Glems Ein Apfel, viele Namen

Glems / Michael Koch 08.09.2018

Nur keine Hemmungen“, sagt Thilo Tschersich von der Grünflächenberatungsstelle des Landratsamtes in Reutlingen. Er sammelt im gesamten Kreisgebiet Obstsorten. Für viele Laien stellt sich aber das Problem, dass sie gar nicht wissen, welche Apfel-, Kirsch oder Zwetschgensorte sie auf ihrem Grundstück stehen haben. „Jeder sollte den Baum bei der Meldung so bezeichnen, wie er ihn kennt. Daraus lassen sich häufig Rückschlüsse ziehen“, ermuntert Tschersich.

Tatsächlich gibt es für fast alle Obstsorten mehrere Namen (Beispiel siehe Info-Kasten), ein Falsch und Richtig ist daher gar nicht immer eindeutig zu definieren. Von Ortschaft zu Ortschaft, von Baumwart zu Baumwart, von Tal zu Tal  kann für ein und die selbe Sorte ein unterschiedlicher Name gebräuchlich sein. Erst eine genauere Untersuchung durch die Pomologen belegt dann die Übereinstimmung. „Wir lernen da ja selbst noch jeden Tag dazu“, sagt Tschersich. Ein Beispiel: Die Bempflinger Luike ist ausschließlich in Glems gemeldet. „Man darf aber natürlich bei der Namensgebung davon ausgehen, dass die Sorte früher auch in Bempflingen angesiedelt und sehr beliebt war“, sagt Tschersich. Hier liege der Verdacht nahe, dass es sich bei der Kleinbettlinger Luike um die selbe Sorte handeln kann wie bei der Bempflinger Luike. „Dem ist dann tatsächlich aber überhaupt nicht so, die Kleinbettlinger weist ganz andere Eigenschaften auf.“

So zählt die Bempflinger Luike zu jenen Sorten, die Thilo Tschersich jetzt zur Verifizierung ans Kompetenzzentrum Obstbau nach Bavendorf geschickt hat. Hintergrund: Vielleicht ist die Bempflinger Luike schon bekannt, heißt aber andernorts ganz anders.

Was für die Sortennamen gilt, gilt auch für die Eigenschaften und Verwertungsmöglichkeiten des Obstes. Welcher Apfel eignet sich für Apfelmus und ergibt eine schöne Farbe, welcher Apfel ist gut für Most oder Apfelkuchen geeignet, welcher Apfel schmeckt besonders gut und eignet sich somit als Tafelobst. „Hier geht uns unheimlich viel altes Wissen verloren. Auch daran haben wir natürlich Interesse und sind über jeden Hinweis dankbar“, sagt Thilo Tschersich. Weitere Fragestellungen wären zum Beispiel, welche Sorten besonders lange haltbar und lagerfähig sind oder welche Sorte mit anderen Früchten besonders gut korrespondiert, etwa wenn ein Apfelmost des Geschmacks wegen mit Birnen angereichert wird. „Gerade in Jahren wie diesem mit einem besonders großen Ernteertrag sind solche Informationen sehr hilfreich. Ich möchte natürlich nur die Apfelsorte einlagern, die auch nach einiger Zeit noch schmeckt oder gut verwertbar ist“, erklärt Tschersich. „Die Leute sollten ihr Wissen und ihre Erfahrung besser wertschätzen.“ Der Fachberater ruft ältere Grundstücksbesitzer dazu auf, Kinder oder Enkelkinder an den Computer zu holen und gemeinsam mit ihnen die Informationen über Homepage oder App an die Grünflächenberatungsstelle zu senden.

Tatsächlich beobachtet Tschersich, dass sich wieder mehr junge Menschen für den Obstbau interessieren. Heimische Produkte seien im Trend. Oftmals aus Unkenntnis geben Obstbauern ihre Ernte bei heimischen Mostereien ab, um dann zu Hause Fruchtsäfte aus Konzentrat zu trinken. „Das ist eigentlich unter der Würde von Württembergern“, stichelt Tschersich. Wer mit dem Erlös für sein Obst verständlicherweise nicht zufrieden ist, für den Doppelzentner Äpfel gibt es derzeit etwa sieben Euro, der kann sein Obst auch bei den „Ebbes guads“-Annahmestellen abgeben. Dort werden zwölf Euro bezahlt, die Produkte sind dafür natürlich teurer, aber eben auch nachweislich aus Obst aus der Region hergestellt.

Noch mehr bezahlen örtliche Brennereien, die sortenreine Produkte herstellen. Wer exakt die gesuchte Sorte liefern kann, der bekommt bis zu 20 Euro für den Doppelzentner.

Das Sortenprojekt im Landkreis Reutlingen, das ursprünglich nach drei Jahren in diesem Jahr ausgelaufen wäre, wird übrigens 2019 fortgeführt. Der Kreisobstbauverband wird das Projekt weiter unterstützen.

Info Die große Sortenausstellung und -bestimmung durch einen Pomologen ist am 20. und 21. Oktober im Obstbaumuseum in Glems. Dazu sollten fünf Äpfel eines Baumes mitgebracht werden. Sind die Äpfel jetzt schon reif, dann sollte sie der Besitzer in eine Plastiktüte packen, diese zwei Mal mit einem Locher stanzen und dann bis zur Sortenbestimmung im Kühlschrank aufbewahren.

Viele Sorten sind unter verschiedenen Namen bekannt

Die Namen der Sorten sind oft vielfältig – das heißt, für eine Sorte sind mehrere Namen „im Umlauf“. Diese sind bisweilen nur in ganz kleinen Gebieten gebräuchlich. Viele Synonyme weisen auf eine lange Nutzungsgeschichte, eine größere Verbreitung der Sorte hin, mindestens aber auf eine hohe Wertschätzung. Daher sind im Sortenprojekt die jeweils familiär gebräuchlichen Namen der Sorten von Interesse. In der Wissenschaft der Obstkunde, der Pomologie, gilt der erste in der Literatur erwähnte Name. Diese oft langen Namen wurden abgekürzt, Beispiel: „Weißer Winterglockenapfel“ zu „Glockenapfel“. Nachstehend ein paar spannende Namen aus unserem Landkreis.

Knausbirne, Weinbirn, Zankbirn (Göppingen), Fassfüller, Pfullinger Birn: Die Sorte ist „Streuobstsorte des Jahres 2018“ und war im Pfullinger Raum stark verbreitet – die eichengroßen Bäume lieferten Obst für Most und zum Dörren.

Remele, Remelin, Junkersbirne (Glems), Schwäbische Wasserbirne: Eignet sich als Tafel- und Wirtschaftsbirne, galt schon 1854 (Eduard Lucas) als sehr robust und besonders auf der Münsinger Alb verbreitet.

Ochsenherzbirne: Bislang sind keine Synonyme bekannt. Der Name ist selbsterklärend und greift die Form der Birne auf. Von dieser zart-schmelzenden Sorte sind noch zwei Bäume bekannt. Sie wurde im Projekt vermehrt.

Bihlmayer, Dirgannele (Glems), Türkenannele: Die auffällig längliche, gestreifte Sorte wurde schon 1790 als Lokalsorte erwähnt, allerdings für Bad Urach. Ob sie dort noch vorkommt ist bislang unbekannt.

Reutlinger Streifling, Joser Apfel (Balingen): Der schön große, weißliche Apfel mit karmesinroten Streifen war einer der begehrtesten Konditorenäpfel. Er wurde im Balinger Raum durch den Baumwart Joser eingeführt und dort nach ihm benannt.

Schnabelsapfel, Holweger (Ermstal), Konstanzer (Esslingen, Fildern), Zeeb-Michel (Balingen), Glucker (Neuffener Tal): Ebenfalls eine hochbegehrte Sorte für die Konditorei, aber auch für den Most. „Vom Landmann geschätzt“ (Lucas, 1854). Der Apfel ist wie langgezogen aussehend, recht groß. Die Bäume sind sehr schorf-resistent.

Muskatellerluiken, Jägermichel (Ermstal), Baschesapfel (Remstal), Schmiedbästles-Apfel (Reutlingen): Dieser plattrunde, leuchtend rote Apfel wurde früher sogar als Tafelobst vermarktet. Bringt jedes Jahr viel Ertrag. Begehrt war er für die Mostbereitung. Der in Reutlingen gebräuchliche Doppelname ist abzugrenzen von einer Lokalsorte im Ermstal – dem Schmiedbastele. Das ist ein sehr schmaler, langgezogener Apfel.

Das Projekt zur Erhaltung der Sortenvielfalt des Kreisobstbauverbandes sucht weiter Meldungen – melden Sie die Ihnen geläufigen Sortennamen und Baumstandorte auf der Internetseite www.sortenerhalt.de oder mittels der Smartphone-App. Durch den Einsatz moderner Technik sollen gezielt Jung und Alt zur Zusammenarbeit angeregt werden. Damit altes Wissen erhalten bleibt. Kontakt: Thilo Tschersich, Telefon (0 71 21) 480 33 27, www.sortenerhalt.de, t.tschersich@kreis-reutlingen.de.

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