Legt sich der Tag zur Ruhe, tut es ihm der menschliche Geist gleich. Fernab des Alltags eröffnen sich dabei mitunter fantastische Welten voller Ahnungen und Sehnsüchte. Der Moment, in dem sich der Traum anschickt, sich über den Verstand zu erheben, war stets ein Quell künstlerischen Schaffens.

Am Sonntag in der Zehntscheuer war der Zustand zwischen Wachen und Schlafen der programmatische Rahmen für das Frankfurter Vokalsextett Bolongaro. Ganz und gar ausgeschlafen, hing es musikalischen Traumwelten nach und entführte rund 40 Zuhörer dorthin.

Der Entführung schuldig gemacht haben sich, unter Beihilfe der Münsinger Musikfreunde, namentlich Sabina Vogel und Stephanie Muhl (beide Sopran) Eva Wachter (Alt), Steffen Schwendner und Gabriel Heun (beide Tenor) sowie Jakob Zscheischler (Bass). Das Frankfurter Sextett stellte beim Gastspiel auf der Alb unter Beweis, warum es unverändert zum Besten zählt, was die deutsche Vokalszene zu bieten hat. Vom Start weg zeigte die A-cappella-Gruppe, wozu die menschliche Stimme fähig ist, so sie denn Teil eines perfekt abgestimmten Gesamtbilds ist. In "Sleep" (2000) zeichnet der US-Komponist Eric Whitacre jenen Dämmerzustand als einen aus der Stille anschwellenden Klangfluss. Das Ensemble glänzte mit glasklarer Artikulation und geschliffener Homogenität über die Lagen hinweg.

Das Sextett faszinierte auch in der Folge mit einem reichhaltigen Klangspektrum. Die hellen Stimmlagen schälten sich gemeinsam oder einzeln ein ums andere Mal aus dem sonoren Bassfundament, kunstvoll umschlangen und überkreuzten sich die Stimmen, nur um am Ende wieder in gleißender Harmonie zu versinken. Es wurde gepfiffen und geflüstert, aber auch gestampft und gekreischt. Denn, wie das eben mit Traumwelten so ist, sie können verlockend sein, aber auch düster, drohend und dämonisch. So feingliedrig und bisweilen lustvoll tänzelnd sich das Sextett zuvor den süßen Nachtschattengewächsen widmete, so wuchtig und mit expressiver Kraft durchzogen waren dann die von Hugo Distler schroff und kantig niedergelegten Bildnisse vom "Feuerreiter".

Auch hier gelang es, bestechende Gesangskunst mit erzählerischer Intensität zu paaren. Dramatik, Atemlosigkeit, Furcht: Die nächtliche Gefahr war gleichsam mit Händen zu greifen. Umso mehr, als die Sänger die Aspekte des Themas auch erklärend vertieften. Steffen Schwendner erntete mit seinem schauspielhaften Vortrag über den traurigen Mönchsgeist zu Recht Szenenapplaus. Jene Einsprengsel verwandelten den Konzertabend in eine bildhafte Collage aus Text und Musik und versetzten die Zuhörer in die Lage, dem sinnenschweren Ritt durch die Nacht zu folgen: vorbei an Shakespeares Hexenküche, verfolgt von unheimlichen Kreaturen und beseelt durch die nimmer endende Suche nach der Angebeteten.

Das Bolongaro-Sextett hinterließ dabei einen formidablen Gesamteindruck. Klangschön, ausdrucksstark in ruhigen wie in turbulenten Passagen, dynamisch im feinsten Pianissimo wie in Momenten strotzender Kraft, entfaltete sich eine geradezu symphonische Fülle. Und das in einer Reinheit, die den hell und klar prangenden Sternen in Helmut Barbes Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" in rein gar nichts nachstand.