, der übrigens vor 370 Jahren zu Ende ging. Wenn man bedenkt, dass der Erste Weltkrieg, der doch vor wenigen Jahren noch im öffentlichen Gedächtnis präsent war, auch schon wieder 100 Jahre zurückliegt, relativieren sich die zeitlichen Abstände. Würde sich doch auch die Debatte um Mesut Özil relativieren! Schlimm, wie sie ihm fast alle der Reihe nach auf den Leim gehen und sich in eine Debatte über Rassismus verwickeln lassen, die es gar nicht geben kann. Denn einen Mann dafür zu kritisieren, dass er sich mit einem Despoten Hände schüttelnd fotografieren lässt, ist noch nicht mal ansatzweise fremdenfeindlich und schon gar nicht rassistisch. Es ist nur konsequent und zeigt, dass Begriffe wie Respekt und Toleranz unbedingt einer semantischen Überprüfung badarf. Nur als Anregung: Toleranz ist erstens kein Selbstzweck. Und Respekt, zweitens, muss man sich erarbeiten. Den hat sich übrigens Metzingens Stadtverwaltung verdient. Die Bürgerbeteiligung in Sachen Bäderdiskussion würdigten Vertreter des Staatsministeriums als vorbildlich. „Alle Achtung! Mit dem Beteiligungsprozess um das Bongert-Bad setzt die Stadt Metzingen Maßstäbe für das ganze Land“, heißt es in einer Pressemitteilung dazu. Das, nebenbei, hört sich ganz und gar nicht so an, als hätten Stadtverwaltung und Gemeinderat längst vor Beginn der Debatten die Weichen aufs Kombibad gestellt. 

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