Einmalig, einzigartig, nicht vergleichbar - diese Worte wählt Dr. Gerd Stegmaier, um zu beschreiben, was er und seine Studenten der Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen in dem Gräberfeld beim Burrenhof in den vergangenen fünf Wochen ausgegraben haben. "Es ist ein kleiner Befund auf den ersten Blick, von der Bedeutung her aber immens, weil uns das bislang nicht bekannt war", sagt er. Seine Begeisterung scheint greifbar. "Wir haben es mit einem archäologischen Denkmal zu tun, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem spätkeltischen Totenkult steht, das so hier nicht bekannt ist." Doch von Anfang an:

Die Schubkarren neben den Hügeln aus Abraum sind gefüllt mit Grabungswerkzeugen wie Spaten, Schaufeln, Hacken, Eimern, Kellen, Stuckateurwerkzeug und der Hitze wegen auch Sonnencreme und viel Wasser. Es ist kurz vor 9 Uhr. Seit einer Stunde sind die Studenten an der Ausgrabungsstelle, die teils noch mit Plane abgedeckt ist. Im Schnitt knien Eva, Veronika, Maria und Guido. Sie alle haben kleine Kellen in der Hand und ziehen deren scharfen langen Kanten vorsichtig über das geschichtsträchtige Erdreich. Dieses birgt viel Keramik, sehr viel Holzkohle, verziegelten Lehm, verbrannte und unverbrannte Knochen. Auf wenigen Metern liegen dort 900 Jahre Geschichte, nämlich zwischen 1200 und 100 vor Christus, zwischen einem Brandgrubengrab und einem Steinbefund.

Der liegt noch verborgen unter der Plane und "sieht spektakulär aus", sagt Stegmaier und betont, dass er das Wort "spektakulär" nicht häufig verwendet. Als die Studenten die Plane ganz vorsichtig entfernen, um den Befund nicht zu zerstören, kommt eine Steinkonzentration aus Lochgestein zutage, die nicht natürlich ist, sondern vom Menschen dort platziert wurde. Drum herum ist deutlich eine rechteckige Verfärbung mit abgerundeten Ecken zu sehen. Eine Grube, die mindestens 30 bis 40 Zentimeter tief war, vermutet Stegmaier.

Sie wurde nach der Nutzung mit Findlingssteinen abgedeckt, darüber kamen vermutlich Bretter und darauf plattige Kalksteine. In der Grube fand sich unter anderem sogenannte Kammstrichkeramik aus der Zeit unmittelbar vor der Entstehung des Heidengrabens. "Sicher ist, wir haben es mit einer Ritualstruktur zu tun mitten im Gräberfeld, die uns belegt, dass der Ort über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren als Bestattungs- und Ritualplatz genutzt wurde", sagt Stegmaier. Es datiert in die spätkeltische Zeit, also um das 2./1. Jahrhundert vor Christus. "Damit kommt es erstmals zu einer zeitlichen Bindung zwischen Gräberfeld und dem Oppidum Heidengraben."

Es ist dieser Befund, der Gerd Stegmaier dermaßen begeistert, dass er jetzt, eine Woche später, als er diese Worte während der Pressekonferenz wiederholt, auch sagt: "Das ist der Hammer." Es ist nämlich ein einzigartiger Befund. Inzwischen steht fest: Die rundovale Grube hat die Maße drei Mal 3,2 Meter, auf deren Sohle kam eine 70 mal 70 Zentimeter große Feuerstelle zutage, in der ein heftiges Feuer gebrannt hat und die vermutlich mehrfach genutzt wurde. Drumherum fanden er und die Studenten eine sehr massive Holzkohlestreuung mit verbrannten und unversehrten Knochen von Schaf, Ziege eventuell Schwein und vielleicht auch Reste menschlicher Knochen. Außerdem fanden sie ein Dutzend Keramikgefäße und Eisengegenstände, die mehrfach paarweise um die Grube deponiert waren. Zudem wurde eine kleine Silbermünze mit Pferdeprägung und ein Tonrundel gefunden. "Die Grube ist auf Grund der Datierung, Zusammensetzung und Platzierung einmalig in Baden-Württemberg und den Grenzen Südwestdeutschlands hinaus", sagt Stegmaier den bedeutungsschweren Satz.

Die Grabung mit dem jetzigen Praktikum für die Studenten knüpft da an, wo im vergangenen Jahr die Lehrgrabung aus Zeitmangel aufhören musste. Das ist auch der Grund, weshalb die Studenten ein zweites Jahr mitgraben. Nicht nur, weil sie während der Ausgrabung aus dem Alltag raus und vom Schreibtisch weg in die Natur kommen. In der ersten Woche der Ausgrabung leisteten sie die grobe Arbeit mit Spaten und Hacken, mit Blasen an den Händen und Muskelkater. Jetzt ist es hauptsächlich die Feinarbeit mit der Kelle. "Man muss den Boden kennenlernen und wissen, wie man damit umgeht, das würden wir an der Uni nie lernen", sagt Eva. "Über Kammstrichkeramik kann man viel lernen, aber es ist etwas anderes, wenn man sie in der Hand hat", erklärt Guido. Und Maria ergänzt: "Scherben, Steine, Knochen, Holzkohle und Leichenbrand, das zu unterscheiden ist nicht einfach."

Allen ist bewusst, dass sie - wie auch die landschaftliche Nutzung der Fläche - mit der Ausgrabung archäologischen Befund zerstören. Aber: "Es ist wissenschaftlich von hohem Wert", unterstreicht Veronika die Arbeit. "Deshalb ist die Dokumentation so essentiell", sagt Maria. Das bedeutet, jeder Fund wird eingemessen und fotografiert, gleiches gilt für den Befund. "Ich mache Bilder aus so vielen Perspektiven wie möglich, es wird alles so gut wie möglich erfasst", erklärt Eva. Aus diesen Fotos werden dann 3D-Modelle erstellt.

Inzwischen ist die Ausgrabung so gut wie abgeschlossen. Finanziert wurde sie übrigens zu 98 Prozent aus Spenden des Fördervereins für Archäologie, Kultur und Tourismus (FAKT), des Fördervereins Heidengraben, zudem spendeten Achim Lehmkuhl und Christel Bock einen Teil ihres Preisgeldes des Landesarchäologiepreises Baden-Württemberg. Die Studenten haben während der Grabung in der Jugendwerkstatt in Hülben gewohnt. Das zeigt Stegmaier die große Unterstützung aus der Region und den Rückhalt, den sie haben. Im kommenden Jahr geht es weiter mit der Ausgrabung, denn der Befund sei nur die Spitze des Eisberges, "es ist ein ganz kleiner Bereich des weitläufigen Gräberfeldes", sagt Stegmaier. Doch reicht dieser aus um zu sagen: "Sowohl die spätkeltische Stadtanlage des Heidengrabens als auch das Gräberfeld beim Burrenhof sind für sich allein genommen eine Besonderheit im keltischen Kulturraum. Zusammen betrachtet sind sie jedoch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einzigartig und damit keinem anderen Fundplatz dieser Zeit vergleichbar."